Frau Ben Shalom, Sie haben in letzter Zeit mehrfach mit jüdischen Singles in Deutschland gearbeitet. Was hat Sie an der jüdischen Dating-Szene hier besonders überrascht?
Bei einer Veranstaltung in Düsseldorf im Juli dieses Jahres haben wir ein Kennenlernspiel gemacht, bei dem es darum ging, Gemeinsamkeiten zu finden. Eine Person trat hervor und sagte: »Ich habe noch nie einen jüdischen Menschen gedatet.« Ungefähr die Hälfte der Teilnehmenden stellte sich zu ihr. Das war für mich bemerkenswert. Ich fragte sie, warum. Die Antwort war nicht, dass sie etwas dagegen hätten. Ganz im Gegenteil. Sie sagten: »Ich würde sogar sehr gern jemanden Jüdischen kennenlernen. Ich hatte einfach nie die Gelegenheit dazu.« Das sagt etwas Wichtiges aus. Es gibt einen echten Bedarf.
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist relativ klein und über das ganze Land verteilt. Macht dies jüdisches Dating besonders schwierig?
Menschen erzählen mir an ganz unterschiedlichen Orten dasselbe: »Es ist so eine kleine Gemeinschaft. Jeder kennt jeden.« Das höre ich auch in New York, Miami, Los Angeles und London. »Mehr« bedeutet nicht, dass irgendwo in dieser riesigen Auswahl der richtige Partner steckt. Manchmal bedeutet »mehr« einfach mehr Ablenkung. Wenn man weniger Möglichkeiten hat, muss man sich umschauen und die Menschen wirklich kennenlernen. Wir suchen nicht nur nach einem Körper und nach Chemie. Wir suchen nach Körper und Seele. Ein hübsches Gesicht trägt eine Beziehung nur eine gewisse Strecke. Was passiert, wenn die Person den Mund aufmacht? Gefällt Ihnen, was sie sagt? Stimmen Ihre Werte überein? Verstehen Sie sich? Deshalb liebe ich kleine Veranstaltungen. Es geht nicht nur um die Anzahl der Menschen. Es geht um die Intimität, die mit einer kleineren Gruppe entsteht. Menschen öffnen sich. Sie erzählen Geschichten. Man beginnt zu verstehen, wer sie wirklich sind – nicht nur, wie sie aussehen.
Haben sich bei der Düsseldorfer Veranstaltung tatsächlich Paare gefunden?
Soweit ich weiß, haben einige Paare nach der Veranstaltung angefangen, zu daten. Und auch diejenigen, die die Veranstaltung nicht mit einem neuen Partner verlassen haben, gingen mit etwas Wichtigem nach Hause: Hoffnung. Sie gingen mit dem Gefühl: »Ich kann meinen Menschen finden.« Sie hatten eine bessere Vorstellung davon, wonach sie suchen sollten und wo sie jemanden kennenlernen könnten. Und sie haben gelernt, dass es völlig in Ordnung ist, einen Freund anzurufen und zu sagen: »Kennst du jemanden für mich?« So lernen wir Menschen kennen. Wir nutzen unsere Freunde und unsere Gemeinschaft, um Kontakte herzustellen. Und ich habe eine Theorie: Jeder kann eine Verbindung herstellen. Man muss kein professioneller Matchmaker sein. Man muss nicht einmal verheiratet sein. Wenn man zwei Menschen kennt und denkt: »Ihr würdet gut zusammenpassen«, dann nennt man ihnen drei Gründe und schlägt vor, dass sie sich treffen.
Viele jüdische Singles in Deutschland nutzen Dating-Apps und suchen dabei potenzielle Partner auch in anderen Ländern – etwa in Schweden oder Italien. Was halten Sie von Online-Dating?
Es hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist, dass ein Single im Grunde sein eigener Matchmaker werden kann. Die Dating-App wird zu einer Datenbank, die man durchsuchen kann. Man kann die Kriterien selbst bestimmen, nach denen man sucht. In Deutschland sagen die Menschen manchmal: »Es gibt nur 400 jüdische Singles.« Und ich sage: Also gut – dann müssen wir entweder importieren oder exportieren! Ich habe von einer Frau gehört, die aus Spanien nach Deutschland kam, weil sie hier ihren zukünftigen Mann kennengelernt hatte. Manchmal muss man also bereit sein, über die eigene Stadt hinauszuschauen. Der Nachteil ist, dass die Partnersuche über Dating-Apps emotional anstrengend sein und Menschen auf Dauer ermüden kann.
Inwiefern?
Man schaut sich Hunderte oder sogar Tausende von Gesichtern an und versucht ständig, auf der Grundlage sehr begrenzter Informationen Entscheidungen zu treffen. Das Problem ist, dass Online-Dating unglaublich oberflächlich sein kann. Man sieht Gesichter und ein paar Informationen. Zu Beginn gibt es keine Intimität und keine tiefere Verbindung. Dating-Apps haben definitiv dazu beigetragen, dass Menschen sich kennenlernen, und viele Beziehungen haben online begonnen. Aber die Gefahr besteht darin, dass jemand irgendwann ausgebrannt ist und die Hoffnung verliert. Und jetzt kommt mit der Künstlichen Intelligenz noch ein weiteres Problem hinzu: Wir wissen nicht, was echt ist. Man sieht ein Foto und denkt: »Ist das wirklich diese Person? Oder ist das ein KI-generiertes Bild?« Ich glaube deshalb, dass modernes Dating sehr viel Erschöpfung und Überforderung erzeugen kann.
Was kann die traditionelle jüdische Partnervermittlung Menschen bieten, die vielleicht nicht religiös sind, aber trotzdem jüdisch daten möchten?
Eine meiner Lieblingsideen ist das, was ich die »Five-Date-Challenge« nenne. Ich sage Menschen – egal ob religiös oder nicht, jüdisch oder nicht, jung oder alt, bei der ersten oder zweiten Ehe –, sie sollen versuchen, sich fünfmal zu verabreden, ohne körperlichen Kontakt. Kein Berühren. Kein Sex. Einfach fünf Verabredungen. Warum? Weil wir, wenn ich mich ein sechstes Mal mit dir treffen möchte und du dich ein sechstes Mal mit mir treffen möchtest, bereits wissen, dass da etwas ist. Wir wissen, dass wir einander mögen. Wir hatten die Möglichkeit herauszufinden, was im Inneren des anderen steckt, bevor wir körperlich miteinander intim werden. Viele Menschen machen es genau andersherum. Sie werden körperlich intim, bevor sie einander wirklich kennengelernt haben. Ich schlage das Gegenteil vor.
Sie sprechen auch davon, mit der Absicht zu daten, eine Ehe oder langfristige Beziehung aufzubauen.
Ja. Man sollte mit der Absicht daten, jemanden zu finden, mit dem man eine langfristige Beziehung aufbauen möchte. Manchmal sage ich den Menschen, sie sollen sich vorstellen, dass sie im Leben nur zehn Menschen daten können. Wenn du wüsstest, dass du nur zehn Möglichkeiten hast – wie würdest du entscheiden, wen du kennenlernen möchtest? Für jemanden, der zu jedem »Ja« sagt, ist das ein guter Rat. Diese Person muss ihre Auswahl möglicherweise einschränken. Aber wer zu jedem »Nein« sagt, muss seine Möglichkeiten erweitern.
Eine Frage, die beim Dating immer wieder auftaucht, lautet: Woher weiß ich, dass jemand »der oder die Richtige« ist?
Ich habe ein System, das ich das »Soulmate Clarity System« nenne und das genau diese Frage beantworten soll. Ganz pauschal würde ich sagen: Ein Mensch, der für dich null Red Flags und mindestens sieben Green Flags aufweist, ist der Richtige. Eine rote Flagge bedeutet: »Damit möchte ich nicht leben.« Es gibt verschiedene Kriterrien. Da sind zunächst Werte und Eigenschaften – also wer diese Person ist, wie ihre Persönlichkeit ist und was sie im Leben möchte. Dann gibt es Ängste, die möglicherweise aus der eigenen Vergangenheit stammen. Und schließlich gibt es Dinge, die einen einfach stören – die heutigen sogenannten »Icks«. Man muss all diese Dinge betrachten. Die eigenen Werte müssen zu einem großen Teil übereinstimmen. Gleichzeitig kann etwas einen so sehr stören, dass es zu einer echten Red Flag wird, selbst wenn man ansonsten sehr viele Gemeinsamkeiten hat. Meine Regel lautet: »Red is dead«. Wenn etwas wirklich eine Red Flag ist, kann man nicht mit der Hoffnung in eine Beziehung gehen, dass sich die andere Person verändern wird. Man muss von Anfang an akzeptieren, wer diese Person ist und wie die Realität der Beziehung aussieht.
Gibt es einen verbreiteten Dating-Ratschlag, den die Menschen Ihrer Meinung nach nicht mehr befolgen sollten?
»Wenn du es weißt, weißt du es.« Ich halte das nicht für einen besonders guten Rat. Manche Menschen denken, wenn sie sich fragen müssen: »Ist das die richtige Person?«, dann müsse die Antwort automatisch »Nein« sein. Aber Wissen bedeutet nicht unbedingt, dass man plötzlich ein magisches Gefühl hat. Man weiß es, weil man die Beziehung reflektiert und bewertet hat. Man weiß, wer man selbst ist. Man weiß, was man möchte. Und man weiß, ob die andere Person dazu passt. Beziehungen können schwierig sein. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie falsch sind. Wenn eine Beziehung ständig und immer wieder schwierig ist, ist das etwas anderes. Aber »Wenn du es weißt, weißt du es« gibt den Menschen nicht genügend Informationen. Manchmal liefert dieser Satz einfach eine Ausrede, um zu schnell aufzugeben.
Was würden Sie jemandem sagen, der seit Jahren Single ist, enttäuschende Beziehungen erlebt hat und langsam die Hoffnung verliert?
Wenn du heute lebst, atmest und auf dieser Welt bist, dann ist auch dein zukünftiger Seelenverwandter hier. Frag dich also nicht: »Ist er oder sie hier?« Frag dich: »Wo ist er oder sie?« Die Person ist hier. Das wissen wir. Die Frage ist: Wo ist sie? Was bin ich bereit zu tun, um sie kennenzulernen? Welche Anstrengung bin ich bereit aufzubringen? Was kann ich heute tun? Dort solltest du deine Energie hineinstecken.
Das bringt uns zum »Baschert«. Können Sie dieses jüdische Konzept erklären?
Die jüdische Tradition lehrt, dass 40 Tage vor der Geburt eines Babys in den himmlischen Sphären verkündet wird, wer für wen bestimmt ist: »So-und-so ist für So-und-so bestimmt.« Aber ich finde es wichtig zu verstehen, dass wir nicht einfach darauf warten, dass diese Person auftaucht. Wir kommen auf diese Welt und müssen einander finden. Und ich glaube nicht unbedingt, dass es für jeden Menschen nur einen einzigen möglichen Seelenverwandten gibt. Man kann in seinem Leben mehr als einen haben. Wenn man mit jemandem ausgeht, sollte man deshalb nicht sagen: »Das ist mein Seelenverwandter, also muss ich ihn oder sie heiraten.« Man kann vielmehr denken: »Diese Person könnte mein Seelenverwandter sein, und ich möchte herausfinden, ob wir gemeinsam ein Leben aufbauen sollten.« Man entscheidet sich füreinander. Man heiratet – und dann hat man diese Seelenverbindung geschaffen. Wenn eine Ehe durch Scheidung endet oder ein Ehepartner stirbt, ist man wieder eine freie Seele. Man kann einen weiteren Partner haben.
Es gibt also auch den freien Willen?
Absolut. Im Judentum gibt es nicht die Vorstellung: »Ich habe meinen Seelenverwandten verpasst und bin jetzt für immer verloren.« Es gibt eine ganze Welt voller Menschen. Man hat freien Willen. Man darf selbst entscheiden, mit wem man zusammen sein möchte und wer man selbst werden möchte. Und ich glaube, dass viele Verbindungen viel näher liegen, als die Menschen denken. Ich habe Menschen aus Düsseldorf, Köln und aus vielen anderen Orten getroffen, die sagen: »Ich kenne überhaupt keine jüdischen Menschen.« Doch es gibt überall unentdeckte jüdische Singles. Und ich finde, jeder sollte eine Verbindung herstellen. Gerade Singles: Wenn ihr mit jemandem ein Date habt und merkt, dass diese Person nicht die richtige für euch ist, geht nicht einfach nach Hause. Fragt euch: »Wen kenne ich, der zu dieser Person passen könnte?« Und dann stellt sie oder ihn einem Freund oder einer Freundin vor. Denn manchmal findet man seinen Partner nicht, indem man nach einer einzigen Person sucht. Man findet ihn, weil eine ganze Gemeinschaft beginnt, sich miteinander zu verbinden.
Mit der amerikanischen Partnervermittlerin, Buchautorin und Podcasterin sprach Mascha Malburg.