Vor drei Jahren lebte sie noch. Sie arbeitete in einem Biergarten in Hod Hasharon, einer Kleinstadt im Zentrum Israels, ein Verwandter von mir hat sie dort kennengelernt.
Ich habe Mai nur einmal gesehen, an Pessach in Israel, sie saß im Wohnzimmer meiner Familie. Wir haben diskutiert, es ging um misrachische Juden. Sie würden bis heute benachteiligt, fand Mai. Meine Cousine widersprach: Juden aus arabischen Ländern hätten heute dieselben Chancen wie jeder andere Israeli.
Ich war nicht der Meinung von Mai, aber eingenommen von ihr, von der Art, wie sie auftrat und argumentierte. Sie hatte Charakter. Sie war jung. Und sie war schön, auf eine Weise, die sehr weh tut, wenn ich heute das Foto von ihr anschaue.
Aber wer bin ich überhaupt? Den Schmerz ihrer Familie kann ich nicht erahnen. Ich habe sie nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen und bis jetzt nie gewagt, ihren Namen zu schreiben. Ich wollte nichts tun, womit sie nicht einverstanden wäre. Aber meine Cousine sagt: »Ihr Name soll genannt werden! Sie hieß Mai Itzhaki.«
Den Schmerz ihrer Familie kann ich nicht erahnen. Ich habe sie nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen.
Sie war 25, eine junge Frau aus Hod Hasharon, die tanzen ging. Es war Freitag, der 6. Oktober 2023. Und Mai fuhr zu dem großen Rave auf dem Gelände des Kibbuz Reʼim im Süden Israels an der Grenze zu Gaza. Am 10. Oktober rief meine Cousine an. Mai wurde vermisst.
Auf Facebook sah ich verzweifelte Hilferufe ihrer Schwester: »Meine Schwester Mai Itzhaki antwortet nicht. Bitte! Wer hat sie gesehen?« Mai, so war es in diesem Post zu lesen, hatte sich in einer Bar auf dem Nova-Gelände vor den Hamas-Terroristen versteckt und floh in einem Auto, auf das geschossen wurde. Seit dem 7. Oktober um 9.30 Uhr fehlte von ihr jede Spur.
Meine Cousine hoffte, Mai sei als Geisel nach Gaza verschleppt worden. Ich wusste nicht, ob ich ihr das wünschen sollte. Ich fragte mich, ob sie nicht besser tot wäre. Am 13. Oktober sagte mir meine Cousine am Telefon, Mais Leiche sei identifiziert worden.
Es war jener Freitag, für den die Hamas zum »globalen Dschihad« aufgerufen hatte. »Sind wir jetzt alle gemeint?«, fragte ich mich. Am selben Tag stach ein Islamist in einer Schule in Frankreich auf einen Lehrer ein und tötete ihn unter dem Ausruf »Allahu Akbar!«. Ein anderer Lehrer, eine Reinigungskraft und ein Sicherheitsmann wurden schwer verletzt. Wir alle waren gemeint.
Unter den Bildern der Hunderten von Opfern in Reʼim haben wir auch das Poster mit dem Foto von Mai gefunden.
Ein halbes Jahr später bin ich mit meinem Cousin in den Süden Israels gefahren. Es war April 2024, noch bevor sich das Festivalgelände Reʼim in einen Pilgerort für Touristen verwandeln würde. In der Nähe haben wir die gestapelten Autowracks gesehen, in denen die Raver vergeblich versucht hatten, zu fliehen. Wir haben die Schüsse der Kampfhubschrauber über Gaza gehört. Und unter den Bildern der Hunderten von Opfern in Reʼim haben wir auch das Poster mit dem Foto von Mai gefunden.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine, die das Leben liebte. Auf der Website »October 7 Memorial« ist ihr Name zu finden. Dort steht: »Mai Itzhaki aus Hod Hasharon, ihr Angedenken sei gesegnet, wurde bei der Nova-Party ermordet. Laut Bericht eines der Augenzeugen haben sie und ein Freund sich zu einem bestimmten Zeitpunkt (des Massakers, Anm. d. Red.) in einem Kühlschrank versteckt.«
Und weiter heißt es: »In liebevoller Erinnerung an die unschuldigen Seelen, die zu früh genommen wurden. Vereint im Frieden, ihr Licht leuchtet weiter in den zurückgelassenen Herzen. 7. Oktober 2023, ein Tag der Trauer, aber ihre Erinnerungen führen uns zu einem hoffnungsvollen Morgen.«