Wer im Sommer am Strand liegt, hört manchmal den scherzhaften Satz: »Heute wird die Sonne angebetet.« Gemeint ist die Freude über einen wolkenlosen Himmel. Der Talmud verwendet den Ausdruck jedoch in einem ganz anderen Zusammenhang.
Rabbi Meir lehrt im Talmudtraktat Berachot (7a): »Wenn die Sonne aufgeht und die Könige des Ostens und des Westens ihre Kronen aufsetzen und sich vor der Sonne niederwerfen, wird der Heilige, gelobt sei Er, zornig.«
Diese Stelle wirft zwei Fragen auf. Die erste lautet: Kann Gʼtt überhaupt zornig werden? Wie kann man einem vollkommenen Gʼtt, der außerhalb jeder menschlichen Natur existiert, menschliche Emotionen wie Zorn zuschreiben?
Die zweite Frage lautet: Weshalb erwähnt der Talmud ausdrücklich, dass die Könige ihre Kronen aufsetzen? Dass sie sich vor der Sonne verbeugen, wäre doch auch ohne dieses Detail Götzendienst.
Der Mensch erlebt die Folgen seines Tuns als Gericht oder Strafe
Zur ersten Frage gibt Maimonides, der Rambam (1138–1204), eine grundlegende Antwort. Die Tora spricht in der Sprache der Menschen. Wenn sie von Gʼttes Hand, seinem Auge oder seinem Zorn spricht, beschreibt sie keine Eigenschaften Gʼttes. Gʼtt verändert seine Stimmung nicht und kennt keine Emotionen im menschlichen Sinn. Was wir als Gʼttes Zorn bezeichnen, beschreibt vielmehr die Art und Weise, wie sein Handeln auf den Menschen wirkt. Der Mensch erlebt die Folgen seines Tuns als Gericht oder Strafe und bezeichnet diese Erfahrung als Zorn. Gʼtt selbst bleibt das absolute Gute. Auch das, was wir als Strenge empfinden, dient letztlich dem Guten.
Zur zweiten Frage erklärt Rabbi Josef Chaim aus Bagdad, der Ben Isch Chai (1834–1909): Diese Könige danken der Sonne nicht einfach für ihr Licht oder für eine gute Ernte. Indem sie ihre Kronen aufsetzen, bekennen sie sich zu einer bestimmten Weltanschauung. Sie glauben, dass ihre Macht von den Sternen abhängt, von einer unveränderlichen Vorsehung, die weder durch Gʼttes Willen noch durch das Handeln des Menschen beeinflusst wird.
Der Götzendienst besteht in der Überzeugung, dass es Kräfte gibt, die unabhängig von Gʼtt über das Leben bestimmen
Genau darin liegt der eigentliche Götzendienst. Er besteht nicht nur in der Verehrung eines Himmelskörpers, sondern in der Überzeugung, dass es Kräfte gibt, die unabhängig von Gʼtt über das Leben bestimmen.
Vielleicht ist diese talmudische Passage deshalb aktueller, als sie auf den ersten Blick erscheint. Heute kniet kaum noch jemand vor der Sonne nieder. Doch wir neigen dazu, anderen Dingen die letzte Macht zuzuschreiben, dem Zufall, den wirtschaftlichen Umständen, den Sternen, der eigenen Leistung oder den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.
Der jüdische Glaube widerspricht dieser Sichtweise nicht aus dem Grund, weil er Naturgesetze oder menschliches Handeln leugnen würde, sondern vielmehr, weil er hinter allem Gʼtt sieht. Die Natur ist nicht unabhängig von ihrem Schöpfer. Erfolg ist nicht von ihm getrennt.
Der Mensch soll Gʼtt nicht nur im Wunder erkennen, sondern auch im Alltag
Der Mensch soll Gʼtt nicht nur im Wunder erkennen, sondern auch im Alltag und selbst dort, wo der Talmud von Gʼttes »Zorn« spricht. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, hinter allem den Einen zu erkennen, von dem alles ausgeht.
Die Mystiker erklären, dass der Name »Adonai« das gʼttliche Wirken symbolisiert, das sich auf wunderbare und übernatürliche Weise offenbart. Er steht für jene Momente, in denen wir Gʼtt als den gütigen Gʼtt erfahren. Der Name »Elohim« hingegen steht für das gʼttliche Wirken innerhalb der Natur, für die Ordnung der Schöpfung und für jene Situationen, in denen wir Gʼtt als streng wahrnehmen.
In unserem Glaubensbekenntnis sagen wir: »Höre, Israel: Adonai ist unser Elohim, Adonai ist der Eine« (5. Buch Mose 6,4). Höre, Israel: Das Übernatürliche und das Natürliche, Barmherzigkeit und Gericht, Wunder und Alltag, alles geht von demselben einen Gʼtt aus. Es gibt keine Macht, die unabhängig von ihm wirkt.