Bereschit

Worte retten Leben

Foto: Getty Images/iStockphoto

Worte sind nicht nur Schall, der verhallt. Worte können eine Welt erschaffen, und sie können eine Welt zerstören. Die jüdische Tradition hat immer um diese besondere Kraft des Wortes gewusst.

Am Anfang der Tora steht nicht eine Tat, nicht ein Kampf und nicht eine Eroberung. Am Anfang steht ein Wort: »Gʼtt sprach: ›Es werde Licht!‹ – Und es ward Licht.« Mit diesem gʼttlichen Wort beginnt die Schöpfung. Das Wort schafft Ordnung aus dem Chaos, es schenkt dem Leben Gestalt und gibt der Welt ihren Sinn. Worte sind niemals bedeutungslos. Sie tragen Verantwortung. Doch manchmal sind es nicht die gesprochenen Worte, die uns beschäftigen, sondern gerade jene, die fehlen.

Auch Schweigen kann eine Botschaft sein. Eine der geheimnisvollsten Stellen der Tora finden wir in der Geschichte von Kajin und Hewel. Die Tora erzählt: »Kajin sprach zu seinem Bruder Hewel.« Aber was sagte Kajin? Wir wissen es nicht. Die Tora nennt keine Worte. Sie erwähnt ein Gespräch und lässt uns über den Inhalt im Dunkeln. Vielleicht will uns die Tora gerade durch diese Lücke etwas lehren. Denn nicht nur das gesprochene Wort kann gefährlich sein. Auch unausgesprochene Gefühle können den Menschen verändern: Neid, Enttäuschung, Kränkung und Zorn. Wenn Menschen nicht mehr miteinander sprechen, entsteht eine gefährliche Stille. Auch die Namen der beiden Brüder erzählen eine tiefere Geschichte. Als Chawa Kajin gebiert, sagt sie: »Ich habe einen Sohn erworben mithilfe des Ewigen« (1. Buch Mose 4,1).

Kajin trägt also einen Namen, der mit Besitz und Gewinn verbunden ist.
Der Name Hewel dagegen bedeutet so viel wie Hauch, Atem, Vergänglichkeit. Die Tora erklärt seinen Namen nicht. Aber im Nachhinein klingt er wie eine traurige Vorahnung: Hewels Leben wird tatsächlich nur ein kurzer Atemzug sein. Die Brüder gehen verschiedene Wege. Hewel wird Hirte, Kajin arbeitet als Bauer. Beide bringen Gʼtt ein Opfer dar: Hewel von den Erstlingen seiner Herde, von dem Besten, das er besitzt. Kajin opfert Früchte des Bodens. Die Tora berichtet nur: Das Opfer Hewels wurde angenommen, das Opfer Kajins jedoch nicht. Warum? Die Tora gibt uns keine einfache Antwort.

Das Leben erscheint nicht immer gerecht und durchschaubar

Vielleicht erinnert sie uns daran, dass das Leben nicht immer gerecht und durchschaubar erscheint. Es gibt Situationen, in denen wir nicht verstehen, warum der eine Erfolg hat und der andere nicht. Aber entscheidend ist nicht nur, was einem Menschen geschieht. Entscheidend ist, wie er darauf reagiert. Kajin wird zornig. Doch bevor seine Wut zur Tat wird, spricht Gʼtt zu ihm: »Wenn du Gutes tust, kannst du dein Haupt erheben. Wenn du aber nicht Gutes tust, lauert die Sünde vor der Tür. Nach dir steht ihr Verlangen, du aber kannst über sie herrschen« (4, 6–8).

Das ist eine der großen Botschaften der Tora: Der Mensch ist nicht Sklave seiner Gefühle. Zorn kann an unsere Tür klopfen. Neid kann unser Herz erfüllen. Aber der Mensch besitzt die Fähigkeit, zu entscheiden, welchen Weg er gehen will.

Leider hört Kajin nicht auf diese Warnung. Die Tora (4,8) erzählt erneut: »Kajin sprach zu seinem Bruder Hewel. Und als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kajin gegen seinen Bruder Hewel und erschlug ihn.«

Wieder dieselben Worte: »Kajin sprach zu seinem Bruder.« Und wieder erwähnt die Tora nicht, was gesagt wurde. Unsere Weisen haben verschiedene Erklärungen für diesen Streit gegeben. Sie erzählen von Fragen des Besitzes, der Macht und der Anerkennung. Die Einzelheiten mögen unterschiedlich sein, aber die Grundfrage bleibt dieselbe: Warum kann ein Mensch den anderen nicht ertragen, wenn er glaubt, weniger zu besitzen, weniger geachtet oder weniger geliebt zu werden?

Wenn die Worte Kajins überliefert wären, könnten wir sagen: Das war damals, das war ein alter Streit zweier Brüder. Aber die Tora lässt die Worte offen. Jede Generation kann ihre eigenen Worte einsetzen: Worte der Kränkung, des Hasses oder der Verachtung.

Für Raschi war Kajins Streit mit seinem Bruder nur ein Vorwand

Raschi, der große mittelalterliche Tora-Kommentator, fragt nicht lange nach dem äußeren Anlass des Streites. Für ihn war der Streit nur ein Vorwand. Das Entscheidende war, dass sich der Hass bereits im Herzen Kajins festgesetzt hatte. Auch heute erleben wir, dass ein kleiner Anlass manchmal nur der Auslöser für einen viel tieferen Konflikt ist.

Doch eines macht die Tora unmissverständlich klar: Kein Streit, keine Beleidigung und keine Enttäuschung können Gewalt rechtfertigen. Das Leben eines Menschen ist heilig. Vielleicht gibt es aber noch eine andere Möglichkeit, die fehlenden Worte zu verstehen.

Vielleicht sprach Kajin wirklich zu seinem Bruder, aber Hewel hörte nicht mehr zu. Vielleicht fanden die Worte kein offenes Ohr. Denn Worte können nur dann etwas bewirken, wenn jemand bereit ist, zuzuhören.

Ein Gespräch besteht nicht nur aus dem Reden. Es besteht aus zwei Menschen: einem, der spricht, und einem, der hört. Darum fordert die jüdische Tradition nicht nur, dass wir sprechen, sondern dass wir miteinander sprechen.

Die Tora lehrt: Wir sind füreinander verantwortlich

Nach dem Mord wird Kajin von Gʼtt gefragt: »Wo ist dein Bruder Hewel?« Kajin antwortet: »Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?« (4,9). Es ist eine erschreckende Antwort. Denn genau das ist die Frage der Tora an jeden Menschen: Sind wir nicht tatsächlich verantwortlich füreinander? Und dann hören wir die Stimme des Allmächtigen: »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu Mir vom Erdboden« (4,10).

Hewel kann nicht mehr sprechen. Aber die Wahrheit über sein Leben und seinen Tod bleibt hörbar. Am Ende stehen zwei Stimmen gegenüber: die stummen Worte zwischen den Brüdern und die Stimme des Blutes, die nicht zum Schweigen gebracht werden kann.

Die Geschichte von Kajin und Hewel ist deshalb nicht nur eine Geschichte über den ersten Mord der Menschheit. Sie ist eine Geschichte über unsere tägliche Verantwortung. Solange Menschen miteinander sprechen und einander zuhören, bleibt die Möglichkeit der Versöhnung bestehen. Aber wenn das Gespräch verstummt, wenn Mitgefühl und Verantwortung verschwinden, dann beginnen irgendwann die Taten zu sprechen. Darum erinnert uns die Tora daran: Wir sollen unsere Worte rechtzeitig finden. Worte der Wahrheit, der Güte und des Friedens. Denn ein einziges gutes Wort kann eine Welt verändern.

Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.

inhalt
Mit dem Wochenabschnitt Bereschit fängt ein neuer Jahreszyklus an. Die Tora beginnt mit zwei Berichten über die Erschaffung der Welt. Aus dem Staub der aus dem Nichts erschaffenen Welt formt der Ewige den Menschen und setzt ihn in den Garten Eden. Adam und Chawa wird verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen, der inmitten des Gartens steht. Doch weil sie – verführt von der Schlange – dennoch eine Frucht vom Baum essen, weist sie der Ewige aus dem Garten. Draußen werden ihnen zwei Söhne geboren: die Brüder Kajin und Hewel. Der Ältere, Kajin, tötet seinen Bruder Hewel.
1. Buch Mose 1,1 – 6,8

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