Dana Vowinckel hat sich selbst übertroffen. Was in ihrem ersten Buch Gewässer im Ziplock (verlegt 2023 bei Suhrkamp Nova) trotz einiger etwas zäher Passagen bereits durchschimmerte, ist mit ihrem zweiten Roman Anton und Alma (erschienen Anfang September im Hauptprogramm von Suhrkamp) zur Gewissheit geworden: Hier schreibt eine deutsch-jüdische Autorin, die jüdisches Leben nicht erklärt, sondern erzählt. Diesmal in einem Pageturner von mehr als 500 Seiten, den man nicht aus der Hand legen kann.
Selbst als Tochter eines Juden und einer Nichtjüdin im Alter von elf Jahren zum Judentum konvertiert, schreibt Dana Vowinckel über die Befindlichkeiten einer Community, die sie bestens kennt. Sie schreibt von der inneren Zerrissenheit zweier Menschen in der Diaspora, genauer gesagt in Berlin und New York, nach den Massakern des 7. Oktober 2023 in Israel. Aber vor allem erzählt sie hinreißend die Liebesgeschichte von Anton und Alma, die eine Romanze hätte sein könnte, wären die Zeiten nicht, wie sie heute sind.
Und so wird es tragisch enden mit Alma, die Anton schon als Jugendliche bei einem Schüleraustausch in Frankreich aus der Ferne angeschmachtet hat. Im zweiten Satz ist alles über die Intensität dieser Liebe gesagt, die das gesamte Buch durchzieht: »Anton schenkte ihr seinen Yaourt, und als er sie anlächelte, als wüsste er, wie hungrig sie war, wusste sie, dass sie in seinen Körper einfallen wollte, dass sie jede Sekunde ihres Lebens damit verbringen könnte, in ihn hineinzufallen.«
Als Studenten treffen sie sich wieder. Diesmal kann Alma bei Anton landen, die beiden werden ein ungleiches Paar. Denn Anton stammt aus einer jüdischen Akademikerfamilie, die im Westen Berlins lebt und trotz aller Neurosen warmherzig wirkt, jedenfalls auf Alma, die in einer dysfunktionalen kleinbürgerlichen Patchwork-Familie in Biesdorf im Osten der Stadt aufwuchs und offenbar entfernt verwandt sein könnte mit dem Nazi Martin Bormann. Später will Alma zum Judentum konvertieren, verheimlicht dies aber vor Anton, der säkular lebt und mit Religion nicht viel anfangen kann. Allerdings promoviert er über die Konversion des Volkes der Chasaren zum Judentum und arbeitet sich an den fast 20 Jahre alten Thesen des israelischen Historikers Shlomo Sand und dessen Buch Die Erfindung des jüdischen Volkes ab.
Das alles hätte eine Ansammlung von Klischees sein können, doch Vowinckels Figuren besitzen einen eigenen, nur selten erwartbaren Charakter. Die Story von den Liebenden, die sich finden, trennen, nach dem 7. Oktober 2023 aus Verzweiflung über propagandistische Chats ihrer Freunde und Bekannten und soziale Isolation an den Hochschulen wieder zusammenfinden und sich schließlich doch verlieren, ist geschrieben im Sound der Generation Z, der in den Feuilletons auch zahlreiche Rezensenten über 30 begeistert hat.
Wer als Jude den 7. Oktober in der Diaspora erlebt hat, kennt diese Geschichte, die Vowinckel erzählt. Kennt aber auch die Vorgeschichte, die im Buch mit dem Attentat eines Neonazis 2019 auf die Synagoge in Halle beginnt, sich mit den »Schwurblern« der Pandemie fortsetzt – im Roman vertreten durch Almas Stiefvater Dirk – und dem Gefühl, keinen sicheren Ort in der Welt mehr zu finden, weder in der Diaspora unter wachsender antisemitischer Agitation noch in Israel unter einer in Teilen rechtsextremen Regierung.
Und wer von uns kennt nicht die Angst, irgendwann in die Synagoge zu gehen wie Alma an einem schönen Maitag in Kreuzberg? Als »der Flieder blühte, geschäftiges Glück auf dem Markt am Maybachufer ... Die Polizisten quatschten, der Israeli am Tor nickte ihr zu«. Dana Vowinckel hat einen Roman geschrieben, der den Nerv vieler Juden und Nichtjuden zugleich trifft. Was nicht für all ihre Statements gelten muss. Aber Literatur spricht für sich.
Dana Vowinckel: »Anton und Alma«. Roman. Suhrkamp, Berlin 2026, 542 S., 26 €