»Der Heilige, gelobt sei Er, will das Herz.« So formuliert der Talmud in Sanhedrin 106b ein grundlegendes religiöses Prinzip. Rawa vergleicht dort seine Generation mit der von Raw Jehuda. Als in Raw Jehudas Zeit eine Dürre herrschte, betete er, und Regen fiel. In Rawas Generation dagegen wurde ebenfalls gebetet, ohne dass Regen kam. Der Talmud erklärt den Unterschied nicht mit größerem Wissen, sondern mit der inneren Haltung. Als Beleg heißt es: »Der Ewige sieht auf das Herz« (1. Samuel 16,7).
Wissen allein genügt nicht. Die Tora muss den Menschen verändern
Damit wird das Lernen nicht abgewertet. Der Talmud sagt vielmehr: Wissen allein genügt nicht. Die Tora muss den Menschen erreichen und verändern.
Dieser Gedanke lässt sich auch in der Struktur der Tora entdecken. Der letzte Buchstabe der fünf Bücher Mose ist das Lamed des Wortes »Israel«, der erste das Bet des Wortes »Bereschit«, also »Am Anfang«. Wenn an Simchat Tora das Ende unmittelbar mit dem Anfang verbunden wird, ergeben beide Buchstaben zusammen das hebräische Wort für Herz. Die Tora wird nicht abgeschlossen, sondern neu begonnen. Ende und Anfang werden verbunden. Dazwischen steht das Herz.
Dazu passt die Mischna in Pirkej Awot: »Wende sie und wende sie wieder, denn alles ist in ihr« (Awot 5,22). Überträgt man diesen Gedanken auf den jährlichen Torazyklus, führt das Lernen vom letzten Buchstaben erneut zum ersten. Es entsteht das Wort Herz, in dem alles enthalten ist.
Der richtige Weg, an dem der Mensch festhalten soll: »Ein gutes Herz«
Auch an anderer Stelle in Pirkej Awot wird das Herz zum entscheidenden Begriff. Rabban Jochanan ben Sakkai fragt seine Schüler nach dem richtigen Weg, an dem der Mensch festhalten soll. Rabbi Elasar ben Arach antwortet: »Ein gutes Herz.« Sein Lehrer erklärt, dass diese Antwort die anderen einschließt (Awot 2,9). Das Wort »Herz« hat den Zahlenwert 32, das Wort »gut« den Wert 17. Zusammen ergibt »gutes Herz (Lev Tov)« 49. Genau 49 Tage werden zwischen Pessach und Schawuot gezählt, bevor am 50. Tag die Gabe der Tora gefeiert wird. Vorbereitung auf die Tora bedeutet also nicht nur mehr Wissen, sondern auch Arbeit am eigenen Herzen.
Was aber heißt »Herz«? Nicht Gefühl im Gegensatz zum Denken. Die Tora verbindet beides. Im 5. Buch Mose 4,39 heißt es: »Du sollst heute wissen und es in dein Herz zurückbringen, dass der Ewige G’tt ist und es keinen anderen gibt.« Zuerst soll der Mensch wissen. Danach soll er das Erkannte in sein Herz bringen. Erkenntnis beginnt im Denken, darf dort aber nicht enden.
Im 5. Buch Mose 30,14 heißt es: »Das Wort ist dir sehr nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen, es zu tun.« Hier stehen Mund, Herz und Tat nebeneinander. Das Ziel religiösen Lernens ist nicht bloße Information, sondern Umsetzung.
Der Sohar beschreibt die Erzählungen der Tora als ein Gewand. Ebenso bilden Geschichten und Worte die äußere Gestalt der Tora. Ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in ihnen (Sohar III, 152a). Man kann Texte und Kommentare kennen und trotzdem nicht verstanden haben, welche Veränderung dieses Wissen verlangt.
Zwischen Kopf und Herz liegt der Mund
Wie gelangt Wissen vom Kopf ins Herz? Zwischen Kopf und Herz liegt der Mund. Der Talmud bezeichnet das Gebet als »Dienst des Herzens« (Ta’anit 2a). Im Gebet formuliert der Mensch, was er verstanden hat, wo er zweifelt, woran er scheitert und worum er bittet. So wird Wissen persönlich. Darum spricht Dewarim nicht davon, dass die Tora nur im Kopf sein soll. Es heißt: »In deinem Mund und in deinem Herzen, es zu tun.« Der Mund verbindet Erkenntnis und Verinnerlichung, daraus soll Handlung entstehen.
»Der Heilige, gelobt sei Er, will das Herz« ist deshalb keine Absage an das Lernen, sondern definiert dessen Ziel. Die Tora soll nicht nur gewusst werden. Sie soll verinnerlicht und gelebt werden. Vielleicht liegt genau darin die Bedeutung jener beiden Buchstaben, die sich jedes Jahr an Simchat Tora begegnen. Aus dem Ende und dem neuen Anfang der Tora entsteht das Herz.