Als ich elf Jahre alt war, überzeugten Freunde meiner Eltern sie davon, dass uns Kindern dringend auch ein Bezug zum Judentum vermittelt werden müsse. In meiner ziemlich jüdischen Familie hatte nämlich niemand auch nur den blassesten Schimmer von jüdischer Tradition, Religion und den Feiertagen. Völlig ahnungslos schickten uns unsere Eltern also auf den Rat der Freunde zur ZJD, der Zionistischen Jugend Deutschland.
Hier wurde viel über Israel und seine Bedeutung für Juden geredet. Ein Land, in dem ich zuvor nie gewesen war und zu dem ich keinerlei Bezug hatte. Es wurde über jüdische Zusammengehörigkeit, Halt und Identität, über Stolz und Patriotismus geredet. All das war mir vollkommen fremd, und weil ich es doof fand, wechselte ich ins Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde.
Es gibt weniger zu essen, die Eltern werden gesiezt, und insgesamt wird dort weniger gelacht und gefeixt
Mein Jüdischsein bestand damals aus den Beobachtungen: Bei meinen nichtjüdischen Freunden gibt es weniger zu essen, die Eltern werden gesiezt, und insgesamt wird dort weniger gelacht und gefeixt. Natürlich wusste ich auch um die Erfahrungen meiner Großeltern in Konzentrationslagern. Ein weiterer Bestandteil meines Jüdischseins war rückblickend vielleicht auch meine Hellhörigkeit und Vorsicht, mit der ich anderen schon früh begegnet bin.
Ich war ein assimiliertes Kind mit tschechoslowakischen Wurzeln.
Worte hatten für mich eine andere Bedeutung als für nichtjüdische Mitschüler und Freunde. Gas, Rampe und Block beispielsweise waren keine simplen Begriffe für mich. Sie lösten Gefühle aus. Ungeachtet des Kontextes. Aber das verstand ich erst später.
Insgesamt war ich ein assimiliertes Kind mit tschechoslowakisch-jüdischen Wurzeln. Mit der ZJD und dem Heilsgedanken an Israel konnte ich damals also überhaupt nichts anfangen.
Das änderte sich schlagartig mit dem 7. Oktober 2023. Die grauenvollen Nachrichten um die Massaker entfachten in mir ein so starkes Zugehörigkeitsgefühl zu Israel, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Der Tag hatte mich gebrandmarkt, mich zu einer anderen Person gemacht. Zu einer, die ihr Jüdischsein plötzlich als hervorstechendes Merkmal ihrer Identität empfindet. Und zu einer, die plötzlich eine innige Verbindung zu dem Land spürt, in dem »meine Leute« leben und für meine Existenz ihren Kopf hinhalten.
Ich bestaunte das jahrtausendealte, geschichtsträchtige Jerusalem
»Leute beschweren sich über die Bürokratie in Deutschland? Lächerlich!«
In den Jahrzehnten nach der ZJD bin ich viele Male in Israel gewesen, war auf Masada, bestaunte das jahrtausendealte, geschichtsträchtige Jerusalem, lag schwebend auf dem Salzwasser des Toten Meeres, genoss die Natur am Kinneret und im Negev, tanzte durch Tel Aviv und spazierte vom vielfältigen westlichen Strand ins orientalische Jaffo.
Vor meinem inneren Auge sah ich wieder die Oliven- und Orangenbäume Israels, das pulsierende Leben, die Strände, das unfassbar leckere Essen, die Schönheit der Menschen, die Gastfreundschaft, die Freundlichkeit gegenüber Kindern und Alten, die Vielfalt der Kulturen und das Leben, das nicht geprägt ist von der Furcht vor Antisemitismus.
Das Telefon klingelte: »Barbara, die wollen deine Tochter als Torhüterin im Team der israelischen U17-Nationalmannschaft.« Whaaaat? Bääämmm. So fühlte sich also jüdischer Patriotismus und Nationalstolz an. Das war es, was die Kinder in der ZJD schon damals kannten. Mir schossen Tränen in die Augen.
ich nudnikte, stocherte und nervte unzählige Menschen
Rasch kontaktierte ich das Konsulat, eine Freundin rief eine andere an, ein Bekannter nahm Kontakt zur Nationalmannschaft auf, ein anderer Bekannter sprach mit der Botschaft, ich nudnikte, stocherte und nervte unzählige Menschen, von denen ich mindestens zehn verschiedene Antworten dazu bekam, was zu tun sei, damit meine Tochter unkompliziert für die Nationalmannschaft Israels spielen könnte. Nach einigen Monaten endlich die Information: »Gar kein Problem! Lian muss nur, gemeinsam mit dir, Barbara, Alija machen.«
Alija …, ein Wort, das Hoffnung, Sehnsucht und Neuanfang in sich trägt. »Das ist alles überhaupt kein Problem. Die Vorbereitung der Papiere dauert lediglich einige Monate, erfordert einige Telefonate, Briefe, Mails, Geld und so weiter. Danach müsst ihr für circa vier Wochen im Land bleiben, um die erforderlichen Behördengänge zu absolvieren et cetera. Gar kein Problem!«
Meine romantische Verklärung von Israel weicht der harten Realität.
Vier Wochen? Ich dachte an Lians Schule, an meine Arbeit, an meine beiden anderen Kinder, meine Mama, meinen Bruder, meine Freunde. Wo sollten Lian und ich vier Wochen lang wohnen? Wer sollte das alles bezahlen? Kein Problem? Unkompliziert? Dass ich nicht lache. Mir fiel eine Freundin ein, die in Israel lebte und zu mir gesagt hatte: »Leute beschweren sich über Bürokratie in Deutschland? Lächerlich! Kommt mal nach Israel! Das ist eine absolute Katastrophe. Ein riesiger Balagan. Und dann hörst du immer: Das ist überhaupt kein Problem, während man dir dabei mit zusammengedrücktem Mittel-, Zeigefinger und Daumen vorm Gesicht fuchtelt. Geduld! Geduld! Kein Problem!«
Als Tourist scheint nichts ein Problem, in Israel ist aber nichts unkompliziert: Die sonnenerhitzten, unter ständiger Bedrohung lebenden Gemüter sind unter Dauerstrom. Die vielen unterschiedlichen Ethnien, Nationalitäten, Religionen und politischen Einstellungen prallen aufeinander und erfordern unglaublich viel Toleranz, Verständnis, Disziplin und Aufgeschlossenheit. Es wird gehupt und geschrien. Jeder weiß alles besser.
Meine Koffer bleiben aber im Geiste gepackt
Meine geliebte Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ordnung spielen eine völlig untergeordnete Rolle. Politisch ist das Land gespalten, droht an der Last der Bedrohung von außen und der Zerrissenheit im Inneren zu zerbrechen. Und die antisemitische Nachbarschaft lebt einige Kilometer weiter entfernt – hier aber mit Sprengstoffgürteln und Bomben. Kinder wachsen in Israel in einem Paradies von Granatäpfeln, Sonne, Sand, Meer und einer grenzenlosen Liebe zum Leben auf. Allerdings auch in dem Bewusstsein, dass ihre Wohnung, ihre Schule, ihre Nachbarschaft aus guten Gründen einen Schutzraum oder Bunker hat. Meine romantische Verklärung von Israel, dem Land der Hoffnung und Sehnsucht, muss der harten Realität, in der die Menschen dort leben, weichen.
Lian spielte nicht für die israelische Nationalmannschaft, weil das logistisch für uns einfach nicht umsetzbar war. Meine Koffer bleiben aber im Geiste gepackt, in der Hoffnung, dass ich weiterhin nur als Touristin nach Israel reisen, mich meiner romantisierten Verklärung hingeben darf und nie gezwungen sein werde, das vergleichsweise unkomplizierte Deutschland verlassen zu müssen.
Die Autorin hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter »Der Rabbiner ohne Schuh. Kuriositäten aus meinem fast koscheren Leben« (Gütersloher Verlagshaus 2022).