USA

Die berühmteste Nähmaschine der Welt

Die Geschichte der Singer-Nähmaschine – gegenwärtig sind die Modelle »Heavy Duty« und »Quantum Stylist« besonders beliebt – bleibt rätselhaft, was die jüdische Herkunft ihres Erfinders betrifft. War Isaac Merritt Singer jüdisch? Manche sagen nein, andere schreiben, er sei der Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer gewesen.

Tatsächlich kamen seine Eltern aus Deutschland. Seine Mutter Ruth Benson lebte in Amerika als Quäkerin. Singers Vater Adam soll von seinen jüdischen Vorfahren gesprochen haben. Allerdings gibt es keine Dokumente. Vielleicht war Singer kein Jude, aber seine Nähmaschine war ein wichtiger Teil jüdischen Lebens.

Die Erfindung der Nähmaschine revolutionierte die Bekleidungsindustrie für immer. Um 1800 kamen die ersten Modelle auf den Markt. 1851, als Singer die ersten Patente für seine Version der Nähmaschine erwarb, funktionierte sie bereits rasend schnell. Mit bis zu 900 Stichen pro Minute konnte die Singer-Nähmaschine Kleidungsstücke entstehen lassen: Ein Männerhemd ließ sich in etwas über einer Stunde herstellen, zuvor waren es knapp 15 gewesen.

Sogar Auftragsmorde soll es gegeben haben

In den 1830er-Jahren hatte der Franzose Barthélemy Thimonnier für die Nähmaschine den »Tambourstich« erfunden, eine von oben gearbeitete und von unten geführte Kettennaht, die allerdings nicht sehr fest und nicht sehr beliebt war. Erst in Amerika kam der Durchbruch mit dem »Steppstich«, entweder von Walter Hunt um 1830 in der Nähe von New York oder von Elias Howe entwickelt, der 1846 zumindest das Patent dafür bekam.

Als Isaac Singer für seine Maschinen die Mechanik des Steppstichs verbesserte, kam es zum Patentstreit, den zehrenden »Sewing Machine Wars«. Howe verklagte Singer, Singer verlor. Nähmaschinenhersteller waren erbitterte Konkurrenten. Jede noch so kleine Veränderung an der eigenen Maschine wie Pedale oder Rädchen wurde von den anderen beäugt, beneidet, vor Gericht gebracht. Sogar Auftragsmorde soll es gegeben haben.

Singer ist nicht der Erfinder der Nähmaschine, doch war er es, der sie zum praktischen, transportablen Haushaltsgegenstand machte. Eine Singer-Maschine kostete damals etwa 125 Dollar. Das durchschnittliche Jahreseinkommen einer amerikanischen Arbeiterfamilie lag bei 500 Dollar. Deshalb erfand Singer die Ratenzahlung, was für die Zeit und als Geschäftsmodell bahnbrechend war.

Der begnadete Maschinenbauer war ein Workaholic

Der begnadete Maschinenbauer war ein Workaholic, der, so schrieb er einst selbst über sich, immer nur eines wollte: reich sein. Außerdem war er ein kapitalistischer Romantiker und flamboyanter Gigolo mit vielen Geliebten, darunter die Tänzerin Isadora Duncan, die er in einer gelben Kutsche im Central Park spazieren fuhr.

Singer gehört zu den großen amerikanischen Erfindern der Weltgeschichte. Er wurde 1811 in Upstate New York geboren, wo es im Winter dunkel, karg und kalt, im Sommer aber heiß, sonnig und so schwül ist, dass die Blätter der Bäume glänzen. Sein Vater war Mühlenbauer. Die Familie war arm, die insgesamt acht Kinder gingen nur im Winter zur Schule, was Isaac M. Singer besonders grämte.

Die Mutter verließ die Familie, als er elf Jahre alt war, der Vater heiratete erneut, und Junior mochte seine Stiefmutter nicht. Mit zwölf lief er von zu Hause weg. Er lernte Maschinendreher, dann wurde er so etwas wie ein Wanderdarsteller, obwohl Theaterspielen damals noch verpönt war. Doch er schickte seinen Eltern regelmäßig Geld. Bald erfand er einen Steinbohrer, dann ein Holzschneidegerät, schließlich eine verbesserte Version der bereits existierenden Nähmaschine.

Dem jüdischen Leben stand Singer nah, freiwillig und unfreiwillig.

Um 1850 war Singer – neben Howe, Grower & Baker und Wheeler & Wilson – einer der bedeutendsten Nähmaschinenhersteller der Welt. Bald galt seine »Singer« als erster Prototyp einer neuen globalen Bekleidungsindustrie.

Währenddessen hatte er mehr als 20 Kinder von vier Frauen, nur mit zweien von ihnen war er verheiratet. Die Untreue war gegenseitig. In New York bewohnte er ein großes Haus auf der Fifth Avenue und besaß – nach der Ausweitung des Marktes für die Singer-Maschine nach Schottland und England – in Devon, in Südwest-England, ein Anwesen mit 110 Räumen im Stil des Königspalastes von Versailles. Manche seiner Töchter heirateten Prinzen oder andere Adlige. Für eine von ihnen bezahlte Singer 1875, im Jahr seines Todes, das Hochzeitskleid, das den Wert einer Wohnung in London gehabt haben soll. In Florida ist eine Insel nach Singers Sohn Paris benannt.

Dem jüdischen Leben stand Singer nah, freiwillig und unfreiwillig. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Lower East Side in New York der Haupteinwanderungsort für Juden aus Europa wurde, arbeiteten viele in der Bekleidungsindustrie. Singer schaltete dort in den Straßen und in Lokalzeitungen Werbung für seine Maschinen, oft auf Jiddisch. Er stellte seine Nähmaschinen außerdem, bedient von hübschen Näherinnen, auf Jahrmärkten aus.

Erfolgsprodukt und Artefakt

Sein Erfolgsprodukt taucht in jüdischen Memoiren auf und steht in Holocaust-Museen als Artefakt jüdischer Zwangsarbeit. Rund 100 Jahre später, während des NS-Zeit, würden Juden im Ghetto von Lodz ab 1940 zur Arbeit an Nähmaschinen gezwungen werden, um Uniformen für die deutsche Wehrmacht zu nähen – oft an einer Singer.

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Im Gegensatz zu mit großem Tamtam angepriesenen Erfindungen wie dem Telegrafen, der Dampfmaschine oder dem Telefon, kam die Nähmaschine eher leise in die Welt. Doch war sie von ebenso lauter Bedeutung. Vor allem für Frauen gehörte sie zu den größten Erleichterungen: keine zerstochenen Finger mehr, kein ewiges Rumdröseln und Einfädeln. Sie konnten zu Hause nähen und damit arbeiten, eigenes Geld verdienen mit kleinerem Nähwerk für Nachbarn oder Freunde, manche wurden Scheiderinnen, verkauften eigene Kreationen, manchmal kleine Kollektionen. Wohlhabende Familien stellten eigene Näherinnen ein. Die Nähmaschine brachte vielen Frauen Unabhängigkeit.

Die Hauptmanufaktur der Singer-Maschinen stand Ecke Broadway/Bourne Street. Das damals berühmte Singer Building war 1908 kurzzeitig das höchste Gebäude der Welt, doch wurde es 1968 abgerissen und an seiner Stelle das »One Liberty Plaza« gebaut.

Ikone des jüdisch-kulturellen Lebens

Nachdem der Maler Edward Harrison May 1869 ein Porträt von Singer angefertigt hatte, schrieb der Geschäftsmann in sein Tagebuch: »Wie bereits erwähnt, trug ich meinen Lieblingsmorgenmantel in Rot und Gold mit einer vanillefarbenen Weste und meine goldene Uhr mit Kette. Ich finde, ich sehe ziemlich umwerfend aus.«

Seine Nähmaschine, damals schwarz mit goldenen Verzierungen, ist bis heute eine Ikone der Industrialisierung und ein historisches Objekt jüdisch-kulturellen Lebens.

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