Rosch Haschana

Mehr Zeit, mehr Frieden, mehr Miteinander

Alle hoffen auf Frieden und Demokratie. Aber natürlich hat jeder auch ganz persönliche Wünsche: sei es die bezahlbare Wohnung, mehr Zeit für den Hebräischunterricht, für Sport oder Gesundheit. Auch die Überwindung des Mullah-Regimes im Iran, mehr Aufklärung über Antisemitismus an Schulen oder die Einheit der jüdischen Diaspora stehen auf der Wunschliste. Wir haben Gemeindemitglieder im Alter von 16 bis 86 Jahren aus verschiedenen Städten gefragt.

David Schapiro (26), Potsdam
Einer meiner größten Wünsche ist, dass wir im nächsten Jahr viele Limmud-Tage erleben können. Denn aus unterschiedlichen Gründen wird es nicht möglich sein, 2027 ein Limmud-Festival wie in den Jahren zuvor zu veranstalten. Natürlich hoffe ich, weiter viel im Rabbinatsstudium am Abraham Joshua Heschel Seminar zu lernen und erfolgreich zu studieren. Und ganz pragmatisch braucht meine kleine Familie eine bezahlbare, größere Wohnung, die in Potsdam nicht so leicht zu finden ist. Aber meine Frau, mein fast zweijähriger Sohn und ich benötigen mehr Platz. Was mich zudem sehr beschäftigt, und da blicke ich besorgt in die nahe Zukunft, ist der Klimawandel. Ich frage mich, in welcher Welt mein Sohn leben wird. Auch die anstehenden Wahlen beunruhigen mich, denn ich fürchte, dass die AfD als Gewinner hervorgehen könnte, wie es jetzt in Sachsen-Anhalt der Fall ist. Doch erst einmal feiern wir den Geburtstag meines Sohnes, und ihm wünsche ich natürlich nur das Beste.

Alina Sternberg (51), Baden-Württemberg
Auf jeden Fall möchte ich mit dem Hebräischlernen weiterkommen. Seit drei Monaten lerne ich die Sprache. Vorankommen möchte ich auch mit meiner Praxis. Ich bin Psychotherapeutin und von den Kürzungen für Kassenpatienten betroffen, die ab Januar gelten. Die Honorare für Therapeuten werden erheblich reduziert. Damit ich finanziell überleben kann, muss ich meine Kapazitäten für Kassenpatienten reduzieren und mehr Selbstzahlende oder Privatversicherte aufnehmen – was ich ungern tue. Ich möchte keine Patienten wegschicken müssen. Ich wünsche mir, dass wir Lösungen finden und die Umstellung gelingt. Ansonsten hoffe ich, öfter Theater- und Opernabende genießen zu können sowie Ausstellungen in Museen zu besuchen. Und natürlich möchte ich nach Israel, wohin ich seit dem 7. Oktober 2023 nicht mehr gereist bin. Politisch hoffe ich, dass das iranische Mullah-Regime endlich überwunden wird.

Marlies (16), Baden-Württemberg
Ich habe vor einiger Zeit mit Krav Maga angefangen und hoffe, in brenzligen Situa­tionen darauf zurückgreifen zu können. Derzeit besuche ich noch die Schule, aber ich weiß schon jetzt, dass ich nach dem Abitur nach Israel gehen möchte. Ich glaube, ich habe mehr politische als persönliche Wünsche. Zum Beispiel, dass es für uns Juden keine moralischen Doppelstandards geben soll und wir in den sozialen Medien nicht fertiggemacht werden. Für den Unterricht wünsche ich mir, dass Holocaust und Antisemitismus auf den Lehrplan kommen. Ferner habe ich mir vorgenommen, intensiver Fremdsprachen zu lernen. Die Blumen und Sträucher in unserem Garten haben so schön geblüht, wofür ich dankbar bin. Hoffentlich zeigen sie ihre Blüten nächstes Jahr auch wieder. Und: Ich möchte viel Zeit mit den Menschen verbringen, die mir lieb sind.

Semen Popvskyy (86), Mönchengladbach
1941, als die Nazi-Truppen sich der Stadt Nikolajev in der Ukraine näherten, floh meine Mutter mit uns zwei Kindern und einer kranken Großmutter nach Westkasachstan. 1945 kehrten wir in unsere Heimatstadt zurück. Doch vor unserer ehemaligen Haustür begrüßte ein Mann meine Mutter mit den Worten: »Du hast dich in Taschkent in der Sonne geaalt. Du bekommst eine Kugel in die Stirn, keine Wohnung!« Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich meine Mutter in diesem Moment gefühlt haben muss. Das wünsche ich niemandem. Mein Vater fiel an der Front. Jahrzehnte später emigrierten wir nach Deutschland. Ich wünsche mir, dass sich alle daran erinnern, dass wir, solange wir miteinander kommunizieren und uns gegenseitig moralisch unterstützen, vorübergehend (bis zum 120. Lebensjahr) unsterblich sind. Ich hoffe, dass alle optimistisch bleiben, inneren Frieden bewahren, gegenseitiges Verständnis zeigen und die Einheit in der jüdischen Diaspora unterstützen. Meine Frau Kateryna und ich konnten jetzt unseren 56. Hochzeitstag feiern – und und ich wünsche uns, dass wir noch viele weitere Hochzeitstage gemeinsam begehen können.

Jonathan Grünfeld (53), Düsseldorf
Vor den Sommerferien feierten wir das zehnjährige Bestehen des Albert-Einstein-Gymnasiums in Düsseldorf, an dem ich unterrichte. Es sollen noch viele weitere Jahre folgen! Es ist toll, die Entwicklung dieser Schule begleiten zu dürfen und all die neuen Fünftklässler auf dem Schulhof zu erleben, die vergangene Woche bei uns eingeschult wurden. Was die Lage außerhalb unseres kleinen Kosmos angeht, so wünsche ich mir für das neue jüdische Jahr nur das: Frieden, Demokratie und ein Miteinander der Menschen.

Dagmar Otschik (64), Berlin
Mir fällt kein einziger persönlicher Wunsch ein. Ab einem gewissen Alter hofft man, dass der eigene Zustand nicht schlechter wird und man gesund bleibt. Und natürlich, dass der Freundeskreis bestehen bleibt und niemand stirbt. Ich bin zufrieden mit meinem Leben und würde sogar sagen, dass ich wunschlos glücklich bin.

Bella Zchwiraschwili (50), Berlin
Zum neuen Jahr wünsche ich uns allen von Herzen Gesundheit, Glück und viele kleine und große Momente, die das Leben ein Stückchen schöner machen. Möge das neue Jahr uns Zeit für die Menschen schenken, die uns wichtig sind, Kraft und Zuversicht für all das, was vor uns liegt, und immer wieder Anlass, dankbar für all das Gute und Schöne zu sein. Und ich wünsche mir, dass jeder von uns jeden Tag eine gute Tat, eine Mizwa, tut. Denn etwas Gutes für einen anderen Menschen zu tun, ist nicht nur für denjenigen, dem wir helfen, ein Geschenk – es bereichert auch uns selbst und schenkt uns Wärme. Lasst uns füreinander da sein, einander Freude bereiten und die Welt jeden Tag ein kleines bisschen besser machen.

Evgenia Levin (48), Frankfurt am Main
Was ich mir privat wünsche? Gesundheit für mich und für alle meine Verwandten und Freunde. Außerdem wünsche ich mir nette soziale Kontakte, finanzielle Absicherung und Sicherheit im Leben. Ich bin gern unter Leuten und möchte die Kraft haben, Schabbat zu feiern und Menschen zum Essen einzuladen. Ich möchte aktiv und fit bleiben – Gott sei Dank bin ich das. Ich habe nach wie vor große Lust, Veranstaltungen zu organisieren und mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Meine Arbeit im Rabbinat macht mir Spaß, und das soll auch so bleiben.

Shelly Meyer (30), Hamburg
Dieses Jahr denke ich nicht nur darüber nach, was sich verändern soll, sondern auch darüber, was – und vor allem wer – bleiben darf. Denn je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass zu dieser Selbstprüfung auch die Beziehungen gehören, die uns tragen: zu Gott, zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen. Mein Vorsatz ist deshalb kein großer Neuanfang. Er ist die Entscheidung, sorgsamer mit den Beziehungen umzugehen, die bereits da sind: mich öfter zu melden, präsenter zu sein, wirklich zuzuhören und Freundschaften nicht für selbstverständlich zu nehmen. Denn ein gutes Jahr bemisst sich nicht nur daran, was wir erreichen, sondern auch daran, mit wem wir es teilen.

Aufgezeichnet und zusammengestellt von Katrin Richter und Christine Schmitt.

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