Die Bibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt am Main hat sich verändert. Wenn früher die Sonne durch das große Glasfenster fiel, auf dessen Sims man wunderbar schmökern kann, erhellte sie Buchrücken, alte, abgewetzte Wälzer und neue Kinderbücher. Doch die sind nun auf die gegenüberliegende Seite gewandert. Wenn jetzt die Sonne durch das Glasfenster fällt, funkelt es verführerisch aus einer riesigen, in die Wand eingelassenen Vitrine, Lichtreflexe durchziehen den Raum.
Vor dunkelblauem Samt stehen hier seit Anfang September 72 Toraaufsätze, aus Silber, goldüberzogen oder mit Holzelementen, blank geputzt und strahlend.
Rimonim sollen die Aufmerksamkeit wecken für die Heilige Schrift
Man nennt diese besonderen Judaica »Rimonim«, auf Hebräisch Granatäpfel, und viele dieser Aufsätze sind tatsächlich wie die Frucht geformt, von der man im Judentum sagt, sie habe 613 Kerne wie alle Gebote der Tora. Sie können aber auch Kronen ähneln, was naheliegt, schließlich stecken sie oben auf den zwei Holzstäben, auf die das Schriftpergament aufgewickelt wird. Fast immer baumeln an ihnen Glöckchen, sodass die Torarolle, wenn sie in der Synagoge aus dem Schrank geholt und zum Lesepult getragen wird, auch die in der letzten Reihe dösenden Beter aufweckt.
Ob mit ihrer Schönheit oder ihrem süßen Klingeln – die Rimonim sollen die Aufmerksamkeit wecken für das, was zunächst vielleicht unscheinbarer, zurückhaltender daherkommt: die Heilige Schrift.
Es war ein langer Weg für diese funkelnden Schätze hierher, in die Georg Heuberger Bibliothek in Frankfurt. Und damit ist nicht allein die Strecke vom schweizerischen Bern gemeint, wo sie bis zuletzt schon etwas angestaubt auf Regalbrettern in einem Arbeitszimmer standen. Damit die Rimonim in der Vitrine präsentiert werden konnten, brauchte es natürlich fachkundige Kunsttransporteure, Restauratoren und Kuratorinnen. Vor allem aber brauchte es ein großes Stück Überzeugungsarbeit.
Ein langer Weg von Bern nach Frankfurt, auf dem auch Zweifel überwunden werden mussten
Anderthalb Jahre sei es nun her, erzählt Eva Atlan, stellvertretende Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, dass sie den Besitzer dieser Schätze zum ersten Mal am Telefon sprach: Dann fuhr sie in die Schweiz und traf den Mann, der die vergangenen 45 Jahre damit verbracht hatte, diese außergewöhnlichen Judaica zu sammeln. So emsig, dass er inzwischen die größte private Rimonim-Sammlung der Welt in seinem Büro aufbewahrte.
Für Cymbalista war es nicht einfach, die Objekte ausgerechnet nach Deutschland zu geben.
Norbert Cymbalista, das erkannte Atlan schnell, war kein gewöhnlicher Kunstsammler. Der heute 100-jährige Mann wurde 1926 in Worms geboren, zur Zeit seiner Einschulung kamen die Nazis an die Macht, zweimal floh er zu Fuß aus Hessen gen Westen, überlebte in einem Arbeitslager in der Schweiz, kam nach dem Krieg zu Fuß nach Mailand, wo er – der Junge, der kaum in die Schule gegangen war und nicht viel mehr bei sich hatte, als er am Leibe trug – sich zu einem erfolgreichen Bauunternehmer hocharbeitete.
Von dem erwirtschafteten Geld ließ Cymbalista eine Synagoge für die Tel Aviver Studenten errichten und begann, alte Toraaufsätze auf Auktionen zu ersteigern. Cymbalista sammelte Rimonim aus Marokko und China, aus dem Jemen und Schweden. Wenn man ihn fragt, woher seine Begeisterung für die Toraaufsätze rührt, sagt er: »Weil es eines der wenigen Judaica-Objekte ist, die alle Juden benutzen.« Sie unterschieden sich zwar in Form, Größe, Material und Inschrift, doch hätten alle dieselbe Funktion. »Ich wollte etwas sammeln, das allen Juden gleich heilig ist«, sagt Cymbalista. Und fügt hinzu: »Juden müssen zusammenhalten, es sind so wenige geblieben.«
Unterschiede in Form, Größe, Material und Inschrift, doch alle haben dieselbe Funktion
Einen Mann mit dieser Lebensgeschichte also wollte Eva Atlan überzeugen, seine Sammlung nach Deutschland zu geben. Auszustellen in der Stadt, von der Norbert Cymbalista nur den Bahnhof erinnerte: Dort hielt der Zug, als er mit seinen Eltern 1938 als »Ostjude« von den Nazis im Rahmen der sogenannten Polenaktion abgeschoben werden sollte.
»Für ihn war die Vorstellung, die Toraaufsätze nach Deutschland zu geben, sehr schwierig«, erinnert sich Atlan. Und doch: Cymbalista reiste nach Frankfurt. Er besuchte das Jüdische Museum und sprach mit allen: von der Direktorin bis zum Restaurator. Er prüfte, wer seine Rimonim verwalten würde und wie sie präsentiert werden sollten. Er wollte verstehen, wo sie gezeigt werden könnten und wer sie betrachten würde. Und er stellte die harten Fragen: Was wäre, wenn in 20 Jahren hier jemand ganz anderes regiert, der über das kommunale Museum bestimmen kann?
Doch der Besuch in Frankfurt gab ihm Vertrauen. Besonders berührt habe Cymbalista, erzählt Eva Atlan, als er sah, wie eine Klasse aus der Jüdischen Schule durch das Museum Judengasse tobte. Es habe ihm gezeigt, dass seine Objekte in Frankfurt nicht nur an das Vergangene erinnern würden, sondern auch auf eine lebendige jüdische Gegenwart treffen. Und es passte zu dem Bild von der damaligen Frankfurter Gemeinde, das sich in Cymbalistas Gedächtnis eingebrannt hatte: Nachdem seine Familie 1938 bei ihrer Abschiebung nach Polen im Niemandsland des Grenzbereichs gelandet war, gelang ihnen die Fahrt zurück nach Frankfurt. Dort empfingen zahlreiche Juden der Stadt die Erschöpften mit Essen.
Auch auf Cymbalistas politische Sorgen fand man eine Antwort: Die Toraaufsätze sollten nicht geschenkt, sondern nur als Dauerleihgabe an das Museum gegeben werden. So war sichergestellt, dass sie in Zukunft nicht den Falschen in die Hände fallen könnten.
Spuren von Gemeinden, die nicht mehr existieren
Zur Eröffnung der Ausstellung ist Norbert Cymbalista erneut nach Frankfurt gereist. 100 Jahre alt, aber 30 Jahre jünger wirkend, nimmt er nun auf dem Podium im Museumsfoyer Platz. Und erlaubt sich gleich einen Scherz: »Ich werde Ihnen nun die Geschichte meiner Sammlung erzählen. Nur bin ich jetzt in einem Alter, in dem es mir insbesondere schwerfällt, mich an drei Dinge zu erinnern: erstens Namen, zweitens Zahlen und drittens habe ich vergessen.«
Cymbalista fühlt sich sichtbar wohl zwischen den Mitarbeitern des Museums. Er dankt »Eva, der Macherin«, die ihn überzeugt hat, seine wertvolle Sammlung weiterzugeben. »Meine Frau und ich haben etliche Reisen gemacht, um Rimonim aus allen Ecken der Erde zu kaufen. Bei vielen haben wir erst danach festgestellt, dass sie nicht echt waren.«
Er erzählt amüsiert von zwei Toraaufsätzen, die er bei einem Auktionshaus in China ersteigerte und von Experten im British Museum prüfen ließ. Und tatsächlich: Die Rimonim wurden laut Silberherstellermarke in China hergestellt, die Inschrift jedoch besagte, dass sie für eine Synagoge in Rangoon, Myanmar, bestimmt waren. Heute stehen sie als Nummer 78 in der Vitrine. Die Rimonim haben durchaus etwas Fernöstliches: Über ihrem bauchigen, mit Blüten gravierten Mittelteil liegt ein Ring, an dem mehrere Ketten mit tropfenförmigen Anhängern befestigt sind. »Sie übernehmen die Funktion der sonst häufig verwendeten Glöckchen und erzeugen beim Tragen der Torarolle ein leises, klingendes Geräusch«, weiß Eva Atlan.
Sie hat sich alle 72 Objekte genau angeschaut, Beschreibungen erstellt und ihre Geschichte recherchiert. »Die jüdische Bevölkerung in Rangoon war im 19. Jahrhundert eine kleine, aber wirtschaftlich und kulturell bedeutende Minderheit. Mit der britischen Kolonialherrschaft entwickelte sich Rangoon zu einem wichtigen Hafen und zog jüdische Händler aus dem Irak, Indien und anderen Regionen des Nahen Ostens an«, steht da zum Beispiel zur Nummer 78.
Die Rimonim, sagt Eva Atlan, seien für sie Zeugen der globalen jüdischen Geschichte, Zeugen von Migration und kulturellen Begegnungen. »Die Sammlung widerspricht der Vorstellung von jüdischem Leben als einheitliches, europäisches Phänomen.«
Ein persönlicher Favorit
Ihr liebstes Objekt seien die Aufsätze aus Constantine. Von dort stammt die Familie ihres Vaters. »Über viele Jahrhunderte war Constantine eines der wichtigsten Zentren jüdischen Lebens im Maghreb. Die Juden der Stadt entwickelten einen eigenen Dialekt und bewahrten eine eigenständige religiöse Tradition«, weiß Atlan. 1934 wurden bei einem Pogrom in der algerischen Stadt 25 Juden getötet. Nach dem Unabhängigkeitskrieg verließen fast alle Juden die Stadt Richtung Frankreich. Die Rimonim erzählen also von einer Gemeinde, die es so nicht mehr gibt.
In Frankfurt aber gibt es noch, oder wieder, eine lebendige Gemeinschaft, die mit der neuen Sammlung an ihre vorhandenen Judaica anknüpft. Bisher bestand diese Sammlung vor allem aus Objekten, die aus der Frankfurter Judengasse und der städtischen Silberschmiede stammten. Mit den Rimonim aber werden neue Bezugspunkte und Beziehungsgeflechte sichtbar, die Stadt wird Herberge für Objekte aus anderen aschkenasischen, aus sefardischen und misrachischen Gemeinden. Als die Vitrine offiziell eingeweiht wird, spricht Gemeinderabbiner Avichai Apel das Schehechejanu, einen Segen, der Dankbarkeit ausdrückt, die Freuden der heutigen Zeit erleben zu dürfen.
Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr kostenlos in der Georg Heuberger Bibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt zu sehen.