»Sie werden sehen, es ist alles gar nicht so schlimm«, sagte mein Gastroenterologe, Dr. G., und tätschelte mir beruhigend die Hand. »Eine winzig kleine Kamera wird vermittels eines kleinen Schlauchs in ihren Rachen heruntergelassen … Die meisten Patienten vertragen die Gastroskopie sehr gut, ohne Narkose oder Beruhigungsmittel!«
Aber weil »Nervenwrack« my middle name ist, erhielt ich eine Woche später, am Tag des Eingriffs, dann doch eine richtig fette Beruhigungsspritze und befand mich bereits 20 Sekunden später im Nirwana.
Als ich wieder aufwachte, saß Dr. G. an meiner Bettkante und tätschelte (schon wieder) meine Hand: Der Eingriff sei leider schiefgelaufen, weil ich wie eine Irre um mich geschlagen hätte, sodass die Untersuchung abgebrochen werden musste. Meines Wissens, entgegnete ich spitz, sei dies doch unter Valium-Einfluss des Patienten ein Ding der Unmöglichkeit?
Stumm wies der Doktor auf den Bildschirm, der über meinem Krankenbett schwebte, und drückte auf »Play«, sodass ich per Aufzeichnung miterleben konnte, wie eine wildäugige, etwas mollige Furie in einem hinten offenstehenden OP-Dress (also ich!) sich den Gastroskop-Schlauch aus dem Rachen riss, um damit wahllos auf Arzt, Umstehende und umgebende Medizintechnik einzudreschen.
Einigermaßen peinlich berührt verließ ich kurze Zeit später den OP-Saal und begab mich nach Hause.
Einigermaßen peinlich berührt verließ ich kurze Zeit später den OP-Saal und begab mich nach Hause, um meinen Valium-Rausch auszuschlafen. Dann rief ich meine Hausärztin an und buchte für die nächste Woche denselben Eingriff noch einmal, aber diesmal in der Privatpraxis des berühmten Dr. Semmelrogge, der wegen seines ungemein beruhigenden Einflusses auf nervöse Magenleidende in der ganzen Stadt bekannt ist.
Tatsächlich war die ganze Praxis mit beruhigenden, wolligen und semmelbröselfarbigen Textilien ausgekleidet, so wie auch Dr. Semmelrogge selbst einen geradezu einlullenden Eindruck machte mit seiner samtenen Stimme, seiner perfekten Föhnfrisur und seinem nach Weichspüler duftenden Doktorkittel. Auch das OP-Zimmer wirkte extrem besänftigend, mit gedeckten Farben und weichem Schummerlicht sowie einem Trupp sanft gerundeter, mild lächelnder blonder Krankenschwestern.
Mit ersterbender Stimme bat ich vor dem Eingriff um eine doppelte Dosis Valium und entschwand wiederum kurze Zeit später ins Nirwana. Als ich wieder aufwachte, saß Dr. Semmelrogge auf meiner Bettkante – mit zerstörter Frisur, der Doktorkittel durchgeschwitzt, mit den Nerven sichtlich am Ende. Neben ihm standen zwei der blonden Krankenschwestern und fächelten ihm mit zwei weißen Taschentüchern Luft zu. Mit erlöschender Stimme bat mich der Doktor, seine Praxis in Zukunft bitte NICHT mehr aufzusuchen. Anscheinend hatte ich ihn unter Valium-Einfluss beinahe erdrosselt und außerdem ein Gutteil seines geschmackvoll eingerichteten OP-Saals zerstört.
Und so habe ich die Gastroskopie-Experience immer noch vor mir. Sollten sie zufällig einen netten, sanftmütigen Gastroenterologen mit Nerven wie Drahtseilen kennen, der auf der Suche nach einer neuen Herausforderung ist … Sie wissen ja, wo Sie mich finden können.