Das Herz dieser Biennale liegt mitten im Salon von Mordecai Ardon, der ins Licht seiner Buntglasfenster getaucht ist. Dunkles Blau und tiefes Rot bestimmen ihre Farbwelt, die den Beginn der Kunstausstellung prägt. »Me Ha’amakim« – auf Deutsch: »Aus den Tiefen« oder auf Latein: »De Profundis« ist der Titel der siebten Biennale in Jerusalem, die ganz im Zeichen des Massakers der Hamas im Süden Israels am 7. Oktober 2023 steht.
Zentraler Veranstaltungsort ist die alte Nationalbibliothek in Givat Ram, weitere Ausstellungen sind über die ganze Stadt verteilt. Insgesamt sind 250 Künstlerinnen und Künstler dabei, darunter 80 aus dem Ausland. Gründer Rami Ozeri ist stolz auf das Ergebnis: »Trotz aller Einschränkungen und der schwierigen Gesamtsituation ist es die größte Biennale, die wir je hatten.« Ozeri will mit dem Kunsttreffen Verbindungen innerhalb der jüdischen Welt schaffen. »Und wir haben nicht das Gefühl, dass wir die Tatsache verstecken müssen, dass wir uns auf jüdische Tradition konzentrieren.«
Alte Nationalbibliothek in Givat Ram ist zentraler Veranstaltungsort
Das Thema Me Ha’amakim stammt aus Psalm 130, der mit den Worten beginnt: »Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, o Herr.« Nach dem 7. Oktober bemerkte Ozeri, dass dieser Psalm in jedem Gottesdienst, den er besuchte, vorkam. Die Worte berührten ihn tief. »Und so fragen wir hier, wie eine Gesellschaft nach einer Katastrophe den Weg aus der Tiefe heraus und nach vorn findet.«
Eines der ausgestellten Werke spiegelt dies für Kurator David Sperber besonders deutlich wider: Eine Treppe aus Holz steigt durch den Ausstellungsraum empor, scheinbar ins Nichts, und endet direkt an den hebräischen Buchstaben von Ardons Fenster, die den Namen Gottes darstellen. »Sehr ungewöhnlich für jüdische Kunst«, weiß Sperber. »Aber hier ist der Name – und der Weg endet genau dort.«
Das Werk »Abrahams Kinder« bringt jüdische und muslimische Künstler zusammen.
Direkt vor den imposanten Fenstern ist die Installation der israelischen Künstlerin Ariane Littman aufgebaut. Sie beschäftigt sich in ihren Werken seit Langem mit Konflikten und ihren Folgen. »Sechs Wochen nach dem 7. Oktober ging ich in mein Studio, und das Einzige, was ich tun konnte, war, 7.10.23 zu schreiben«, erinnert sie sich. »Wieder und immer wieder.« Ein Jahr lang schrieb sie das Datum auf 30 Kugeln aus Mullbinden. »Und jedes Mal dachte ich an jemanden, der getötet, vergewaltigt oder als Geisel genommen worden war.«
Werke verändern sich und ihre Künstler während des Entstehungsprozesses
Während sie daran arbeitete, begann sich das Werk zu verändern. Elemente, die sie ursprünglich einbauen wollte, erschienen ihr nicht mehr richtig. »In der Kunst muss man spüren, dass das Werk zu dem wird, was es werden muss, auch wenn man etwas anderes entschieden hatte«, sagt sie. Es bleibe trotzdem eng mit dem 7. Oktober und seinen Opfern verbunden. »Es ist keine einfache Arbeit, aber es gibt etwas Hoffnungsvolles in der Binde und der Heilung – und vielleicht in einer besseren Zukunft. Irgendwie.«
»Abrahams Kinder«, kuratiert von Ori Z Soltes und Mel Brown, bringt jüdische und muslimische Künstler zusammen. Soltes, der an der Georgetown University Kunstgeschichte, Theologie und Politik lehrt, erklärt, der Titel verweise auf die gemeinsame künstlerische Tradition von Juden und Muslimen. Alle nähmen dasselbe Lied wahr, »aber mit unterschiedlichen Melodien und unterschiedlichen Harmonien«.
Muslimische Künstler zu finden, die bereit waren, sich zu beteiligen, erwies sich allerdings als schwierig. Viele hätten zwar die Idee gut gefunden, doch das derzeitige politische Klima habe eine Teilnahme kompliziert gemacht. Zwei türkisch-amerikanische Künstler, ein Vater und sein Sohn, konnten schließlich gewonnen werden. Beide arbeiten mit Ebru, der traditionellen türkischen Technik, bei der Muster entstehen, indem Pigmente auf Wasser aufgetragen werden.
Künstler, aber auch Reservist und Kampfsoldat
Der israelische Künstler Matan Sacofsky gehört mit 29 Jahren zu den jüngeren Künstlern der Biennale und zu den eindrucksvollsten. Er ist außerdem Reservist und Kampfsoldat in der israelischen Armee. Seine Ausstellung besteht aus Selbstporträts, insgesamt 162, von denen hier rund 70 zu sehen sind. Sacofsky malte jedes in Einsamkeit und betrachtete sich dabei in einem Spiegel.
Während er in Jeans und Sneakers vor seinen vielen »Ichs« steht, erklärt er, dass die Bilder für ihn zu einer Auseinandersetzung mit Selbstwahrnehmung und Identität wurden. Der erste Teil entstand vor dem 7. Oktober, der zweite, der im Stadtteil Baka zu sehen ist, zeigt Porträts aus der Zeit des Krieges, eine Fortsetzung seines Werkes, jedoch unter völlig anderen Umständen.
Der amerikanisch-israelische Künstler Richard McBee verbindet das Trauma mit der biblischen Geschichte von Isaak. Seine Bilder zeigen Isaak allein auf dem Berg, auf dem sein Vater Abraham ihn opfern sollte. Für den Maler symbolisch für das Gefühl vieler Juden: »Isaak blickt nach unten und sieht seinen Vater. So unendlich allein haben wir uns nach dem 7. Oktober gefühlt. Wir alle sind Isaak. Und damit müssen wir leben.«
Kunstworkshops mit Überlebenden des Nova-Festivals und deren Familien
Die US-amerikanische Künstlerin Kim Goldberg stellt die Frage: »Was kann entstehen, wenn die Gewissheit verschwindet?« Ihre Arbeit erkundet den Raum zwischen dem, was bekannt ist, und dem, was ungelöst bleibt. Während des Krieges veranstaltete sie Kunstworkshops mit Überlebenden des Nova-Festivals und deren Familien. Ihr Ansatz basiere auf Instinkt, Improvisation und Experimentieren, erklärt sie. »Kunst ist eine Möglichkeit zu träumen, einen neuen Ort zu schaffen und durch den Akt des Kreierens zu heilen.«
Alejandro Glatt aus Mexiko schickt eine Mesusa zum Mond.
Seinen Ort des Schaffens weit über die Erde hinausbringen will Alejandro Glatt. Als Jude der dritten Generation in Mexiko verbindet er in farbenfrohen Collagearbeiten seine lateinamerikanische und jüdische Identität. Sein jüngstes Projekt führt diese Verbindung sogar ins All: Er schickt eine Mesusa zum Mond. Zusammengesetzt ist die aus Elementen verschiedener Arbeiten. »Jede ist anders, jede ist eine Freundin«, sagt er. »Und zusammen bilden sie eine einheitliche Mesusa, die die jüdische Botschaft über Länder und sogar die Grenzen unseres Planeten sendet.«
Für den Gründer Ozeri ist das ein gutes Zeichen. Denn auch bei dieser Biennale geht es nicht nur um Trauer. Aus den Tiefen sei vor allem ein Anstoß. »Wir sind uns bewusst, wo wir gerade sind, aber wir setzen eine Aufwärtsbewegung in Gang. Kunst schafft einen Weg aus den Tiefen unseres persönlichen und kollektiven Unterbewusstseins hin zu Ausdruck, Begegnung und Helligkeit«, ist er überzeugt.
Vielleicht ist es noch kein strahlend helles, fröhliches Licht. Aber sicher ein leuchtendes und kraftvolles – wie das im Salon von Ardon.
Die Ausstellung ist noch bis zum 12. November in Jerusalem zu sehen.