Die belgische Psychotherapeutin Esther Perel feiert aktuell das 20-jährige Jubiläum ihres weltweiten Bestsellers Mating in Captivity. Die deutsche Übersetzung kam 2008 und lautet Wild Life: Die Rückkehr der Erotik in die Liebe. In dem Buch stellt sie Grundannahmen zu den Themen Intimität und Sexualität in langjährigen Beziehungen auf den Prüfstand und fragt: Können wir begehren, was wir bereits haben?
Zum ersten Mal begegnete mir Esther Perel während meines Psychologiestudiums, als ich munter prokrastinierte und das Lernen für die nächste Statistikklausur erfolgreich aufschob. Dabei stieß ich auf ihren ersten TED-Talk, der mittlerweile über 30 Millionen Mal angesehen wurde.
»Die Ehe war eine wirtschaftliche Institution, die einem eine lebenslange Partnerschaft sicherte – in Bezug auf Kinder, sozialen Status, Erbfolge und Gesellschaft. Heute jedoch erwarten wir von unserem Partner, dass er darüber hinaus auch noch unser bester Freund, unser engster Vertrauter und obendrein unser leidenschaftlicher Liebhaber sein soll. Und dazu leben wir auch noch doppelt so lang!«
Mir gefiel nicht nur der Ansatz dieser fantastischen Rhetorikerin, mit dem sie erklärte, warum das mit den Langzeitbeziehungen in der heutigen Zeit gar keine so einfache Angelegenheit sei. Sie verkörperte auch das, was mir im Studium so oft vor lauter Formeln und Hypothesen fehlte, und zwar die Nähe zum Menschen sowie der Wunsch, dessen Handeln verstehen zu wollen, ohne sich selbst so weit von ihm zu entfernen.
Schon die Art und Weise, wie Esther Perel mit ihrem Publikum sprach, war ein In-Beziehung-Treten, ein Spiel.
Zur Viralität des Videos trug aber nicht nur die Würze des Inhalts bei. Schon die Art und Weise, wie sie mit ihrem Publikum sprach, war ein In-Beziehung-Treten, ein Spiel. Hier ging es nicht nur um die Lehre von Krankheitsbildern, Gruppenverhalten oder neurologischen Verbindungen, sondern im Kern um die Frage danach, also, was Leben bedeutet.
Diese Neugier kam mir vertraut vor. Sämtliche Schulen der Psychologie und Psychotherapie wurden maßgeblich durch jüdische Koryphäen geprägt. Natürlich fallen einem wie in anderen Disziplinen als Erstes die Namen der großen Männer ein: Sigmund Freud, Viktor Frankl sowie Daniel Kahneman und Abraham Maslow. Aber es waren jüdische Frauen, die den Menschen beibrachten, über Sex zu sprechen.
Wie keine andere verstand es die legendäre Dr. Ruth Westheimer in ihrer Radiosendung heimlich Anrufenden Tipps zu geben, um das Feuer zu Hause wieder zu entfachen. Vor den Nazis aus Deutschland in die Schweiz geflohen, emigrierte sie zunächst nach Palästina, nach einer Station in Paris weiter in die Vereinigten Staaten. Dort wurde sie als Sexualtherapeutin Dr. Ruth zu einer Kultfigur,
Esther Perel spielt in ihrem zweiten Talk weiter mit ihrem Publikum, indem sie ihm vorgreift: Sicher dachten sie alle, sie spreche so gern über Affären, weil sie Französin ist. Aber das sei nicht der Fall. Ihr Drang danach, menschliche Beziehungen begreifen zu wollen, sei durch eine andere Prägung geleitet. Denn Perel ist als Tochter von polnischen Schoa-Überlebenden in Antwerpen in einer Gemeinschaft aufgewachsen, in der sich die grundsätzlichste aller Fragen stellte: Wie entscheidet man sich nach dem Überleben für das Weiterleben?