Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  05.10.2026 17:18 Uhr

»Sie werden sehen, es ist alles gar nicht so schlimm«, sagte mein Gastroenterologe, Dr. G., und tätschelte mir beruhigend die Hand. »Eine winzig kleine Kamera wird vermittels eines kleinen Schlauchs in ihren Rachen heruntergelassen … Die meisten Patienten vertragen die Gastroskopie sehr gut, ohne Narkose oder Beruhigungsmittel!«

Aber weil »Nervenwrack« my middle name ist, erhielt ich eine Woche später, am Tag des Eingriffs, dann doch eine richtig fette Beruhigungsspritze und befand mich bereits 20 Sekunden später im Nirwana.

Als ich wieder aufwachte, saß Dr. G. an meiner Bettkante und tätschelte (schon wieder) meine Hand: Der Eingriff sei leider schiefgelaufen, weil ich wie eine Irre um mich geschlagen hätte, sodass die Untersuchung abgebrochen werden musste. Meines Wissens, entgegnete ich spitz, sei dies doch unter Valium-Einfluss des Patienten ein Ding der Unmöglichkeit?

Stumm wies der Doktor auf den Bildschirm, der über meinem Krankenbett schwebte, und drückte auf »Play«, sodass ich per Aufzeichnung miterleben konnte, wie eine wildäugige, etwas mollige Furie in einem hinten offenstehenden OP-Dress (also ich!) sich den Gastroskop-Schlauch aus dem Rachen riss, um damit wahllos auf Arzt, Umstehende und umgebende Medizintechnik einzudreschen.

Einigermaßen peinlich berührt verließ ich kurze Zeit später den OP-Saal und begab mich nach Hause.

Einigermaßen peinlich berührt verließ ich kurze Zeit später den OP-Saal und begab mich nach Hause, um meinen Valium-Rausch auszuschlafen. Dann rief ich meine Hausärztin an und buchte für die nächste Woche denselben Eingriff noch einmal, aber diesmal in der Privatpraxis des berühmten Dr. Semmelrogge, der wegen seines ungemein beruhigenden Einflusses auf nervöse Magenleidende in der ganzen Stadt bekannt ist.

Tatsächlich war die ganze Praxis mit beruhigenden, wolligen und semmelbröselfarbigen Textilien ausgekleidet, so wie auch Dr. Semmelrogge selbst einen geradezu einlullenden Eindruck machte mit seiner samtenen Stimme, seiner perfekten Föhnfrisur und seinem nach Weichspüler duftenden Doktorkittel. Auch das OP-Zimmer wirkte extrem besänftigend, mit gedeckten Farben und weichem Schummerlicht sowie einem Trupp sanft gerundeter, mild lächelnder blonder Krankenschwestern.

Mit ersterbender Stimme bat ich vor dem Eingriff um eine doppelte Dosis Valium und entschwand wiederum kurze Zeit später ins Nirwana. Als ich wieder aufwachte, saß Dr. Semmelrogge auf meiner Bettkante – mit zerstörter Frisur, der Doktorkittel durchgeschwitzt, mit den Nerven sichtlich am Ende. Neben ihm standen zwei der blonden Krankenschwestern und fächelten ihm mit zwei weißen Taschentüchern Luft zu. Mit erlöschender Stimme bat mich der Doktor, seine Praxis in Zukunft bitte NICHT mehr aufzusuchen. Anscheinend hatte ich ihn unter Valium-Einfluss beinahe erdrosselt und außerdem ein Gutteil seines geschmackvoll eingerichteten OP-Saals zerstört.

Und so habe ich die Gastroskopie-Experience immer noch vor mir. Sollten sie zufällig einen netten, sanftmütigen Gastroenterologen mit Nerven wie Drahtseilen kennen, der auf der Suche nach einer neuen Herausforderung ist … Sie wissen ja, wo Sie mich finden können.

Zahl der Woche

136 israelische Athleten

Fun Facts und Wissenswertes

 05.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Frankfurt

Kronen der Schrift

Im Jüdischen Museum ist die weltweit größte Privatsammlung von Rimonim zu sehen. Sie stammen aus China, dem Jemen oder Marokko. Gesammelt hat sie ein heute 100-jähriger Schweizer Jude

von Mascha Malburg  05.10.2026

Biennale Jerusalem

Aus den Tiefen ins Licht

250 Künstler aus Israel und anderen Ländern verarbeiten das Massaker des 7. Oktober

von Sabine Brandes  05.10.2026

Literatur

Dorfroman mit Ewigkeitsnote

Die Eltern der Autorin Shida Bazyar stammen aus dem Iran. Ihr Buch »Die Lücken« ist einer der besten deutschen Romane überhaupt

von Maria Ossowski  05.10.2026

Literatur

Als der Flieder in Kreuzberg blühte

Die deutsch-jüdische Schriftstellerin Dana Vowinckel trifft mit ihrem zweiten Roman »Anton und Alma« den Nerv der Zeit

von Ayala Goldmann  05.10.2026

7. Oktober 2023

Sie war 25

Eine Erinnerung an Mai Itzhaki aus Hod Hasharon

von Ayala Goldmann  05.10.2026

Hamburg

Wolf Biermann wirft Netanjahu Antisemitismus vor

Der streitbare Liedermacher kritisiert die israelische Regierung scharf. Sie begehe in Gaza Kriegsverbrechen und verwandele Israel in einen »brutalen Unterdrückerstaat«

 05.10.2026

Fußball

Irischer Fitness-Trainer wirft Israel Spuckattacke vor

Irland gegen Israel war eine Nations-League-Paarung, die seit der Auslosung für viel Unruhe gesorgt hat. Beim Rückspiel gibt es nun Vorwürfe zu einem extrem unsportlichen Verhalten

 05.10.2026