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Imkerei

»Bienen muss man respektieren«

Im Garten der Gempels in Leipzig stehen fünf Boxen, die ein wenig an Briefkästen erinnern: Unten haben sie einen Schlitz. Durch den kommen aber keine Briefe, sondern Bienen. Fleißig sausen sie hinein und hinaus. Ganz langsam öffnet Peisah Gempel nun einen der Kästen, die aus mehreren Etagen bestehen. Dann zieht er aus einer der Zargen vorsichtig einen Holzrahmen: Hunderte Bienen wimmeln auf den perfekt sechseckigen Waben, krabbeln über- und untereinander, surren mit den Flügeln.

Das plötzliche Tageslicht scheint sie nicht von ihrer emsigen Arbeit abzubringen. »Man sagt, dass Bienen ruhig bleiben, wenn man selbst ruhig ist«, flüstert Anna Gempel. »Man muss Bienen respektieren, dann respektieren sie einen auch. Ich habe sogar einmal gelesen, dass sie die Gesichter ihrer Imker erkennen!«. Dann muss sie grinsen. Denn Peisah trägt zum Schutz einen engmaschigen Schleier vor dem Gesicht. »Na ja, vielleicht erkennen sie uns eher am Geruch!«

Die zwei Imker aus Leipzig wollen zeigen, wie Honig entsteht

Kurz vor dem jüdischen Neujahr haben Peisah und Anna Gempel in ihren Garten eingeladen. Die zwei Imker aus Leipzig wollen zeigen, wie der Honig entsteht, der bei so vielen jüdischen Familien an Rosch Haschana als »Siman« auf dem Tisch steht – auch bei ihnen. »Wir tauchen traditionell Äpfel in den puren Honig und wünschen uns ein süßes Jahr!«, erklärt Anna.

Der jüdische Feiertagsmarathon, der mit dem Neujahr beginnt und mit Simchat Tora Anfang Oktober endet, läutet auch für die Imker eine neue Saison ein: »Wir haben den letzten Honig Mitte August entnommen und lassen die Bienen sich nun auf den Winter vorbereiten«, sagt Anna Gempel. Ihr Mann findet noch eine Parallele: »Am Ende der Feiertage, an Schemini Azeret, beten wir in der Synagoge das erste Mal für den Regen. Und dann ist es auch für die Bienen Zeit, sich vor der Witterung in ihren Stock zurückzuziehen.«

Mit seinen dicken Imkerhandschuhen deutet Peisah nun auf eine Biene mit winzigen, leuchtend orangen Knubbeln am Körper. »Das sind die Blütenpollen«, erklärt er. Anna tritt näher und zeigt mit ihren bloßen Fingern auf die Hinterbeinchen des Tiers. »Sie hat an den Waden extra Körbchen, um sie zu transportieren«, sagt sie fasziniert. Sie erklärt, dass die Biene die Blütenpollen mit ihren Härchen sammelt, sie mit Speichel zu Bällchen formt und diese so in den Stock bringt.

»Jede Larve hat das Potenzial, zu einer Königin zu werden!«

Dort vermischt sie in einer Wabe die Krümelchen mit Nektar und ihrem eigenen Speichel, sodass die Masse fermentiert. »Das Ergebnis nennt man Bienenbrot und ist ihre Nahrung für den anstehenden Winter.« Anna zeigt auf eine dunkle Wabe mit einer dünnen Wachsschicht darauf. »Diese haben die Bienen schon verschlossen, und sie wird erst wieder geöffnet, wenn sie bei niedrigen Temperaturen richtig hungrig werden.«

Die kleinen bräunlichen Wabenkrümel schmecken süß, sauer und fast würzig

Später kramt Anna aus ihrem Küchenschrank das getrocknete Bienenbrot zum Probieren. Die kleinen bräunlichen Wabenkrümel schmecken süß, sauer und fast würzig. Die Mischung aus fermentiertem Nektar und Blütenpollen sei ein echtes Superfood, erklärt sie. Auf ihrem Küchentisch kann man so einiges entdecken, was die Bienen diesen Sommer alles erwirtschaftet haben: Aus dem Wachs formt Anna Kerzen, zum Beispiel mit Wabenstruktur, in Blumenform oder passend zu Rosch Haschana als Granatapfel.

»Für unsere jüdischen Kunden haben wir auch diese Hawdala-Kerze und Bessamim im Angebot«, sagt Anna und präsentiert eine Kerze mit drei Dochten, die für das Ritual zum Schabbatausgang eine lodernde Flamme erzeugen kann, und die Nelken in Bienenwachs, an denen man für den Duftsegen riechen kann. All das verkaufen die Gempels in den umliegenden Gemeinden und seit einem Jahr auch in einem Onlineshop. »Dvash.de« haben sie ihn genannt, in Anlehnung an das hebräische Wort für Honig. Den gibt es dort natürlich auch.

Aus dem Bienenwachs hat Anna außerdem einen Lippen- und Handbalsam kreiert. Sie setzt auf die Heilkraft der Bienen. Am wirkungsvollsten sei das kostbare Propolis, mit dem die Insekten kleine Ritzen und Spalten im Stock verschließen und gegen Keime kämpfen – es soll auch dem menschlichen Körper bei der Heilung helfen.

Anna hat etliche Bücher über die Bienen und ihre Superkräfte gelesen

Anna hat etliche Bücher über die Bienen und ihre Superkräfte gelesen. »Ich bin einfach begeistert von ihrer Welt!«, sagt sie. Ihr Mann, der ebenfalls am Tisch Platz genommen hat, grinst. »Wie alle Imker sind wir auch ein bisschen verrückt nach unseren Tieren.« Als sie einmal im Urlaub in Südfrankreich waren, habe sie bei den Lavendelfeldern nur daran denken können, wie wohl der Honig dieser Blüten schmecke, erzählt Anna. Oft fährt die Familie auch zu anderen Imkern, um sich auszutauschen. Und natürlich überlegen die beiden ständig, ob sie sich noch ein weiteres Volk anschaffen wollen.

Das erste kam vor zwei Jahren zu ihnen. Ein Freund der beiden züchtete schon länger Bienen und hatte das Paar mit seiner Leidenschaft angesteckt. Mit dem Auto holte Peisah die Bienen von einem Züchter nach Hause in den Garten. Unter den großen Linden fühlten sich die Brummer gleich wohl. Im Juni, wenn die Bäume blühen, haben es die Bienen nicht weit. »Lindenhonig schmeckt würzig und ist sehr beliebt bei uns«, sagt Anna.

Interessiert las sie, dass sich die Bienen abhängig von der Blüte auf andere Pflanzen stürzen und der Honig so über den Sommer ganz anders schmecken kann. Die Bienen der Gempels fliegen je nach Saison auch Raps, Frühlings- , Sommer- oder Wildblumen an. Sie habe beobachtet, wie sie den anderen Tieren in der Wabe den Weg zu einer neuen Futterquelle vortanzten. »Sie sind so intelligent!« Neun Bienenvölker betreuen die Gempels inzwischen. »Aus dem Hobby ist etwas Größeres entstanden«, sagt Anna. Ein Volk hat ihr Mann sogar auf dem jüdischen Friedhof von Leipzig einquartiert. Peisah arbeitet dort ehrenamtlich: Er nimmt die religiösen Waschungen vor und beerdigt die verstorbenen Jüdinnen und Juden der Stadt. Nun summt und brummt es auch zwischen den Grabsteinen.

Peisah trägt auch unter dem Imker-Schutzanzug seine Zizit

Anna und Peisah Gempel sind religiöse Menschen, ihr Haus schützen Mesusot, Peisah trägt auch unter dem Imker-Schutzanzug seine Zizit. »Für uns sind die Tiere ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wunderbar und komplex die Natur geschaffen ist«, sagt Anna. Sie fasziniere die Ordnung im Bienenvolk, dessen Kommunikation und Zusammenspiel. Wer sich mit Bienen beschäftige, erkenne, dass dahinter weit mehr stecke als Zufall. »Wir sehen darin die Handschrift Gottes.«

Honig ohne Zusätze sei eigentlich immer koscher, erklärt Anna. Aber wieso eigentlich? Gelten die Tiere im Judentum nicht als unrein? »Wenn man genau hinschaut, kann man ihre gespaltenen Hufe erkennen«, scherzt Peisah. Dann klärt er auf: Bienen selbst dürften als Insekten natürlich nicht gegessen werden. Doch die Rabbiner sehen den Honig als Pflanzennektar, den die Biene nur verarbeitet und lagert. Und der ist selbstverständlich koscher! »Schließlich heißt es schon in der Tora, dass im gelobten Land Milch und Honig fließen!«, sagt Peisah.

Die Gempels sind viel beschäftigt. Anna arbeitet in der sozialpädagogischen Familienhilfe, ihr Mann hat eine Autoverwertung. »Wir haben Vollzeitjobs, zwei Kinder und einen Hund. Und jetzt haben wir noch Tausende Bienen«, lacht Peisah. Aber die neuen Haustiere helfen den beiden auch, abzuschalten. »Wenn ich die Bienen versorge, komme ich runter, genieße die Ruhe und den guten Geruch«, sagt Peisah.

»Wir haben zwei Kinder und einen Hund. Und jetzt haben wir noch Tausende Bienen.«

Eigentlich heißt es, dass Bienen von selbst arbeiten, sagt Anna. Doch ihre Pflege koste viel Zeit. Über den Sommer schlüpfen immer mehr Larven, die Gempels müssen den Stock Zarge um Zarge aufbauen. Dreimal entnehmen sie die reifen Honigwaben, entfernen die Wachsdeckel und schleudern den Honig in einer speziellen Vorrichtung heraus. Dieser wird dann gesiebt und abgefüllt, bei hohen Temperaturen, bis zu 40 Kilo pro Volk. Das alte Wachs schmilzt währenddessen unter der Sonne aus den Waben und tropft in einen Auffangbehälter, dann kann Anna daraus die Kerzen gießen.

Nun im Spätsommer schlüpfen weniger Bienen, das Volk braucht nicht mehr so viele Stockwerke, die Zargen werden wieder abgebaut. Anna und Peisah füttern für den Winter Zuckerwasser zu und achten darauf, dass keine Schädlinge eindringen. Werden die Nächte kalt, kommt noch ein Kissen auf den Stock, dann bleibt der Holzkasten bis zum Frühling geschlossen.

Anna erklärt, dass die Bienenkönigin mehrere Jahre alt werden kann

Zum Abschluss möchten die Gempels noch ihre Königinnen zeigen. Das ist gar nicht so leicht, weil die fleißigen Arbeitsbienen ihre fast doppelt so große Majestät schützend unter sich verbergen. Anna erklärt, dass die Bienenkönigin mehrere Jahre alt werden kann, während die Arbeiterinnen im Sommer nur etwa 40 Tage leben.

Trotzdem dürfe man das Volk nicht als Zweiklassengesellschaft sehen: Sobald die Königin schwächelt, lassen die Bienen sie sterben und ziehen aus ihren eigenen Larven eine neue, indem sie diese mit dem »Gelee Royale« nähren. »Jede Larve hat also das Potenzial, eine Königin zu werden!«, sagt Anna. Bei diesem Bienenstock aber scheinen die Arbeiterinnen mit ihrer Königin zufrieden. Bald werden sie noch näher an sie heranrücken und eine Wintertraube bilden. Sie werden ihre Flugmuskeln an- und entspannen und so die nötige Wärme produzieren, um über den kalten Winter in Leipzig zu kommen. Bis sie im Frühling wieder ausschwärmen, neue Blüten entdecken und zu tanzen beginnen.

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