Wie erging es nach dem Zweiten Weltkrieg europäischen Juden, die das NS-Regime überlebt hatten? Was passierte etwa mit Waisenkindern, deren Familien ermordet worden waren? Und was wussten die jungen Deutschen in der Nachkriegszeit von der Vergangenheit? Dies ist Thema eines neuen Buchs der preisgekrönten deutsch-amerikanischen Jugendbuchautorin Holly-Jane Rahlens: »Frostblüten« heißt es und erscheint am Mittwoch, pünktlich zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse.
Zwischen 1945 und 1950 lebten bis zu 250.000 Jüdinnen und Juden als »Displaced Persons«, kurz DPs, in mehr als 100 DP-Lagern in Deutschland. Die meisten befanden sich in der amerikanischen Besatzungszone, etwa in Bayern oder Hessen, aber auch in der amerikanischen Besatzungszone in Berlin.Überlebende der Vernichtungslager
»Es waren Überlebende der nationalsozialistischen Vernichtungslager, Menschen die sich versteckt gehalten hatten, und Flüchtlinge aus Osteuropa«, schreibt Rahlens, die 2003 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, in ihrem Vorwort des Buchs.
Im »Düppel-Center« in Schlachtensee in Berlin-Zehlendorf lag das Camp, das im Zentrum der Geschichte steht. Es stand unter der Leitung der United Nations Relief und Rehabilitation Administration (UNRRA); Hauptaufgabe war die Unterstützung der Militäradministration bei der Repatriierung der Displaced Persons. Die Menschen hatten ihre Heimat verloren oder wollten nicht dorthin zurückkehren. In den Camps warteten sie auf ein Visum, um etwa in die Vereinigten Staaten, nach Kanada, Großbritannien oder Palästina weiterzureisen.
Vorsichtige Annäherung
Die Lager waren oft große, eigenständige Gemeinschaften mit Schulen, Krankenhäusern, Theatern und Synagogen. Dennoch gab es im Alltag Begegnungen mit den Deutschen. Eine solche Begegnung zwischen zwei Mädchen, die sich vorsichtig annähern und abwechselnd in Ich-Form davon erzählen, stellt Rahlens in den Mittelpunkt ihrer berührenden Geschichte.
Die 16-jährige Berlinerin Lotte, die im DP-Camp putzt, trifft die gleichaltrige polnisch-jüdische Estera, die als Waise im Camp lebt. Vor dem Krieg war sie zusammen mit ihrer Familie in Berlin zu Hause, bis sie 1938 im Rahmen der sogenannten Polen-Aktion aus Deutschland vertrieben wurde. Vater und Mutter sind tot; was aus der kleinen Schwester Lea geworden ist, weiß sie nicht. Sie sucht sie und wartet zudem auf ihre Ausreisegenehmigung in die USA.
Lotte hingegen sucht in der Welt der Trümmer das Schöne - sie will Modedesign studieren, braucht für eine Aufnahmeprüfung aber geometrisches Wissen. Estera gibt ihr Nachhilfeunterricht, Lotte schneidert ihr im Gegenzug ein Reisekostüm.
Die Vergangenheit ist immer da
Doch die Beziehung der beiden Mädchen kann nicht unbelastet sein: »Einen Moment lang ist es still zwischen uns, schmerzhaft still, weil mir klar wird, dass sie davon spricht, Jüdin zu sein und unter Deutschen zu leben - und ich bin Deutsche. Es ist, als ob uns eine Mauer trennt«, schildert Lotte im Buch: Die Vergangenheit ist stets ein Teil von ihnen beiden.
Geschönt wird sie nicht. »Die Deutschen waren die Täter! Begreif das endlich! Und die Juden waren die Opfer!«, sagt Estera zu Lotte.
Rahlens bettet die Handlung, die die Zeit zwischen Februar und Mai 1947 umfasst, in das Berlin der Nachkriegszeit ein, aber nicht nur Verlust und Trauer spielen eine Rolle. »Frostblüten« erzählt auch von Hoffnung, Zukunftsplänen, Freundschaft und erster Liebe. Die Hauptfiguren dieses Buches sind nun mal in dieser Zeit jung.
Das Schöne in all dem Schrecklichen
Der Titel des Buches, der sich auf einen blühenden Kirschbaum bezieht, der gegenüber von Esteras altem Berliner Wohnhaus den Krieg überstanden hat, verbildlicht die Kraft zum Neuanfang, das Schöne in all dem Schrecklichen. Estera sagt: »Es sind robuste kleine Blüten, oder? Der Frost hat ihnen nichts angetan.« - »Frostblüten«, antwortet Lotte. »So würde ich sie nennen. Weil sie so viel aushalten.«
Auch das Berlin nach 1945 lebt in atmosphärisch-dichter Sprache wieder auf: Man spürt die Kälte, sieht die Trümmer, riecht die Kohleöfen und kann erahnen, wie es ist, zwei Stückchen der raren und begehrten amerikanischen Schokolade auf der Zunge zergehen zu lassen.
Es bietet sich an, das spannende und sehr bewegende Buch ab 13 Jahren auch in Schulen als Unterrichtslektüre gemeinsam zu lesen. »Das ist deutsch-jüdische Geschichte, die man hierzulande nicht so richtig kennt«, erklärte Markus Nesselroth, Historiker an der Viadrina Universiät in Frankfurt an der Oder, unlängst bei der Vorstellung des Buches in Berlin - eine empfehlenswerte Lektüre auch für Erwachsene.
