Alle Dorfbewohner haben Albträume, und »jeder im Dorf denkt, er sei die Hauptfigur«. Das Dorf: Heimesbach. Ein fiktiver Ort mit vielen tatsächlichen Begebenheiten. Ein ehemaliges sogenanntes Gaumusterdorf in der Pfalz nahe der saarländischen Grenze. Die erste judenfreie Kleinstadt der NS-Zeit. Heute noch immer Provinz, aber auch Zufluchtsort für Geflüchtete. In Heimesbach leben Hindus, Buddhisten, Muslime, Atheisten, Christen, Zeugen Jehovas. Nur Juden verirren sich nach Heimesbach selten. Dabei waren einst 45 von 3000 Heimesbachern jüdisch.
Deren Schicksal, das der Metzgerei Loeb mit den »verteufelt guten Kalbsleberwürsten«, das des Warenhauses Lichter mit dem musischen Besitzer, das der klugen Johanna oder der zugezogenen Süskinds, verbindet Shida Bazyar in ihrem neuen Roman Die Lücken mit den Lebensläufen der dörflichen Familien über 100 Jahre.
Als erzählerische Perspektive wählt sie die eines jungen Mädchens, das bei einem Fahrradunfall stirbt und dessen Seele, körperlos an keine Zeit mehr gebunden, über der kleinen Stadt im Hunsrück schwebt.
Shida Bazyar, deren Eltern 1987 aus dem Iran flüchten mussten und die 1988 in Deutschland geboren wurde, hat mit den schuldhaften Verstrickungen der Täter und Mitläufer und den Schicksalen der Opfer ein überzeitliches, unendlich bewegendes Epos geschaffen und gleichzeitig ihrer eigenen Heimatstadt Hermeskeil bei Trier in Rheinland-Pfalz ein literarisches Denkmal gesetzt.
Denn Heimesbach ist Hermeskeil, wo Bazyar geboren wurde, wo sie aufwuchs und über das sie nun ein Jahrhundert deutscher Provinzgeschichte als Panorama einer brüchigen Idylle erzählt. Da entdecken in den 1920er-Jahren die Freundinnen Lore und Johanna ihre unübersichtliche Welt aus Familienzwisten und erotischen Wandlungen gemeinsam. Die schöne Lore, »die Blicke leichten Schrittes hinter sich herzieht«. Die kluge Johanna: Ihr Verstand will ordnen und verwirrt sich in der Liebe zum Streber Hans.
Zum Glück ist Hans jüdisch. Wenigstens das. Die Mädchen vertrauen einander bedingungslos, Johanna stützt Lores kränkliche Schwester. Lore, die weiß, dass sie als Dame Publikum braucht, wird eine glühende Nationalsozialistin, die kurz Herzrasen fühlt, als Johannas Habseligkeiten nach dem Transport auf der Straße verkauft werden.
»Johannas weiße Schürze und Johannas bestickte Servietten. Johannas Kniewärmer und Johannas Bettflasche«. Aber die Verteilung jüdischen Besitzes ist ja eine »ordentliche, ruhige Übernahme«. Niemand fragt, wohin die Besitzer verschwunden sind. Bedrückt hätten sie Heimesbach verlassen, so eine frühe Chronik der kleinen Stadt.
Verlassen? Deportiert in Richtung Osten, in die Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka … und das nach der Schändung des jüdischen Friedhofes in Heimesbach 1929. Nach den Verwüstungen der Pogromnacht 1938.
Die ehemaligen Freunde und Geschäftspartner hatten entweder mitgemacht, zugeschaut oder weggeschaut, auf jeden Fall die Straßenseite gewechselt und nicht mehr gegrüßt. »Es gibt keine Messlatte für Demütigungen. Aber Gleichgültigkeit wird als Beleidigung unterschätzt.« Jüdische Eltern wollten ihre Kinder schützen durch die Strategie des Schönredens und Auslassens. »Sie sahen einzelne Attacken, aber keinen Zustand.«
Und nach dem Krieg? Die kleinstädtische Spießigkeit des wohligen Einrichtens ohne Diskussionen um Schuld fasst Bazyar in ein Kaleidoskop aus Paradies-Schrecken und Heile-Welt-Alltag mit ein paar Kratzern. Lore, die ehemalige Nazifunktionärin, schlägt ihre kleine Tochter bei jedem Einnässen blutig, die Schläge langweilen die Mutter irgendwann. Die Berufsschullehrerin Petra zeigt ihren Schülern die US-Serie Holocaust und muss erleben, dass das Schicksal der Familie Weiss schon in den 90er-Jahren langweilt.
Heinz Kahn, der Sohn des ermordeten Tierarztes, besucht Heimesbach. Er hat Auschwitz überlebt. Ein Team des Südwestfunks (damals noch nicht der SWR) begleitet ihn. Er erinnert an seine Mutter, die einem Landstreicher einst hier Schuhe und Strümpfe geschenkt hatte. Die Mutter musste ins Gas. Der junge Heinz hat überlebt, dank des Landstreichers, der ihn in Auschwitz schützte.
Bazyar erzählt all diese Geschichten ohne jedes sprachliche Klischee, mit großer seelischer Tiefe, mit Verständnis für ihre Figuren und mit Erschütterung ob ihrer Sünden.
Sie verschränkt die Lebensläufe der Kleinstädter mit den Geschichten zweier geflüchteter Familien aus dem Iran, die in Heimesbach gestrandet sind. Asrin fühlt sich so fremd in der kahlen Wohnung und auf den unbelebten Plätzen und dann doch geborgen, als die Taxifahrerin sie mit Wehen in die Klinik fährt und eine patente, mütterliche Hebamme ihr bei der Geburt hilft.
Asrin ist glücklich. »Sie lächelt nach der Geburt in die Luft hinein.« Sie weiß, in ihrer Heimat hätte sie verbluten können, niemand hätte sich im Krieg um sie kümmern können. Sie dankt Heimesbach als Ort der Gewissheiten. »Das ist vielleicht Substanz eines jeden Zuhauses: alles, was einem das Gefühl von Sicherheit gibt, ohne dass man es überhaupt bemerkt.«
Eine Wundertüte sei dieser Roman, die Entdeckung des Buchherbstes 2026, so formulieren es die Kollegen einiger Zeitungen. Für mich hat Bazyar sehr viel mehr geschaffen: Sie hat dem Genre des momentan populären zeitgenössischen deutschen Dorfromans eine Ewigkeitsnote hinzugefügt. Große Literatur ist unvergänglich. Sie bleibt zeitlos. Bazyars Die Lücken nehme ich in meinen Kanon der besten deutschen Romane auf.
Shida Bazyar: »Die Lücken«. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 512 S., 26 €