Wajera

Lots Töchter

Hans Baldung Grien: »Lot und seine Töchter, drei Fragmente« (1535/40), Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Foto: picture alliance/dpa

Die Harmonien und Disharmonien von Geschwisterpaaren sind in der Tora ein häufiges Vorkommnis: Kajin und Hewel, Jakow und Esaw, Mosche und Aharon sind die bekanntesten Beispiele. Neben vielen Gemeinsamkeiten und Unterschieden fällt vor allem eines ins Auge: Sie sind alle Brüder.

Unser Wochenabschnitt Wajera bietet eine Ausnahme zu der Regel, dass die Geschwisterpaare gewöhnlich männlich sind. Wir lesen davon im Kontext der spannungsreichen Zerstörung von Sedom und Amora.

Awraham versuchte, die Vernichtung der Städte des Salzmeeres zu verhindern

Awraham, der gütige Vorfahre des jüdischen Volkes, versuchte noch, die Vernichtung der Städte des Salzmeeres zu verhindern. Erfolgreich war er nicht. Nachdem die drei Engel ihren Besuch bei ihm beendet hatten, zogen zwei von ihnen in die Stadt hinab, um nach Gerechten zu suchen. Erfolglos.

Bei ihrem Besuch zur Zeit des Sonnenunterganges ging alles schief. Die männlichen Einwohner der Stadt riefen lautstark nach Lot und forderten ihn auf, ihnen seine Besucher zu übergeben (1. Buch Mose 19,5).

Ihre Sprache ist dabei eindeutig. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass sie sexuelle Absichten hegen, wenn sie die Auslieferung der Gäste fordern. Das hebräische Wort »wenede’a« (»wir wollen sie erkennen«), das die Tora an dieser Stelle verwendet, ist ein Euphemismus für Geschlechtsverkehr.

Diese metaphorische Bedeutung des Begriffes »Wissen« ergibt sich aus anderen Geschichten, wie der über Adam und Chawa, wo eine ähnliche Formulierung erscheint. Das Wort selbst ist an sich neutral und vielschichtig; hier aber legt der Kontext das Verständnis klar fest.

Lot verteidigt seine Gäste – und bietet seine jungfräulichen Töchter dar

Und was macht Lot? Er verteidigt seine Gäste und bietet stattdessen seine jungfräulichen Töchter dar. Doch schreiten die Engel rettend ein und stellen sich dazwischen. Rasch schließen sie Lot und seine Familie im Haus ein und schlagen die Männer der Stadt mit Blindheit, damit sie nicht weiter vordringen können. So wird den beiden Töchtern Lots dieses grausame Schicksal erspart.

Für die Mefarschim, die klassischen Kommentatoren, ist die Sünde von Sedom und Amora neben dem Bruch aller Moral und dem Gebot der Gastfreundschaft auch mit Homosexualität verbunden.

Auf diese Weise kam im lateinischsprachigen Westen der Begriff der »Sodomie« auf, der später auf noch weitere sexuelle Verbote ausgeweitet wurde. Doch scheint es, dass vielleicht Homosexualität hier gar nicht das zentrale Thema war, sondern es ging vielmehr um die Frage, wie die beiden Frauen, Lots Töchter, behandelt wurden.

Die Beschreibung von jungen und alten Männern, die wild das Haus von Lots Familie umringten (19,4), klingt wie ein Albtraum. Ihr Versuch, die Hausinsassen zu sexuellen Handlungen zu nötigen, lässt möglicherweise an den Fall Gisèle Pelicot denken, der mutigen Französin, die schließlich Gerechtigkeit in einem Gerichtsverfahren gegen ihren Mann und seine 50 Mittäter erkämpfte.

In Lots Zeit war es die Gesellschaft von Sedom, die ein solches Verhalten ermöglichte. Vielleicht war das bereits ein ausreichender Grund, diese Stadt zu zerstören. Auch Lots Verhalten ist dabei mehr als fragwürdig.

Leider interessiert es die mittelalterlichen Kommentatoren kaum, dass eine gewalttätige Männermenge sexuelle Gewalt ausüben wollte

Leider interessieren sich die mittelalterlichen Kommentatoren kaum für den Umstand, dass hier eine gewalttätige Menge von Menschen, eigentlich eine Männermenge, sexuelle Gewalt ausüben wollte.

Rabbenu Bahya, der im 13. Jahrhundert in Spanien lebte, bildet dabei eine hervorzuhebende Ausnahme. Er stellt heraus, dass Lots Verhandlungen mit dem Ziel, das illegitime Verlangen dieser Menschen zu erfüllen, zeigen, dass auch sein Herz am falschen Fleck war. Vor allem sein Angebot, dass die Männer tun mögen, was »gut in ihren Augen ist«, war ein Affront gegenüber seinen Töchtern.

Der italienische Kommentator Sforno (16. Jahrhundert) verstand Lots Angebot wieder anders. Er schreibt, Lot habe wohl gehofft, dass die Verlobten seiner Töchter dazwischentreten und die beiden jungen Frauen retten würden.

Aber verstand Lot denn so wenig die Eigenschaften seiner künftigen Schwiegersöhne? Oder konnte Sforno, der selbst Vater war, schlicht nicht verstehen, wie ein Vater seine Töchter anbietet?

Die Töchter glaubten, sie wären die letzten verbliebenen Einwohner der Welt

Vor allem aber sind diese beiden Töchter für ihre Taten nach der Verwüstung der Städte bekannt. Laut dem Midrasch glaubten sie, nachdem sie sich mit ihrem Vater in Höhlen östlich des Jordans geflüchtet hatten, dass sie die letzten verbliebenen Einwohner der Welt wären.

Die Lage nicht überblickend, vermuteten sie, dass Gott erneut die ganze Menschheit zerstört habe wie in den Tagen Noachs. Radak, der im 12. und 13. Jahrhundert in der Provence lebte, meint, die Töchter hätten geglaubt, dass sie niemals einen Bräutigam finden würden.

So ergriffen sie das vermeintlich einzig verbleibende Mittel, das den Fortbestand der menschlichen Art noch sichern konnte: Sie schliefen mit ihrem Vater. Es war die ältere Schwester, die diese Idee ersann. Sie beeinflusste sodann die jüngere. In zwei Nächten hintereinander gaben sie ihrem Vater Wein zu trinken und gingen nacheinander jeweils allein zu ihm (19, 33–35).

Beim Lesen schreckt man zunächst vor ihren Taten zurück. Wir erwarten eine klare Verurteilung ihres Handelns. Nicht nur begingen sie Inzest – in der Tora ein klares Verbot –, sondern sie erhielten von ihrem betrunkenen Vater auch keine Zustimmung.

Ruft man sich die im Text erfolgte umfassende Verurteilung der Einwohner von Sedom ins Gedächtnis, wird der Kontrast zum Schicksal der beiden Frauen und der aus ihnen geborenen Söhne umso merkwürdiger.

Die beiden Söhne Moaw und Ben Ami wurden zu Stammvätern großer Völker

Die beiden Söhne mit den besonderen Namen Moaw und Ben Ami durften nicht nur mit ihren Müttern weiterleben, sondern werden sogar zu Stammvätern großer Völker. Aus Moaw stammt auch König David, der durch seine Urgroßmutter Ruth zu den Nachkommen der Töchter Lots zählt.

Warum sind die beiden Frauen also nicht stärker verurteilt worden? Der Talmudtraktat Horajot (10b) bietet eine Antwort: Die Töchter wollten eine Mizwa erfüllen – und die Absicht ist es, die hier zählt.

Dafür richten die talmudischen Weisen ihre Vorwürfe gegen Lot. Für die erste Nacht hätte er zwar keine Verantwortung zu übernehmen – war er doch betrunken –, doch da ihm bekannt war, was vorgefallen war, hätte er in der zweiten Nacht die Tat der jüngeren Tochter durch einen Verzicht auf Alkohol verhindern müssen.

Lots Töchter konnten sich keine alternative Zukunft vorstellen. Ihr Handeln entspricht dem Archetyp der »gerechten Verführerin«, wie die israelische Talmud-Forscherin Gila Fine herausstellt. Dieser Archetyp versucht, die Taten der Frauen nicht zu entschuldigen, erklärt aber, dass Frauen oft nur durch ihre Körper Macht haben konnten.

Vielleicht war also die Reduzierung von Frauen auf sexuelle Objekte der Hauptfehler Sedoms. Obwohl die darauffolgende Tat der Frauen ihrem Vater gegenüber dem ähnelte, was man ihnen antun wollte, war ihr Motiv doch ein ganz anderes. Sie wollten die Welt retten – und hatten dafür nur ihre Körper als Mittel.

Die Autorin studiert am Abraham J. Heschel Seminar in Potsdam.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajera erzählt davon, wie Awraham Besuch von drei g’ttlichen Boten bekommt. Sie teilen ihm mit, dass Sara einen Sohn zur Welt bringen wird. Awraham versucht, den Ewigen von seinem Plan abzubringen, die Städte Sedom und Amora zu zerstören. Lot und seine beiden Töchter entgehen der Zerstörung, seine Frau jedoch erstarrt zu einer Salzsäule. Awimelech, der König von Gerar, nimmt Sara zur Frau, nachdem Awraham behauptet hat, sie sei seine Schwester. Dem alten Ehepaar Awraham und Sara wird ein Sohn geboren: Jizchak. Hagar und ihr Sohn Jischmael werden fortgeschickt. Am Ende der Parascha prüft der Ewige Awraham: Er befiehlt ihm, Jizchak zu opfern.
1. Buch Mose 18,1 – 22,24

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