Sukkot

Wenn der Himmel unser Dach wird

Sukkabau in Jerusalem. Das Dach wird nur mit Zweigen bedeckt. Foto: Copyright (c) Flash 90 2024

Es gibt Bilder, die man nicht mehr vergisst: Eine Sirene mitten in der Nacht. Eltern, die ihre Kinder wecken. Schritte auf dem Weg zum Schutzraum. Eine schwere Tür, die sich schließt. Menschen, die im Dunkeln warten, bis die Gefahr vorüber ist.

Viele Menschen in Israel haben solche Momente in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt. Raketen, Drohnen und Bombardierungen haben das Gefühl von Sicherheit erschüttert. Der Weg in den Bunker oder Schutzraum wurde für viele Familien zu einem Teil des Alltags.

Doch jetzt steht der Feiertag Sukkot unmittelbar bevor. Wir verlassen unser festes Haus und setzen uns unter ein Dach aus Zweigen. Auf den ersten Blick könnte der Unterschied kaum größer sein. Der Bunker soll möglichst stark und sicher sein. Die Sukka dagegen ist eine vorübergehende, empfindliche Behausung. Der Bunker schützt uns vor der Gefahr von außen. Die Sukka erinnert uns daran, dass wir trotz aller Schutzmaßnahmen niemals alles in unserer Hand haben. Vielleicht verstehen wir in Israel die Botschaft der Sukka deshalb heute anders als früher.

Wir brauchen Schutz – aber nicht nur Schutz

Das Judentum ist keine Religion der Weltflucht. Wir sollen unser Leben schützen. Wir sollen Schutzräume aufsuchen, wenn Gefahr besteht. Wir sollen alles tun, was vernünftige menschliche Vorsorge verlangt.

Betonwände können Leben retten. Ein sicherer Schutzraum kann den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Aber selbst die stärksten Mauern können uns keine absolute Sicherheit geben.

Das ist keine Schwäche menschlicher Technik. Es ist eine grundlegende Wahrheit über das menschliche Leben. Wir planen. Wir bauen. Wir sichern ab. Wir versuchen, Gefahren vorherzusehen. Und dennoch bleibt etwas, das wir nicht kontrollieren können. Genau dort beginnt die Botschaft von Sukkot.

Wir versuchen, Gefahren vorherzusehen. Und dennoch bleibt etwas, das wir nicht kontrollieren können.

Die Tora verbindet die Sukka mit der Zeit, in der das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten durch die Wüste zog. Der Talmud überliefert dazu zwei große Deutungen. Nach Rabbi Akiva lebten die Israeliten tatsächlich in einfachen Hütten. Nach Rabbi Elieser waren die »Sukkot« die Wolken der Herrlichkeit, die Israel begleiteten und beschützten.

Vielleicht müssen wir uns nicht zwischen diesen beiden Vorstellungen entscheiden. Die Sukka war eine wirkliche Behausung – und zugleich ein Zeichen dafür, dass der eigentliche Schutz Israels nicht nur aus menschlichen Wänden bestand. Das Volk hatte keine befestigten Städte und keine moderne Sicherheitstechnik. Es hatte die Wüste vor sich und eine ungewisse Zukunft. Und trotzdem ging es weiter.

Der Bunker und die Sukka

Vielleicht kann gerade der Mensch, der in den vergangenen Jahren immer wieder in einem Schutzraum gesessen hat, diesen Unterschied besonders tief empfinden. Im Bunker schließen wir die Tür. In der Sukka öffnen wir den Blick zum Himmel. Im Bunker warten wir darauf, dass die Gefahr vorübergeht. In der Sukka feiern wir das Leben. Im Bunker spüren wir unsere Verletzlichkeit. In der Sukka verwandeln wir diese Verletzlichkeit in Vertrauen.

Beides widerspricht sich nicht. Im Gegenteil: Gerade weil wir wissen, wie verletzlich wir sind, verstehen wir die Sukka besser.

Warum ist die Sukka so zerbrechlich?

Die Halacha verlangt ausdrücklich, dass die Sukka eine vorübergehende Wohnung ist. Auch ihr Dach, das S’chach, soll aus natürlichen Materialien bestehen. Keine Betonplatte, kein festes künstliches Dach soll über unseren Köpfen sein. Und idealerweise können wir durch die Zweige sogar die Sterne sehen.

Das ist ein erstaunliches Bild: Wir bauen ein Dach, das uns Schutz gibt, und lassen gleichzeitig den Himmel sichtbar. Wir sollen uns geborgen fühlen, aber nicht vergessen, dass über unserem eigenen Schutz noch eine andere Wirklichkeit steht.

Die Sukka zeigt uns nicht: »Du brauchst keinen Schutz.« Sie zeigt vielmehr: »Dein Schutz ist wichtig – aber er ist nicht deine einzige Hoffnung.«

Das süße Vertrauen der Sukka

Gerade darin liegt etwas ausgesprochen Schönes. Das Gottvertrauen von Sukkot ist kein verzweifeltes Vertrauen. Es ist ein süßes Vertrauen. Wir sitzen nicht unter den Zweigen, um uns zu fürchten. Wir essen dort. Wir trinken. Wir singen. Wir sprechen miteinander. Wir laden Gäste ein. Wir freuen uns. Die Sukka macht aus der Erfahrung der Unsicherheit eine Erfahrung der Geborgenheit.

Das ist vielleicht eine der größten geistigen Leistungen des Judentums: Die eigene Verletzlichkeit wird nicht verleugnet – aber sie wird auch nicht zum Mittelpunkt des Lebens gemacht.

Das ist vielleicht eine der größten geistigen Leistungen des Judentums: Die eigene Verletzlichkeit wird nicht verleugnet – aber sie wird auch nicht zum Mittelpunkt des Lebens gemacht. Wir wissen, dass Gefahren existieren. Und trotzdem feiern wir.

Von der Sirene zur Freude

Wer einmal nachts wegen einer Sirene in einen Schutzraum laufen musste, kennt den abrupten Wechsel zwischen Alltag und Angst. Noch wenige Sekunden zuvor war alles normal. Dann verändert ein Ton die gesamte Atmosphäre eines Hauses.

Sukkot setzt diesem Erlebnis etwas entgegen. Es sagt: Das Leben darf nicht für immer im Schutzraum bleiben. Nach der Angst kommt der Morgen. Nach der Sirene geht die Tür wieder auf. Kinder gehen wieder hinaus. Menschen kehren zu ihrer Arbeit zurück. Familien sitzen wieder gemeinsam am Tisch.

Und irgendwann sitzen wir unter der Sukka. Das ist mehr als ein schöner Brauch. Es ist eine Entscheidung für das Leben.

Die Ernte und das Vertrauen

Sukkot ist gleichzeitig das Fest der Ernte. Die Früchte des Landes werden eingesammelt, und gerade jetzt fordert die Tora zur Freude auf. Auch das ist kein Zufall.

Der Mensch arbeitet. Er pflügt, sät und erntet. Aber er kann das Wachstum nicht selbst erschaffen. Sonne, Regen und Fruchtbarkeit liegen nicht vollständig in seiner Hand. Die vier Arten – Etrog, Lulaw, Hadassim und Aravot – bringen die Natur in unsere Hände und damit mitten in unseren Gottesdienst.

Wir danken für das, was gewachsen ist. Wir freuen uns über das, was uns gegeben wurde. Und wir erkennen gleichzeitig unsere Abhängigkeit.

Nicht Sicherheit, sondern Geborgenheit

Vielleicht besteht hier ein entscheidender Unterschied zwischen einem Bunker und einer Sukka. Der Bunker vermittelt Sicherheit. Die Sukka vermittelt Geborgenheit. Sicherheit bedeutet: Ich versuche, die Gefahr abzuwehren. Geborgenheit bedeutet: Ich weiß, dass ich auch dann nicht allein bin, wenn ich nicht alles kontrollieren kann. Natürlich brauchen wir beides. Israel braucht starke Häuser, Schutzräume, Sicherheitskräfte und eine starke Armee. Der Schutz des menschlichen Lebens ist eine Verpflichtung.

Aber kein Volk, keine Familie und kein einzelner Mensch kann sein gesamtes Leben hinter Beton verbringen. Wir müssen wieder hinausgehen. Wir müssen wieder leben. Wir müssen wieder lachen. Und wir müssen wieder hoffen.

Eine Schule des Vertrauens

Deshalb ist die Sukka keine Einladung zur Naivität. Sie lehrt nicht: »Es wird schon nichts passieren.« Sie lehrt etwas viel Tieferes: Auch wenn wir nicht wissen, was morgen geschieht, können wir heute leben. Wir können dankbar sein. Wir können unsere Familie um uns versammeln. Wir können eine Mahlzeit teilen. Wir können die vier Arten in die Hand nehmen. Wir können durch das Sechach zum Himmel schauen. Und wir können G’tt vertrauen.

Nicht, weil wir glauben, dass uns niemals Leid begegnen wird. Sondern weil wir glauben, dass Leid nicht das letzte Wort über unser Leben hat. Vielleicht bekommt deshalb die Sukka in Israel nach all den Kriegsjahren eine besondere Bedeutung. Wir kennen die Angst vor Raketen. Wir kennen den Weg in den Schutzraum. Wir kennen Nächte, in denen man nicht weiß, was die nächste Minute bringen wird. Und gerade deshalb können wir verstehen, was es bedeutet, freiwillig unter einem einfachen Dach aus Zweigen zu sitzen. Wir haben gelernt, wie wichtig ein starkes Dach über dem Kopf ist. Sukkot lehrt uns, dass es noch ein anderes Dach gibt. Eines, das nicht aus Beton besteht. Eines, das nicht von Menschen gebaut wird. Ein Dach des Vertrauens.

Die Freude bleibt

Das vielleicht größte Geheimnis von Sukkot liegt darin, dass dieser Feiertag die Zerbrechlichkeit des Lebens nicht verdrängt. Er nimmt sie an – und verwandelt sie in Freude.

Wir verlassen unser dauerhaftes Haus und ziehen für einige Tage in eine vorübergehende Wohnung. Wir nehmen die Früchte der Erde in die Hand. Wir schauen durch die Zweige zum Himmel. Und wir feiern.

Vielleicht ist genau das die Botschaft, die wir nach Jahren von Krieg und Bombardierungen besonders brauchen: Wir dürfen vorsichtig sein, ohne ängstlich zu leben. Wir dürfen unsere Schutzräume brauchen, ohne unser Vertrauen auf Beton zu setzen. Wir dürfen wissen, wie zerbrechlich das Leben ist, und uns trotzdem freuen.

Denn die Sukka erinnert uns daran, dass die stärkste Form des Schutzes nicht immer darin besteht, alle Gefahren aus unserem Leben zu entfernen. Manchmal besteht sie darin, mitten in einer unsicheren Welt ein tiefes Vertrauen zu bewahren. Wir setzen uns unter die Zweige, schauen zum Himmel und sagen: Wir sind verletzlich. Aber wir sind nicht allein.

Das ist die Botschaft von Sukkot. Und vielleicht ist sie gerade in unserer Zeit wichtiger denn je.

Der Autor stammt aus den Niederlanden, ist Rabbiner und Dayan und lebt in Israel.

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