Im Frühjahr 2024 erlebte der amerikanische PEN-Club einen kleinen Aufstand: Eine Gruppe von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, unter ihnen die bekannte jüdisch-kanadische Antikapitalistin Naomi Klein, schrieb eine Serie von offenen Briefen an den Vorstand, in denen gefordert wurde, der PEN-Club möge Israel wegen des Krieges im Gazastreifen härter kritisieren.
Vor allem forderten die Unterzeichner und Unterzeichnerinnen den Vorstand ultimativ auf, Israels Krieg als Genozid zu bezeichnen. Zwar hatte der amerikanische PEN-Club protestiert, wenn palästinensische Autoren ins Visier der israelischen Armee gerieten. Aber er hatte sich dabei auf seine Kernmission zurückgezogen, die Freiheit der Meinungsäußerung zu verteidigen. Auch vor dem G-Wort war der PEN-Club stets zurückgeschreckt.
Vor allem Suzanne Nossel, die damalige Vorstandsvorsitzende des amerikanischen PEN-Clubs, die Jüdin ist, wurde deswegen heftig kritisiert. Naomi Klein und Co. beschuldigten Nossel, »seit Langem loyal gegenüber dem Zionismus, der Islamophobie und imperialen Kriegen im Nahen Osten« zu sein.
Das »World Voices Festival«, ein internationales Schriftstellertreffen in New York, konnte wegen dieses Streits 2024 nicht stattfinden; auch eine Verleihung von Literaturpreisen des PEN-Clubs musste ausfallen. Am Ende trat Suzanne Nossel von ihrem Posten zurück; auch die damalige Präsidentin des amerikanischen PEN-Clubs warf das Handtuch.
Der Jewish Book Council hat eine Hotline zum Antisemitismus eingerichtet.
Als 2025 der äthiopisch-amerikanische Schriftsteller Dinaw Mengestu sein Amt antrat, wurde dies von einer Organisation, die sich »Writers Against the War in Gaza« nennt, als Sieg gefeiert – die triumphale Botschaft auf Instagram lautete: »Der Zionismus wird in unserer Literaturwelt nicht mehr geduldet werden.«
Doch nun ist etwas Erstaunliches geschehen: Auf der Webseite des amerikanischen PEN-Clubs, auf die der Präsident des Clubs keinen Einfluss hat, erschien ein Artikel, der detailliert auflistet, wie israelische und jüdische Autoren in Amerika seit dem 7. Oktober 2023 Opfer von Diskriminierung werden.
Haltung zur Israel-Boykott-Bewegung BDS
Dinaw Mengestu fand diesen Artikel untragbar und trat zurück. Als Begründung gab er an, damit werde es dem amerikanischen PEN-Club schwer gemacht, sich für die BDS-Bewegung einzusetzen, die einen umfassenden Boykott Israels durchsetzen will. Die bisherige Haltung des PEN-Clubs zur BDS-Bewegung war folgende: PEN ist erstens gegen kulturelle Boykotte (dies entspricht der Vereinssatzung), verteidigt aber zweitens das Recht einzelner Mitglieder, sich an Boykotten zu beteiligen.
Was aber steht denn in jenem Artikel, der zum Rücktritt von Mengestu führte? Folgendes: Romane von israelischen Autoren und von Juden, die sich weigern, dem Zionismus abzuschwören, seien seit dem 7. Oktober nicht mehr erwünscht. Sachbücher würden weiterhin gedruckt, aber bei fiktionalen Texten sei der Boykott absolut und nicht subtil.
Deborah Harris, eine Literaturagentin in Jerusalem, berichtet, dass sie vor dem 7. Oktober 2023 fünf bis zehn Buchtitel pro Jahr in Amerika platzieren konnte; seit dem 7. Oktober hingegen null. Die Standardantwort, die sie erhalte, sei: »Wir wissen nicht, wie wir diesen Autor im Moment verlegen könnten.« Niemand, so Harris, wolle ein israelisches Manuskript auch nur begutachten.
Die Autoren des PEN-Artikels haben mehr als 30 israelische und jüdische Autoren und Mitarbeiter des Literaturbetriebs befragt; es herrsche, so der amerikanische PEN-Club, »offene Feindseligkeit, Diskriminierung und Hass«. Der Jewish Book Council, eine Organisation, die jüdische Literatur in Amerika fördert, hat eine Hotline zum Antisemitismus eingerichtet. Seit Monatsbeginn hätten bereits 350 Autoren angerufen; es ging um abgesagte Veranstaltungen, gekündigte Verlagsverträge und Hetzkampagnen im Internet.
Seit Mai 2024 verbreitete sich vieltausendfach ein Google-Dokument unter der Überschrift »is your fav author a zionist???« (»Ist dein Lieblingsautor ein Zionist?«), auf dem Autoren – nicht nur jüdische – penibel gemäß ihrer Einstellung zu Israel bewertet werden. Die Erfolgsautorin Sally Rooney erhält naturgemäß eine sehr gute Note (»hat sich geweigert, ihre Bücher ins Hebräische übersetzen zu lassen«) – mittlerweile würde Rooney wohl nur noch eine Eins minus erhalten, weil sie doch einer Übersetzung ins Hebräische zugestimmt hat, wenn auch in einem BDS-nahen Verlag.
Salman Rushdie dagegen fällt beinahe durch (»will es beiden Seiten recht machen«). Und J. K. Rowling, die Schöpferin von Harry Potter, ist ganz unten durch (»schon seit Langem pro-israelisch«).
»Immerhin sind deine Romanfiguren keine Zionisten«, sagt die Agentin zur Autorin.
Auf der Website der »Jewish Telegraphic Agency« (JTA) findet sich ein Erlebnisbericht der Autorin Meg Keene. Sie hat zwei sehr erfolgreiche Sachbücher veröffentlicht; 2023 verfasste sie ihren ersten Roman. Dieser, schreibt sie, »war jüdisch auf jede nur erdenkliche Weise«. Einige Szenen spielten in Tel Aviv. Als sie sich nach einer Agentur umsah, wollten binnen sechs Wochen 20 verschiedene Agenten das Manuskript sehen; vier Agentinnen waren ad hoc bereit, das Buch zu vertreten. Das ist höchst ungewöhnlich, ein großer Anfangserfolg.
Aber dann meinte die eine Agentin – eine Nichtjüdin –, es sei vielleicht nicht möglich, das Buch bei einem Verlag unterzubringen, weil Meg Keene im Internet als Jüdin veröffentliche. Sie fügte den Stoßseufzer hinzu: »Immerhin sind deine Romanfiguren keine Zionisten.« (Das, fügt Keene hinzu, sei falsch; ihre Romanfiguren seien allesamt Zionisten.)
Eine jüdische Agentin wiederum riet der Autorin, sie solle alles Jüdische, das für den Plot irrelevant sei, aus ihrem Buch entfernen und außerdem den Namen ihrer Hauptfigur ändern. Der Name dieser Hauptfigur: Yael. »Das ist einer meiner Lieblingsnamen«, habe die Agentin gesagt. »Aber er ist israelisch.« Meg Keene entschied sich schließlich für einen Agenten, der keine solche Forderung stellte. Bis dato wollte kein Verlag ihr Manuskript haben.
Zurück zum amerikanischen PEN-Club: Zurzeit weiß niemand, wie es mit dem Schriftstellerverband weitergeht. Am Ende wird der Club sich entscheiden müssen, ob er seiner Mission verpflichtet bleibt, für die Freiheit des Wortes einzutreten, oder ob er sich zum Sprachrohr einer Bewegung macht, die kein anderes, kein höheres Ziel kennt als die Verdammung des Staates Israel.
Der Autor ist Mitglied des amerikanischen PEN-Clubs.