Frankfurt

Eher »OY« als »YO«

Was diese Ausstellung will, deutet sich schon vor dem Betreten des Museums an. Eine Skulptur aus zwei großen, knallgelben Buchstaben begegnet uns auf dem Vorplatz des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main. Je nachdem, aus welcher Richtung man den nach der Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim benannten Platz betritt, ergibt die Skulptur die Worte »OY« oder »YO«.

Der jiddische Ausruf der Wehklage und die Grußformel im Slang US-amerikanischer Großstädte markieren die beiden Pole von Mishpocha. The Art of Collaboration. Das »Ausstellungs- und Happening-Projekt« möchte unterschiedliche Seiten des titelgebenden hebräischen und jiddischen Wortes für Familie beleuchten. Das Jüdische Museum erzähle vielfach Familiengeschichten, sagt Direktorin Mirjam Wenzel. Als Beispiele führt sie die Familien Rothschild und Frank sowie die zuvor gezeigte Ausstellung zu Ruthe Zuntz’ weitverzweigtem Stammbaum an.

»Eine Familie, die wir uns suchen«

Neben der Mishpocha, in die man hineingeboren wird, gebe es »eine Familie, die wir uns suchen«, die also nicht allein auf Herkunft basiere, sagt Wenzel. Sie spricht von einer aktiv geschaffenen Gemeinschaft von »like-minded people«. Susanne Völker, Geschäftsführerin des Co-Ausstellungsförderers Kulturfonds Frankfurt RheinMain, gebraucht den treffenden Begriff »Wahlverwandtschaften«. »Sich-verbunden-, Sich-angezogen-Fühlen aufgrund geistig-seelischer Übereinstimmung, ähnlicher Wesensart«, lautet dessen Definition im Duden-Wörterbuch.

Die diese Schau flankierenden Anglizismen sind unter anderem auf Michael Diamond zurückzuführen: Der unter seinem Künstlernamen Mike D. als Mitglied der New Yorker Hip-Hop-Band Beastie Boys bekannt gewordene Musiker fungiert als künstlerischer Direktor und Aushängeschild der Ausstellung. In der Vorbereitungsphase ist Michael Diamond mehrfach in Frankfurt gewesen. Mirjam Wenzel berichtet von intensiven Workshops und betont, Mishpocha sei »wirklich eine Kollaborationsausstellung«. Seitens des Museums wurde sie von Franziska Krah kuratiert.

Als Kooperationspartner sind zudem das Designbüro Atelier Markgraph und das ebenfalls in Frankfurt ansässige Gastronomieunternehmen Ima Clique dabei. Deren Co-Chefs, Stefan Weil sowie James und David Ardinast, seien vor zehn Jahren mit der Idee einer Ausstellung über die Beas­tie Boys auf sie zugekommen, erinnert sich Mirjam Wenzel. Der Vorschlag wurde aber seinerzeit nicht weiterverfolgt: »Wir machen keine Ausstellungen über lebende Menschen, sondern mit Menschen.«

Die aus mehreren Teilen zusammengesetzte Schau ist schwer zu greifen.

Eine Zusammenarbeit kam dennoch zustande. Bei seinem ersten Frankfurt-Besuch habe ihn vor allem das Museum Judengasse fasziniert, sagt Michael Diamond. Er komme aus New York, einer sehr, sehr jüdischen Stadt. Über das jüdische Leben in der frühen Neuzeit habe er aber nichts gewusst, gibt Diamond zu. Er arbeite gern kollaborativ, sagt der Musiker und deutet an, die gemeinsame Arbeit an der Ausstellung sei intensiv und nicht ohne Dissens gewesen.

Die Sound-Installation »The Sound of Mishpocha« leitet den Rundgang ein

Die aus mehreren Teilen zusammengesetzte Schau ist schwer zu greifen. Am Beginn steht eine museale Präsentation, die überaus anregende Einblicke zu ihrem Titelthema gewährt. Jan Ove Hennigs Sound-Installation »The Sound of Mishpocha« leitet den Rundgang ein. Der Künstler und Musikproduzent hat 30 Personen zu ihrer Sicht auf den Begriff »Mischpoche« befragt. So berichtet ein Frankfurter auf Jiddisch von seiner Familie und deren feiertäglichen Jom-Tow-Zusammenkünften; eine englischsprachige Frau erzählt wiederum, sie habe erst in Deutschland erfahren, dass das Wort »Mischpoche« einen negativen Beiklang haben kann.

Für seine Fotoreihe »Mischpoche. Being Jewish, However« lichtete Jan Zappner in Deutschland lebende Juden ab und befragte sie zu Zugehörigkeit, Herkunft und Familienverständnis. Die in New York lebende Künstlerin Ira Eduardovna reinszenierte für »The Library Room« das gemeinsame Packen eines Koffers. Die aus fünf Screens zusammengefügte Video-Installation zeigt sie im Kreis ihrer aus Usbekistan nach Israel eingewanderten bucharischen Familie. Das ansonsten sehr aschkenasische Bild lockern auch die äthiopischstämmigen israelischen Künstler Nirit Takele und Shimon Wanda mit ihren Gemälden auf.

Die restliche Ausstellungsfläche ist Räumen vorbehalten, die mit Musik sowie Foto- und Videoprojektionen popkulturelle Gemeinschaften als »Chosen Family« zeigen und die Besucher zum Mitmachen animieren sollen. Zunächst lässt uns eine Art Klub in die audiovisuellen Welten von Techno, Hip-Hop und Punk eintauchen. Und im letzten Raum besteht die Gelegenheit, gemeinsam mit anderen Besuchern eigene elektronische Live-Musik zu machen.

Eine buchstäbliche Bühne für Bands, Tanzgruppen, Rapper, DJs, Poetry-Slammer und weitere Akteure will die »Open Stage« auf dem Museumsvorplatz bieten. Ein üppiges Rahmenprogramm und flankierende Ausstellungen dehnen das Projekt zeitlich und räumlich aus. Voller disparater Eindrücke verlassen wir derweil das Museumsgelände. Noch einmal fällt der Blick auf Deborah Kass’ gelbe Buchstabenskulptur, während uns ein laut geseufztes »OY« entfährt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 27. September zu sehen.

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