Kulturkolumne

Rückkehr nach Aschkenas

Blick auf Vilnius Foto: Getty Images

»Warum möchten Juden hier nicht mehr leben?«, fragte mich eine Mitarbeiterin des Museums für jüdische Kultur und Identität Litauens in Vilnius. Einst war diese von unzähligen Kirchtürmen gesäumte Stadt auch das Zentrum des jahrhundertelang in Litauen, Polen und Belarus ansässigen Litwak-Judentums. Die mordenden NS-Truppen und ihre lokalen Helfer haben ganze Arbeit geleistet, die Sowjetdiktatur tat ihr Übriges: Heute gleicht das jüdische Vilnius einem archäologischen Themenpark für wenige Eingeweihte.

Warum möchten die in alle Welt verstreuten Nachfahren der überlebenden Litwaks nicht nach Lite, wie das einstige Siedlungsgebiet auf Jiddisch heißt, zurückkehren? Die Frage ist nicht neu – und neuerdings politischer denn je: Wo sind Juden zu Hause? Einen aufsehenerregenden künstlerischen Beitrag zu dieser altneuen Thematik lieferte die aus Israel stammende Künstlerin Yael Bartana, die den polnischen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig 2011 bespielte. Ihre Videoinstallation kreiste um die »Jewish Renaissance Movement in Poland«, eine fiktive politische Bewegung, die die Rückkehr von 3,3 Millionen Juden in das polnische Land der Vorväter fordert.

Wie eine traurige Parodie wirkt da der Ruf »Go back to Poland«, den Studenten nordamerikanischer Universitäten bei Kundgebungen zum jüngsten Israel-Hamas-Krieg ihren jüdischen Kommilitonen entgegenschmetterten. Welches Polen in welchen der über Jahrhunderte variierenden Grenzen ist hier gemeint? Um die begrenzten geografischen Kenntnisse nordamerikanischer Studenten wissend, fragen wir lieber nicht nach. Stattdessen spinnen wir die Rückkehrfantasie etwas weiter: Wie wär’s denn mit Aschkenas?

Antisemiten kann man es nie recht machen.

Die mittelalterlichen deutschsprachigen Gebiete gelten als eigentliche Heimat des europäischen (aschkenasischen) Judentums, das infolge von Vertreibungen zu großen Teilen ostwärts wanderte. Viele Landstriche Osteuropas wurden jiddischsprachigen Juden zu einem Zuhause. Also »Back to Ashkenas«? Einige meinen ohnehin, die seit 1990 ins wiedervereinigte Deutschland eingewanderten (post-)so­wjetischen Juden seien als Aschkenasen in das Land ihrer Vorfahren zurückgekehrt. Die Rede ist von rund 200.000 Menschen. Wäre Deutschland aber bereit, mehrere Millionen Juden aufzunehmen?

Und es gehören immer zwei zum Tango: Man muss auch zurückkehren wollen. In seiner Neujahrsbotschaft rief Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb am 1. Januar 1947 die vertriebenen Juden seiner Stadt zur Rückkehr auf. Seiner gut gemeinten Geste folgte kaum jemand. Und Remigranten wie Rabbiner Leopold Neuhaus, der 1945 aus Theresienstadt nach Frankfurt zurückkam, verließen (West-)Deutschland nach kurzer Zeit wieder desillusioniert.

In Israel hat die Rückkehr sogar Gesetzesstatus: Das 1950 verabschiedete »Law of Return« ermöglicht Juden aus aller Welt die Einwanderung. »An Ihrer Stelle wäre ich längst nach Israel ausgewandert«, bekam mein Vater im Minsk der turbulenten 90er-Jahre zu hören. Die Auswanderung galt aber auch als Landesverrat. Wie ging noch mal dieses Bonmot? In den 30er-Jahren brüllten sie in Berlin »Juden raus nach Palästina!«, heute schreien sie »Juden raus aus Palästina!«. Antisemiten kann man es nie recht machen.

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