Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Dorothee Bär Foto: Marco Limberg

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026 12:11 Uhr

Frau Bär, im Koalitionsvertrag der schwarzroten Bundesregierung steht das Ziel, ein »leistungsstarkes Kompetenznetzwerk jüdische Gegenwartsforschung« aufzubauen. Was ist darunter zu verstehen?
Wir haben in den Koalitionsverhandlungen festgestellt, dass die jüdische Gegenwartsforschung in unserer deutschen Forschungslandschaft nicht sehr ausgeprägt ist. Meist sind es einige wenige Wissenschaftler, auch in unterschiedlichen Disziplinen, die sich dem Thema widmen. Oft sind die Projekte nicht, wie in anderen Forschungsbereichen üblich, miteinander vernetzt. Das wollen wir nun ändern, auch weil wir möchten, dass die jüdische Gegenwart in unserer Gesellschaft noch stärker sichtbar wird. Das ist mir ein Herzensanliegen. Wir werden in Kürze dazu eine Förderrichtlinie veröffentlichen. Die derzeitige Forschungslandschaft muss man sich vorstellen wie ein Blumenbeet – es gibt an vielen kleinen Stellen zarte Pflänzchen, die gehegt und gepflegt werden müssen, damit es am Ende eine große bunte Blütenpracht gibt. Wir wollen zunächst einmal alle, die sich wissenschaftlich mit jüdischer Gegenwart beschäftigen, an einen Tisch bringen, um die Ergebnisse, die es schon gibt, zu sichten und zusammenzuführen. Und dann wollen wir die Wissenschaft auch motivieren, sich noch stärker mit dem Thema zu beschäftigen, indem wir neue Projekte unterstützen.

Uns ist noch nicht klar geworden, was Sie unter Gegenwartsforschung verstehen. Was genau ist damit gemeint?
Wir wollen der Forschung dabei helfen, dass sie sich mit allen Aspekten des jüdischen Lebens beschäftigen kann, wie sie sich in Kultur, Sprache oder den religiösen Gebräuchen derzeit darstellt. Wie sich die jüdische Gemeinschaft entwickelt hat, gern auch wie die Verbindungen der jüdischen Community hierzulande in dieser schwierigen Zeit zu Israel sind. Das wäre ein Beitrag zu zeigen, wie positiv und bereichernd das jüdische Leben für uns alle ist. Gegenwartsforschung betrachtet dabei die Zeit von 1945 bis heute. Es geht also um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land in der heutigen Zeit, das aber natürlich ohne die Schoa und die Nachkriegsgeschichte nicht zu verstehen ist. Zur Vorbereitung der Förderrichtlinie haben wir viel mit der Community gesprochen und auch ein wissenschaftliches Fachgespräch geführt, was naturgemäß nicht alle Interessierten erreichen kann.

Wer war alles dabei?
Wissenschaftler aus einschlägigen Disziplinen: Jüdische Studien, Judaistik, Israel- und Nahost-Studien, Historiker, Kulturwissenschaftler. Aber auch Praktiker aus der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit und Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Welcher Etat steht für jüdische Gegenwartsforschung zur Verfügung?
Wir haben vom Haushaltsausschuss acht Millionen Euro für das Netzwerk zur Verfügung gestellt bekommen und haben das aus Mitteln, die wir schon im Haus haben, noch einmal verdoppelt. Für die nächsten vier Jahre werden es also insgesamt 16 Millionen Euro sein.

Gibt es auch Stimmen, die kritisieren, es sei im Bereich Judentum/Israel leichter, Projekte zu beantragen als in anderen Bereichen – nach dem Motto, die Juden würden angeblich »schon wieder bevorzugt«?
Das mag sein, aber das halten wir aus.

Was soll das neue Kompetenznetzwerk im Detail erforschen? Die Geschichte jüdischer Gemeinden in Deutschland nach 1945? Die verschiedenen religiösen jüdischen Strömungen? Die Zuwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion? Das Judentum der Gegenwart in Deutschland oder international?
Der Förderaufruf soll zunächst einmal dazu dienen, zu sehen, welche Ideen da sind. Wir wollen in jedem Fall auch eine Wissensvermittlung in die Gesellschaft hinein. In der Vergangenheit wurden im Zuge der Antisemitismusförderlinie in Zusammenarbeit mit dem Verband der Geschichtslehrerinnen und der Geschichtslehrer Themenhefte für den Schulunterricht entwickelt, in denen es darum ging, jüdische Alltagskultur zu beleuchten, Wissen zu vermitteln, beispielsweise auch über Feiertage und jüdische Speisegesetze. Andere Forscher haben sich auf das Thema Friedhofsschändungen spezialisiert. Aufbauend auf den Ergebnissen einer digitalen Kartierung wurden Schutzkonzepte für jüdische Friedhöfe entwickelt. In einem nächsten Schritt wird es um die architektonische Sicherheit von Synagogen gehen. Die Themen, die sie ansprechen, könnten in neuen Projekten behandelt werden, die wir ja auch fördern wollen. Wir sind heute schon gespannt, welche Anträge von Wissenschaftlern wir bekommen werden.

Es besteht bereits ein Forschungsnetzwerk Antisemitismus im 21. Jahrhundert, das von Ihrem Haus gefördert wird. Wo liegt der Unterschied zum Netzwerk jüdischer Gegenwartsforschung, wo sind die Schnittmengen?
Bei FonA21 geht es um aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus in unserem Land und wie wir diesem begegnen können. Viele Projekte arbeiten dabei sehr nah an der Praxis: Es geht darum, beispielsweise Schulungen, Fortbildungen, Präventionskonzepte und Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Antisemitismus zu entwickeln. In der neuen Förderphase wollen wir den israelbezogenen Antisemitismus noch einmal verstärkt in den Blick nehmen. Ein Projekt wird sich konkret mit Online-Antisemitismus im Kontext des Nahostkonflikts beschäftigen, wo im rechten, im linken und im islamistischen Milieu Untersuchungen stattfinden sollen. Ein anderes Projekt fragt nach den Auswirkungen des 7. Oktober 2023 auf die Gedenkstättenarbeit in Deutschland. Sie sehen, hier geht es – nicht nur, aber oft – um ein Problem und mögliche Lösungen. Bei der jüdischen Gegenwartsforschung geht es nicht um Probleme: Es geht um die vielfältigen, leider oft unbekannten Aspekte des jüdischen Lebens, die unser Land sicherlich stark bereichern. Und selbstverständlich auch um Wissensvermittlung. Schnittmengen bestehen dabei natürlich immer, denn Antisemitismus gehört bedauerlicherweise für viele Jüdinnen und Juden zum Alltag in der Gegenwart. Wir möchten daher, dass beide Netzwerke zusammenarbeiten, sich austauschen und voneinander lernen. Dieses Zeichen war mir wichtig.

Wie viel Geld steht Ihnen für das Forschungsnetzwerk Antisemitismus zur Verfügung?
Für die erste Phase zwischen 2021 und 2025 waren es zwölf Millionen Euro, für die zweite Phase zwischen 2026 und 2030 werden es bis zu 17 Millionen Euro sein.

Was ist bisher dabei herausgekommen? Die Zahl antisemitischer Straftaten steigt. Warum ist es wichtig, das Projekt fortzuführen?
Wird Forschung allein helfen, Antisemitismus zurückzudrängen? Wahrscheinlich nicht. Aber Forschung kann einen Beitrag dazu leisten. Sie kann zur Aufklärung beitragen. Sie kann Entscheidungsträgern in anderen Häusern, wie den Bildungs- und Kultusministerien oder der Justiz, eine Grundlage für Schulungen schaffen. Aus den Projekten, die wir gefördert haben, sind ja auch viele andere Kooperationen entstanden, die geholfen haben, beispielsweise Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Polizistinnen und Polizisten im Umgang mit Antisemitismus zu stärken. Wenn es einfacher wird, Antisemitismus zu erkennen, dann sind wir schon einen Schritt weiter. Und unsere Projekte zielen ja auch darauf ab, Handlungsempfehlungen zu geben.

Der Koalitionsvertrag fordert, sich gegen den Boykott der Kooperation mit israelischen Wissenschaftlern zu positionieren. Was genau tun Sie dafür?
Seit meinem Amtsantritt habe ich das so formuliert, auch im Kabinett und in entscheidenden Sitzungen. Wir sprechen uns in allen Gremien, in denen wir solche Boykottbestrebungen wahrnehmen, immer gegen derartige Absichten aus. Ich bin da in sehr engem Austausch mit Außenminister Johann Wadephul. Wenn solche Tendenzen auf europäischer Ebene ruchbar werden, sind wir immer die Ersten, die widersprechen. Ganz aktiv werbe ich für die Einbindung israelischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wo immer es erforderlich erscheint, denn die Zusammenarbeit in der deutsch-israelischen Wissenschaftskooperation ist sehr überzeugend, und gerade in schwierigen Zeiten von Krieg und Polarisierung muss sie noch einmal gestärkt werden. Eine Wissenschaftskooperation ist immer dann hilfreich, wenn man in anderen Bereichen nicht mehr sprechfähig ist. Bei der jüngsten Nobelpreisträgerkonferenz in Lindau zum Beispiel bin ich positiv und gezielt auf die deutsch-israelische Forschung eingegangen. Und ich habe schon an manchen Gesichtern gesehen, dass das nicht bei allen Anwesenden auf Zustimmung trifft. Ich hatte auch vor Kurzem Israels Außenminister Gideon Sa’ar zu Gast. Da ging es hauptsächlich um das Thema Boykott.

Ihr Ministerium hat unlängst auf Instagram mitgeteilt: »Wenn Israel zum zehnten EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation ›Horizont Europa‹ assoziiert werden will, dann freuen wir uns darüber und unterstützen es, wo es geht.« Was ist der Hintergrund?
Wir haben mit Israel bereits seit 1996 einen fest assoziierten Partner in den EU-Forschungsrahmenprogrammen. Israel ist einer der leistungsfähigsten Drittstaaten, die wir haben. Schon aus ökonomischen und aus strategischen Eigeninteressen müssten die Israelis ein Interesse daran haben, auch am kommenden 10. EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation »Horizont Europa« assoziiert zu werden – und die EU ebenfalls.

Hören Sie aus Frankreich oder aus anderen Ländern Stimmen, die sagen: Warum müssen die Israelis jetzt unbedingt dabei sein? Vielleicht sollten wir eine solche Entscheidung lieber abwarten bis nach den Knesset-Wahlen, die im Oktober anstehen?
Aus vertraulichen Gesprächen auf europäischer Ebene werde ich jetzt nicht zitieren. Aber meines Erachtens weiß die israelische Forschungslandschaft genau, was sie an Deutschland als Partner hat, und umgekehrt weiß auch die deutsche und europäische Wissenschaft sehr genau, was sie an Israel als herausragendem Forschungspartner hat.

Das Studierendenparlament der Humboldt-Universität hat unlängst einen Boykott israelischer Forschungseinrichtungen gefordert. Hochschulen sind Ländersache. Was können Sie als Bundesministerin in solchen Fällen tun?
Wir haben zwar keine Handhabe, aber wir sagen natürlich trotzdem ganz deutlich, dass für uns die Hochschulen Orte der Vielfalt sind, an denen Antisemitismus keinen Platz hat. Ich war vergangenes Jahr an der Humboldt-Universität beim Auftakttreffen des von uns geförderten Hochschulnetzwerks der Antisemitismusbeauftragten und habe mich sowohl mit der Präsidentin als auch mit Vertretern anderer deutscher Hochschulen ausgetauscht, die auch Antisemitismusbeauftragte haben. Ich höre von jüdischen Studentinnen und Studenten, dass sich viele in ihrem Studium sehr eingeschränkt fühlen. Leider wird auch deutlich, wie viele von ihnen sich gar nicht zu ihrem Glauben bekennen können, wenn sie studieren. Wir gehen dem Thema nicht aus dem Weg, ob zuständig oder nicht, aber wir können keine Anweisungen geben. Wir können aber die Beratung von Hochschulen und die Sensibilisierung der Hochschul­gemeinschaft aktiv unterstützen, und das tun wir. Für mich steht fest: Antisemitismus hat in Deutschland nichts zu suchen – weder in der dumpfen Form auf der Straße noch in der akademischen Form an Hochschulen und Universitäten. Beides ist und bleibt widerlicher Judenhass.

Mit der Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt sprachen Ayala Goldmann und Leon Stork.

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