Kanada

Ein wenig Mizwa, sehr viel Macho

Rapper Drake hat nur einen Geburtstagswunsch: von Jim Carrey in einem Kurzvideo verspottet zu werden. Foto: picture alliance / zz/GOTPAP/STAR MAX/IPx

Kanada

Ein wenig Mizwa, sehr viel Macho

Das Magazin »Rolling Stone« kürte Drake einst zum »größten jüdischen Rapper aller Zeiten«. Doch der Anfang war hart

von Sarah Thalia Pines  05.11.2026 14:11 Uhr

In Toronto, nahe dem Ontariosee, dessen Name in der Sprache der Irokesen so viel wie »glitzerndes Wasser« bedeutet, wohnt der Rapper Drake in einem knapp 5000 Quadratmeter großen Haus, mit eigenem Basketballfeld. Immerhin lebt er in Toronto und nicht, wie die meisten Megastars, in Los Angeles. Aber auch dort hat der Musiker eine Villa – im toskanischen Stil. 2022 hat er sie Robbie Williams in Beverly Hills abgekauft.

In seinem Anwesen in Toronto, das Drake einst der Zeitschrift »Architectural Digest« präsentierte, wirken die Menschen klein. Marmorböden, Marmorwände und Kandelaber in der Eingangshalle, schwarze Lacksofas im Wohnzimmer, darüber eine goldene Lampeninstallation in Pyramidenform, ein Klavierflügel von Bösendorfer, dessen Innenseite mit bunten comic-haften Totenköpfen verziert ist. Das Haus wurde von dem für bombastische Kreationen bekannten Architekten Ferris Rafauli designt, ein Hybrid aus Beaux-Arts und modernem Art déco. Er habe das Haus mit dem Spitznamen »Botschaft für die Ewigkeit« bauen lassen, erklärte Drake den Architekturinteressierten.

Er hat es ganz nach oben geschafft

Der Musiker, der gerade 40 Jahre alt wurde, hat es ganz nach oben geschafft. Doch der Anfang war hart. In seinem Song »Away From Home« singt Drake davon. Die Welt war klein und eng, die Sehnsucht groß: »I was on a Greyhound way before the jet / Buffalo, New York, was like the furthest I could get.«

Drake ist in einem Umfeld jüdisch, das nicht gerade dafür bekannt ist, besonders jüdisch zu sein.

Heute ist der Rapper, der gern tanzt und trinkt, nicht nur in seinem Genre berühmt. Seine Albumerfolge kommen durchaus denen von Whitney Houston oder Paul McCartney gleich. 2014 hat ihn das »Rolling Stone«-Magazin zum größten jüdischen Rapper aller Zeiten gekürt. Er ist eine Art Rätsel der Popkultur. Er nennt sich Rapper, singt aber auch in weicheren R&B-Tönen.

In einigen seiner Songs wechselt er manchmal Aussprache und Akzent, singt emotional-verletzlich und vorwurfsvoll von Liebeskummer und egoistischen Frauen (vor allem auf dem 2019 erschienenen Album For All The Dogs). All dies in einem Genre, das eigentlich dafür bekannt ist, permanent über Frauen herzuziehen oder deren String-Tangas zu belechzen. Auch ist Drake fähig, selbstbewusst bis an die Grenze des Proletentums aufzutreten.

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Der Sohn einer jüdischen Kanadierin und eines katholischen Afro-Amerikaners ist in einem Umfeld jüdisch, das nicht gerade dafür bekannt ist, besonders jüdisch zu sein. Dabei gibt er sich so testosterongeladen, dass sein Männlichkeitsgehabe bereits in Universitätskursen wie »Drake: Media, Myth und Manhood« gelehrt wurde – wie dieses Jahr an der kanadischen Concordia University. Im Kurs von Yassin »Narcy« Alsalman ging es um kanadische Identität, Branding, Hypermaskulinität und Celebrity-Politik.

Drake, so Alsalman – der in anderen Seminaren auch schon Drakes Erzfeind und Konkurrenten Kendrick Lamar, Spike Lee und auch den umstrittenen, anti-woken Stand-up-Comedian Dave Chapelle zum Thema gemacht hat –, stünde mehr als andere Sänger für eine typisch kanadische, hybride Identität und Multikulturalität: schwarz und weiß, kanadisch und amerikanisch, Rapper und Sänger. Drake sei so, wie Kanada sich fühle, so der Professor.

Taktik der Musikstars

Drake trug lange den Spitznamen »Champagne Papi« und hat so viele Nummer-1-Hit-Singles wie Michael Jackson. 2024 stellte er, einer der berühmtesten Menschen der Welt, 100 Gigabite Behind-the-Scenes-Videofetzen aus seinem Privatleben auf Social Media, die ihn als liebenden Vater, obsessiv-versunkenen Künstler oder auch lachenden Kumpel zeigen, der in Privatjets herumfliegt, immer irgendwie umgeben von schönen Frauen, der genauso genial und großzügig ist wie angeberisch und sanft.

Seine drei neueren Alben, die alle dieses Jahr erschienen sind, heißen Iceman, Habibti und Maid of Honor. Unzählige Lieder und Videoclips auf einmal herauszuhauen, ist eine aktuelle Taktik großer Musikstars, was wohl kulturelle Allgegenwärtigkeit suggerieren soll. Auf Spotify ist er derzeit der dritt-meistgehörte Künstler, nach Taylor Swift und Bad Bunny. 2016 war er der meistgehörte.

Er kam als Aubrey Drake Graham in Toronto zur Welt, sein Vater Dennis ist ein professioneller Schlagzeuger aus Tennessee, bei dem Drake nach Trennung der Eltern – der Vater war in die USA zurückgekehrt und hatte nicht genug Geld für Reisen nach Kanada zu seinem Sohn – die Sommer verbrachte. Drakes Mutter Sandra ist weiß, Jüdin und arbeitete als Englischlehrerin und Floristin. Die Verbindung zu ihr war eng.

Ausgegrenzt wegen seiner Hautfarbe

In Toronto besuchte Drake eine jüdische Schule, wo er wegen seiner Hautfarbe immer wieder Ausgrenzung erfuhr. Manche Mitschüler hätten ihn abschätzig »shvartze« genannt, hat er berichtet. Es sei nicht die schlimmste Zeit gewesen, aber auch keine leichte, so Drake in einem Interview mit dem »Rolling Stone«. Zu wirklich vielen Geburts­tagen sei er nicht eingeladen worden. Aber mit 15, als er in der kanadischen TV-Serie Degrassi einen Basketballer mit tragischer Geschichte spielte, wurde es besser. Seinen Durchbruch hatte der Sänger 2009 mit dem Lied »So Far Gone«. Seitdem hat Drake 42 Billboard Music Awards und fünf Grammys gewonnen, darunter 2013 den für das beste Rap-Album »Take Care«.

Er ist fähig, selbstbewusst bis an die Grenze des Proletentums aufzutreten.

Er ist kein »typisch jüdischer Rapper«, wenn es so etwas überhaupt gibt, aber stolz auf sein Jüdischsein. Viele seiner Fans wussten davon lange nichts. Bis Drake vor einigen Jahren in der TV-Sendung Saturday Night Live mit Perücke, Kippa und Klarinette auftrat und sang: »Ich bin schwarz und jüdisch, das ist eine Mizwa.« 2012 erschien das Musikvideo »HYFR«, in dessen Video Drake vor dem Reform Temple Israel in Miami stand und von seiner Barmizwa sang. Er ist auch betend zu sehen, im Hintergrund steht ein Rabbi, die Tora, ein Kuchen, ein übergroßer Davidstern, alles kommt ins Bild. Erstaunlich: Darin geht es nicht um Drakes Jüdischsein, sondern um seine Exfreundinnen, über die er sich beschwert.
Er ist fähig, selbstbewusst bis an die Grenze des Proletentums aufzutreten.

2017 feierte er im Nachtklub »Poppy« in West Hollywood Geburtstag unter dem Motto »Bar Mitzvah«. Unter anderem Leonardo DiCaprio und Jamie Foxx zählten zu den Gästen. Wie auf einer Teeniefeier gab es Pizza und zum Nachtisch Dippin’Dots, um Mitternacht Champagner aus roten Bechern. Getanzt wurde bis zum Morgengrauen. In einem Making-of-Video zum Song »HYFR« sagte Drake: »Als ich damals meine Barmizwa feierte, hatte meine Mutter nicht viel Geld. Ich nahm mir vor, dass ich, sollte ich jemals reich werden, eine Re-Barmizwa feiern würde.« Nun ist der Rapper 40 Jahre alt geworden. Zu seinem Geburtstag wünsche er sich nichts, sagte Drake. Außer, von Jim Carrey in einem Kurzvideo verspottet zu werden.

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