Interview

Glaubwürdigkeit schaffen

Yuki Ronen Schmidt Foto: privat

Interview

Glaubwürdigkeit schaffen

Yuki Ronen Schmidt über die Arbeit von Miphgasch/Begegnung und die eigene Rolle in dem Bildungsarbeitsprojekt

von Pascal Beck  14.07.2026 16:35 Uhr

Yuki Ronen Schmidt, den Verein Miph­gasch/Begegnung mit Sitz in Friedrichshain gibt es seit 30 Jahren. Seit 23 Jahren sind Sie bereits dabei. Die Themen, die der Verein an Schulen anbietet, sind vielseitig: Antisemitismus, Nahost, Flucht und Migration, aber auch Religion. Was ist Ihr Favorit?
Mein Baby ist der Drei-Religionen-Workshop. Ein zentraler Punkt davon ist die Begegnung, also der Besuch einer Synagoge, einer Moschee und einer Kirche.

Sie kommen selbst aus einer jüdisch-muslimischen Familie. Erwähnen Sie das in den Workshops?
Das entscheide ich abhängig von der Gruppe. Man begegnet sich ja erst einmal, spricht über die gegenseitigen Erwartungen oder den Ausblick, wie ein Workshop ablaufen soll. Dann findet man schnell heraus, wie eine Gruppe funktioniert. Wenn ich ein verhärtetes oder aggressives Umfeld wahrnehme, dann achte ich sehr genau darauf, wie viel ich von mir preisgeben möchte. Wenn es eine eher entspannte Gruppe ist, habe ich kaum Probleme, über persönliche Erlebnisse oder Erfahrungen zu reden.

Welchen Vorteil kann das im schulischen Kontext haben?
Damit motiviert man Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihre eigenen Erlebnisse einzubringen. Wenn ich mich öffne, tun sie das auch. Wir bemühen uns ja, dialogisch zu arbeiten. Und dafür muss ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Die Schülerinnen und Schüler merken dadurch, dass man nicht nur irgendetwas erzählt, was man in Büchern gelesen oder an der Universität gelernt hat. Das sorgt für eine andere Form von Glaubwürdigkeit.

Macht man sich damit auch angreifbar?
Ja natürlich. Es gibt auch Negativerlebnisse, bei denen man Anfeindungen und Antisemitismus ausgesetzt ist. Deswegen können wir ja immer ganz frei entscheiden, wie viel wir preisgeben wollen. Wenn ein Konflikt auftritt, kann es sich auch lohnen, sich die Zeit zu nehmen und eine geplante Einheit nicht zu machen, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass man Dinge in Ruhe ausdiskutieren kann, ohne persönlich zu werden und andere zu verletzen.

Wie offen bringen sich jüdische Kinder ein?
Ich habe jüdische Schülerinnen und Schüler immer als sehr zurückhaltend wahrgenommen, wenn es keine gesamtjüdische Gruppe war. Es waren eher Einzelne, die nach einem Workshop oder in einer Pause auf einen zugekommen sind und sich dafür bedankt haben, dass sie es als empowernd wahrgenommen haben. Aber es geschieht eher selten, dass über die eigene Religion gesprochen wird. In der Regel verzichten die Kinder darauf, es mit der Gruppe zu teilen. Das wissen dann vielleicht die besten Freundinnen und Freunde. Aber dass davon die ganze Klasse weiß, wollen sie oft nicht. Dafür reicht das Empowerment eines so kurzen Workshops wahrscheinlich auch nicht aus.

Muslimischen Schülerinnen und Schülern gelingt das besser?
Zumindest in öffentlichen Schulen, ja. Es gibt unterschiedliche Reaktionen auf Ausgrenzungserfahrungen. Bei muslimischen Schülerinnen und Schülern ist es eher so, dass sie in die Antithese gehen und ihre Religion nach außen tragen und als besonderen Teil ihrer Identität wahrnehmen. Dadurch treten sie vielleicht sogar dominant auf. Wohingegen ich die Erfahrung gemacht habe, dass jüdische Teilnehmende eher in die Defensive gehen, in ihre eigene Peergroup, und das eben nur mit ihren besten Freundinnen und Freunden teilen.

Wäre es dann nicht sinnvoll, längerfristig mit Schulen zu arbeiten?
Das haben wir uns immer gewünscht. Aber bei einem kleinen Träger wie uns, der jedes Jahr ums Überleben kämpfen muss, also ob wir Förderungen erhalten oder nicht, ist es schwierig, Langzeitprojekte umzusetzen.

Welches Projekt wurde zuletzt umgesetzt?
Das war ein Actionbound, ein multimedialer Guide, in dem es um die Herbert-Baum-Gruppe geht, eine antifaschistische Jugendgruppe, die in der NS-Zeit Widerstand leistete. Dazu gibt es verschiedene Stationen in Berlin-Mitte, Orte, an denen die einzelnen Personen der Gruppe gewirkt haben.

Mit dem Teammitglied von Miphgasch/Begegnung sprach Pascal Beck.

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