Die Sommer der Kindheit und Jugend. »Jung sein, voller Kraft sein, eine Reihe leuchtender Tage – das kommt nie wieder.« Tucholskys Rheinsberg-Feeling vermischt sich gern mit Erinnerungen an Eiskugeln für 30 Pfennig, Planschen im kalten Bergsee und Himbeeren futtern, deren Saft auf die helle Bluse kleckert. Sommerreminiszenzen enden allerdings oft in Seufzern einer idealisierenden Gefühligkeit. Deshalb sei diese Geschichte erzählt.
Im August 1964 bin ich sechs Jahre alt. Unsere Familie wartet an einer Sesselbahnstation in Kärnten. Fest in meinem Arm ruht Jeanette, weich, aus Gummi, meine konkurrenzlose Lieblingspuppe. Heute würden wir sie PoC nennen, ihre Haut war eher dunkel.
Hinter uns unterhält sich eine Familie, Vater, Mutter und zwei Söhne, auf Amerikanisch. Wir Mädchen verstehen kein Wort und finden die Sprache cool. Ob sie uns verstehen? Wir rücken in der Schlange vor.
Der Sesselbahnangestellte griff nach Jeanette, meiner Lieblingspuppe. Normalerweise brav, konnte ich im Notfall ein halbes Bergdorf zusammen schreien.
Der Sesselbahnangestellte, ein zäher, älterer Mann, hält Stange und Sicherheitsbügel hoch, erblickt meine Jeanette und mich – und beginnt zu schimpfen: »Jo, was seh i denn do? A blondes Maderl mit a hässliche Negerpuppn. Kann dir dein Vater keine schönere kaufen?« Bös-devoter Blick zu meinem hellhäutigen Vater. »Du bist doch a deutsches Maderl. Deine Eltern schämen sich. Gibs her, i schmeiß das schiach Pupperl weg.«
Und er greift nach Jeanette. Normalerweise brav, konnte ich im Notfall ein halbes Bergdorf zusammen schreien. So wie jetzt. Der Sesselbahnkerl zieht an Jeanette, ich heule, meine Eltern wollen Jeanette und mich schützen. Plötzlich greift die amerikanische Dame hinter uns ein. Ihre Worte, in bestem Wienerisch gezischt, gehören nunmehr 60 Jahre zum Familiengedächtnis.
»Da schau her. Ihr treibts also immer noch euer Unwesen mit eurer Hitlerei. Alles habt ihr uns genommen, was uns teuer war. Die Mutter, den Vater, den Bruder, die Schwestern und (kurze Pause) all meine Puppn. Verschwunden. Weil wir Juden warn. Niemand und nichts ist nach Wien zurückgekehrt. Du Nazi, du Watschenbaum, du lässt dem Maderl sofort sein Pupperl. Ihr habts genug gefladert (geklaut). Schleich di! Ziag oh.«
»Du Nazi, du Watschenbaum, du lässt dem Maderl sofort sein Pupperl. Ihr habts genug gefladert (geklaut). Schleich di!«, interventierte die Amerikanerin.
Der Liftbetreuer weicht zurück, hält noch das Stahl-Gehänge. Die Dame hebt mich in den Sessellift und setzt sich zu mir: »Ich bin Edith, Edith Lesh.« Mein Vater nimmt kurz ihre Hand. Stau im Lift-System, dann ruckt es. Wir schweben hoch. Edith hält Jeanette und mein schluchzendes Ich bis oben im Arm. Hinter uns meine Mutter mit Ediths Mann Jakob, gefolgt vom Rest der Familien.
Die Leshs, vormals Leskowitz, verbringen im Hotel auf der Kanzelhöhe eine Urlaubswoche, wie wir. Ein paar Abende sitzen wir beieinander, die Erwachsenen schicken das Kind nicht fort.
Edith und Jakob erzählen. Vieles konnte ich nicht verstehen. Aber dass Nazis Eltern und Geschwister und Puppen und alles, was man lieb hat, wegnehmen, für immer, das habe ich begriffen und nie vergessen. Und Edith und Jakob haben meine Eltern oft nach New York eingeladen.
Jetzt ruhen sie auf dem New Montefiore Cemetery. In einem der nächsten Sommer werde ich sie, nun selbst in den Sechzigern, dort besuchen. In Erinnerung an die Sommertage im Österreich der 60er-Jahre, ohne Sentimentalität und Idylle.