Die Jüdischen Kulturtage Berlin stellen in diesem Jahr eine ganze Reihe interessanter Fragen: Was, wenn Denkmäler plötzlich lebendig werden? Was macht einen Menschen zum Helden? Warum sind Baladine Klossowskas Leben und Kunst beinahe interessanter als die ihres Geliebten Rainer Maria Rilke? Oder warum ist Nikolai Kiseljow, ein ehemaliger Offizier der sowjetischen Armee, der 218 Juden auf einem mörderischen Marsch 1942 vor dem Tod rettete, nur wenigen Menschen ein Begriff?
Antworten darauf erhält man auf den mehr als 40 Einzelveranstaltungen der 39. Jüdischen Kulturtage vom 12. bis 22. November. Das Festival präsentiert wieder ein reiches Bühnen- und Musikprogramm, Lesungen, Diskursformate, Screenings aktueller israelischer Spielfilme sowie Workshops für Kinder und Jugendliche.
Aber anteasern, ohne Spuren zu legen, ist unfair. Also hier für Neugierige ein paar Einsichten vorab: Superman fliegt, Batman aber braucht keine übernatürlichen Kräfte, um in Gotham City aufzuräumen. Was also macht einen Menschen zum Helden? Dieser Frage gingen zehn jüdische Künstlerinnen und Künstler nach und entwickelten für die Kulturtage einen begehbaren Parcours: von jenen Comicfiguren über ihre meist jüdischen Schöpfer wie Stan Lee bis zu wirklichen Gerechten wie Oskar Schindler: »Zadikim. Zeit für Gerechte«.
Das Orto-Da Theatre aus Tel Aviv wiederum zeigt in dem Stück Stones, was geschehen würde, wenn Denkmäler plötzlich »sprechen« könnten – ohne Sprache, aber als »Tableaux vivants«, einem physischen Theater, ringen die lebendigen Skulpturen unter eindrücklichem Soundeffekt um Erinnerungskultur, Geschichten und Resilienz. In Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe. Rilkes letzte Geliebte richtet die preisgekrönte Autorin Julia Franck im 100. Todesjahr des Dichters den Blick auf die Malerin Baladine Klossowska, die eine außergewöhnliche Beziehung zu ihm führte und lange als »Muse« in seinem Schatten stand.
Die Kulturtage bieten aber auch Raum für Begegnungen und Resilienz.
In russischer Originalversion mit englischen Untertiteln verfolgt der 2023 veröffentlichte Film Tzadik von Sergey Ursulyak die Geschehnisse in Belarus 1942: Als Mitglied einer Partisaneneinheit in dem von Deutschland besetzten Gebiet bringt der russische Offizier Nikolai Kiseljow mehr als 200 überlebende Jüdinnen und Juden der Massaker in den Ghettos von Dolginowo in einem dreimonatigen Marsch über 1000 Kilometer und unter extremen Bedingungen durch Wälder und Frontlinien vor den Deutschen in Sicherheit. Zu Lebzeiten erhielt Kiseljow kaum Anerkennung. Erst 2005 ehrte ihn die Gedenkstätte Yad Vashem posthum als »Gerechten unter den Völkern« – womit sich auf den Kulturtagen der Kreis zu den »Helden« vielleicht wieder schließt.
Vom Eröffnungskonzert in der Synagoge Rykestraße am 12. November mit Marina Maximilian, die schon bei den 37. Kulturtagen auftrat, erstreckt sich das breit gestreute Programm von Alexander Estis und dem Trio Scho (»Am Anfang war Schmonzes«) über einen »Klangraum aus Sprache und Kontrabass« mit Diti und Tal Ronen sowie Anne Birkenhauer, das Blaue Sofa mit Assaf Gavron, Shelly Kupferberg und Dana Vowinckel, dem Mentalisten Lior Suchard, vielen Filmen, Bilderbuchkinos, Lesungen, Gesprächen und Stadtführungen durch das Scheunenviertel der 20er-Jahre oder »Queerness und Gender im Jüdischen Berlin« bis zum Abschlusskonzert mit Rami Kleinstein (ebenso Rykestraße), sodass für jeden etwas dabei sein dürfte.
Die Kulturtage bieten aber auch Raum für Begegnungen und Resilienz, etwa wenn Marina Chernivsky in Bruchzeiten – Leben nach dem 7. Oktober »persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Analyse« zu jüdischen Lebenswirklichkeiten verwebt und nach der Lesung zum Gespräch bittet. Es war stets das Anliegen des Festivals, vom Kleinen bis zum ganz großen Bild allen Kunstgattungen und Formen eine Bühne und den Besuchern beste Unterhaltung zu bieten. Das wird auch in diesem Jahr wieder der Fall sein.