Wenn Dmitry Kudinov über die wechselvolle Geschichte Berlins referiert, tut er das mit ganzem Körpereinsatz. Er lacht, gestikuliert und zeigt auf Details an Hausfassaden, die man normalerweise übersehen würde. Dabei spricht er in ein kleines Mikrofon. Rasant serviert er historische Fakten, gewürzt mit witzigen Anekdoten, Mord und Totschlag inklusive. Das ist so spannend, dass seine Zuhörer fast vergessen, wie heiß es an diesem Sonntag ist.
35 Personen sind zu der Stadtführung mit dem Titel »Das kriminelle Berlin der goldenen 1920er-Jahre« erschienen. Viele Teilnehmende sind russischsprachig, manche von ihnen Flüchtlinge aus der Ukraine. Sie alle hören aufmerksam zu, wenn Dmitry Kudinov anfängt, über das Scheunenviertel zu erzählen. Der Kunsthistoriker hat die Stadtführung eigens für Mitglieder der jüdischen Gemeinde konzipiert.
In den 20er-Jahren war Berlin die drittgrößte Stadt der Welt
»Anstelle der sonst üblichen 30 Euro pro Kopf zahlen die Teilnehmenden heute nur fünf Euro, dank Unterstützung der Jüdischen Gemeinde Berlin«, sagt Svetlana Agronik. »Wir wollen möglichst viele Menschen für unsere Stadtführungen begeistern«, so die Organisatorin, die ursprünglich aus Moskau kommt. Das Projekt »Impuls« wurde von ihr 1997 ins Leben gerufen, um Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion besser mit ihrer neuen Heimat vertraut zu machen. »Unser Ziel ist, etwas zur Aufklärung und Integration unserer russischsprachigen Mitglieder beizutragen, dadurch lernen sie die jüdische Geschichte und Kultur besser kennen«, erklärt Agronik.
Für die kommenden zweieinhalb Stunden werden die Besucher in eine andere Welt entführt. In die Zeiten, die das sogenannte Scheunenviertel im heutigen Berlin-Mitte maßgeblich geprägt haben. Seine Gründung gehe auf eine Initiative des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg zurück, der im Jahr 1672 aus Brandschutzgründen anordnete, sämtliche Scheunen aus der dicht besiedelten Stadtmauer vor das Spandauer Tor zu verlegen. Zuvor hatten die Stroh- und Heuspeicher regelmäßig zu heftigen Bränden geführt, erklärt der Stadtführer.
Das Flair von »Babylon Berlin« ist bei der Tour zu spüren.
Ab dem Jahr 1737 habe König Friedrich Wilhelm I. die Zwangsumsiedlung von Juden ohne eigenes Haus in dieses Gebiet angeordnet, wodurch das Areal für rund zwei Jahrhunderte zu einem Zentrum jüdischen Lebens in Berlin wurde. Ab 1900 erfolgte der Wandel zu einem dicht besiedelten Arbeiterviertel, das während der Weimarer Republik auch zum Zufluchtsort für osteuropäische Juden wurde, erklärt Kunsthistoriker Kudinov. Die Teilnehmenden nicken. Auch sie kommen aus osteuropäischen Ländern, wo sie ihre jüdische Herkunft einst verstecken mussten.
Zurück zum Berlin der 1920er-Jahre, damals die drittgrößte Stadt der Welt. Zur Geschichte einer Metropole, in der Glanz und Elend untrennbar miteinander verbunden waren, zu einem Zentrum für glamouröse Partys und wilde Exzesse. Babylon Berlin lässt grüßen. »Wer von euch kennt die Serie?«, ruft Kudinov. Das Quietschen der vorbeirauschenden S-Bahn übertönt seine Frage.
Trotzdem schnellen einige Hände in die Höhe. »Ich mag diese Serie sehr«, sagt Julia Mostova-Schwarz. Sie kommt ursprünglich aus der westlichen Ukraine und lebt bereits seit ihrem 15. Lebensjahr mit ihrer Familie in Deutschland. Die Filme gebe es auch in russischer Übersetzung, allerdings lasse sich nicht alles wörtlich übersetzen, daher klinge manches komischer als im deutschen Original, meint die Food-Coachin und Werbegrafikerin.
Weniger schillernd als in den Serien und Filmen dargestellt
Für die meisten Einwohner Berlins waren die 1920er-Jahre weniger schillernd, als es in den Serien und Filmen über jene Zeit dargestellt wird. Denn Armut und Arbeitslosigkeit waren groß und damit der perfekte Nährboden für alles, was nicht gesetzeskonform sein sollte. Bald entwickelte sich das Scheunenviertel zu einem Epizentrum der Kriminalität und die sogenannten Ringvereine prägten die Unterwelt der Stadt, weiß Kudinov zu berichten.
Genaue Zahlen darüber, wie viele Kriminelle im Berlin der 1920er-Jahre jüdisch waren, gibt es nicht, da Täter selten bis gar nicht nach ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit erfasst wurden. Historische Aufzeichnungen legen aber nahe, dass die Berliner Unterwelt ein Spiegelbild der Gesellschaft war. Jüdische Kriminelle waren in der Regel Teil jener organisierten Banden, die oftmals im Berliner Scheunenviertel agierten.
Die vielen jüdischen Einwanderer, sogenannte Ostjuden, die vor den Pogromen in ihren Herkunftsländern geflohen waren, lebten dort unter schwierigsten Bedingungen, insbesondere in den Gebieten rund um die Grenadier- und Dragonerstraße. Hier, wo heute schicke Cafés, teure Boutiquen und Hotels Touristen aus aller Welt ebenso anlocken wie wohlhabende (Wahl-)Berliner, die sich die inzwischen exorbitanten Mieten in jenen Häusern leisten können, die einst nicht einmal über eigene Toiletten verfügten.
Die Banden waren nach sozialen Netzwerken und Herkunft organisiert.
»Damals herrschten im Scheunenviertel kriminelle Milieus, bei denen Hehlerei und Schmuggel zum Alltag gehörten«, so der Stadtführer. »Und wo gab es da Prostitution?«, will eine Dame wissen. »Überall!«, antwortet er. Die kriminellen Bruderschaften, als »Vereine« getarnt, kontrollierten weite Teile der Berliner Unterwelt. Die Banden waren nach sozialen Netzwerken und Herkunft organisiert. Berühmte Ganoven wurden von der Boulevardpresse mit Spitznamen wie »Muskel-Adolf« (Adolf Leib) versehen und gingen nicht nur in die Geschichte der Stadt ein Auch der jüdische Schriftsteller Alfred Döblin wurde so zu seinem Roman Berlin Alexanderplatz inspiriert.
Allein in der Grenadierstraße gab es sieben Wohnungssynagogen
Unter den Bewohnern des Scheunenviertels, die zu einem Drittel aus jüdischen Migranten bestanden, lebten Arbeiter, Händler und Kriminelle oftmals Tür an Tür. Doch während der Inflation und Wirtschaftskrise wurden die Vergehen einzelner Personen von völkischen Kräften für Propagandazwecke instrumentalisiert und antisemitische Ressentiments gegen die gesamte jüdische Bevölkerung, insbesondere die »Ostjuden«, in Stellung gebracht, was am 5. November 1923 sogar zu einem Pogrom führte. Plünderer stürmten jüdische Geschäfte im Scheunenviertel, während die Polizei oftmals tatenlos zusah.
Doch das Scheunenviertel der 1920er-Jahre war nicht nur ein Elendsquartier, gleichzeitig entwickelte sich eine blühende und lebendige Kultur, in der Traditionen, Vereine, Theater und Synagogen florierten. »Allein in der Grenadierstraße gab es sieben Wohnungssynagogen, drei in der Dragonerstraße und drei weitere in der Brunnenstraße«, erzählt Kudinov.
Am Rosa-Luxemburg-Platz, wo die imposante Fassade der »Volksbühne« das Stadtbild dominiert, wird eine Pause im Schatten eingelegt. Obwohl sich das einstige Elendsquartier schon lange zu einem gentrifizierten Szeneviertel rund um die Hackeschen Höfe gemausert hat, finden sich hier und dort noch Spuren der Vergangenheit. Insbesondere durch Straßennamen. Zehn Straßenschilder erinnern an das reiche jüdische Leben von einst. Sie sind zusätzlich in jiddischer Schrift und Sprache gehalten und mit QR-Codes versehen. Hier lässt sich die Geschichte des Viertels noch einmal in Ruhe nachlesen. »Ich habe viel dazugelernt«, sagt eine Frau. Und auch Svetlana Agronik ist begeistert: »Die Führung war spannend und ein Gewinn für uns alle.«