In der Bibliothek hält sich Rabbiner Michael Kogan gern auf. Umgeben von Büchern und Ruhe könne man viele Anregungen und Antworten finden, sagt der Rabbiner, der seit vier Monaten in der Jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen amtiert. Doch dann wird die Stille gestört. Eine Gemeindemitarbeiterin bringt ihm das Telefon. Ein Anruf für ihn. Er nimmt sich Zeit für das Gespräch. Wie immer dienstags. An diesem Tag reserviert er vormittags mehrere Stunden für Telefongespräche in seinem Kalender, denn dann bietet er eine »spezielle Hotline« an: »Ich möchte alle Fragen zum Judentum und zur Religionsgeschichte unseres Volkes beantworten – und zwar auf Russisch und Hebräisch.«
Gerade vor Rosch Haschana und den folgenden Feiertagen gebe es viele Fragen. »Welches Essen kommt auf den Tisch? Was brauchen wir für unsere Feier zu Hause? Welche Gebete sollen gesprochen werden? Und woher bekomme ich ein Schofar?« Viele Gemeindemitglieder würden sich über das Angebot freuen. Denn so haben sie die Möglichkeit, anonym ihre Fragen zu stellen, und müssen sich wegen ihrer Unwissenheit nicht schlecht fühlen.
Er freue sich immer auf seine »spezielle Hotline«
Zwei Bücher hat Rabbiner Kogan bereits geschrieben. Das erste Buch basiert auf seinen Vorträgen und Gedanken zu den wöchentlichen Toraabschnitten. Das zweite befasst sich mit den jüdischen Feiertagen. »Mein einziges Bestreben ist es, nicht stehen zu bleiben, sondern den Menschen zu helfen, zu ihren Wurzeln zurückzukehren und sich als Teil unseres wunderbaren, alten jüdischen Volkes zu fühlen.« Er freue sich immer auf seine »spezielle Hotline«, wie er sie nennt, und sei gespannt, mit welchen Anliegen er wieder konfrontiert wird.
Eine Sprechstunde für Fragen zum Judentum gefällt auch Rabbiner Benjamin Kochan von der Jüdischen Gemeinde Regensburg, die etwa 800 Mitglieder zählt. »Ein interessanter Gedanke, da muss ich einmal überlegen, ob wir die Idee übernehmen.« Andererseits sei der Rabbiner während der Bürozeiten ja immer vor Ort. »Wenn jemand mit mir sprechen möchte, bin ich gleich da.«
Auch er kennt die Erkundigungen rund um Rosch Haschana. Zuletzt wurden ihm viele Fragen zum Schofarblasen gestellt. Beispielsweise: Wie regelt man es am besten, wenn man an Rosch Haschana arbeiten muss und keine andere Gelegenheit hat, das Schofar zu hören? Oder was kann man tun, wenn man es zu Taschlich nicht geschafft hat? Kann man es nachholen? Und wie lässt sich das Problem im Krankheitsfall lösen?
Er sei bereits dabei, die Gebete mit dem Vorbeter und dem Gabbai für Rosch Haschana durchzusprechen. Außerdem stimme er sich mit dem Hausmeister darüber ab, was noch zu tun sei. »Auch die Vorhänge sollen ausgetauscht werden, denn zu den Hohen Feiertagen sollen weiße hängen.« Zudem plant er den Hochbetrieb in der Küche. Gäste aus anderen Städten haben sich angekündigt, von denen einige in der Gästewohnung unterkommen werden. »Es ist viel Arbeit, die aber Spaß macht.«
Wie regelt man es, wenn man arbeiten muss und keine Gelegenheit hat, das Schofar zu hören?
Das sieht Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev aus Baden-Baden genauso, er freut sich ebenfalls auf die Feiertage. »Zu Rosch Haschana wird es in der Synagoge voll.« Rund 60 Prozent der Mitglieder seien inzwischen allerdings über 70 Jahre alt und mitunter nicht mehr so gut zu Fuß. Für sie packt das Gemeindeteam gerade Pakete. Honig, Granatäpfel, Lachs und Kekse finden sich darin.
Ehrenamtliche liefern sie anschließend aus und nehmen sich auch gern Zeit für Gespräche. Etwa 300 Pakete werden verteilt. »Zu Rosch Haschana kümmern wir uns gemäß dem Gebot des Bikur Cholim besonders um kranke und ältere Mitglieder«, sagt der Rabbiner. Auch er sei immer für Gespräche offen. Des Weiteren nutzt Daniel Naftoli Surovtsev die Plattform TikTok, um die Torawerte und das Judentum zu verbreiten und Fragen zur Religion zu beantworten.
»Anmeldungen sind noch möglich, aber man sollte sich beeilen«
»Wir sind bereits für die Feiertage sehr gut gebucht, Anmeldungen sind noch möglich, aber man sollte sich beeilen«, sagt Alina Treiger. Die Rabbinerin und Kantorin des Israelitischen Tempelverbands zu Hamburg sitzt an ihrem Schreibtisch und geht gedanklich den Gottesdienst durch: Welches Kind könnte ein Gebet sprechen? Welcher Jugendliche? Und wer von den Erwachsenen könnte eine Aufgabe übernehmen?
Treiger möchte möglichst viele Menschen einbinden. »Es ist doch die schönste und intensivste Zeit im Jahr«, sagt sie und strahlt. Für die Gottesdienste zu Rosch Haschana haben sich bereits zahlreiche Gäste aus der Politik und aus anderen Städten angekündigt. Doch der Platz in der Gemeinde ist begrenzt: Mehr als 150 Menschen passen nicht in die Synagoge.
Unter den Besucherinnen und Besuchern sind längst nicht nur Jüdinnen und Juden. Manche kommen aus Interesse, andere möchten die jüdischen Feiertage kennenlernen. Gerade für diese Menschen könnte eine Telefonsprechstunde hilfreich sein. »Vielleicht könnte ich mir deshalb gut vorstellen, dass eine Hotline für Nichtjuden eine gute Idee wäre«, sagt Treiger. »Wir sind offen für alle.« Die Gemeindemitglieder selbst, vermutet sie, dürften weniger Fragen haben. Sie kennen die Feiertage – und wissen, was nun vor ihnen liegt.
Rabbinerin Ulrike Offenberg plant gerade die Gottesdienste für Rosch Haschana, und zwar für die liberale Gruppe in Stuttgart. Zum zweiten Mal wird sie die Gruppe an den Hohen Feiertagen leiten. Am Freitag kommender Woche wird sie in den Zug steigen, um von Berlin nach Stuttgart zu gelangen. »Der Chor wird mitwirken, und ich bin damit beschäftigt, passende Gesänge herauszusuchen«, sagt die Rabbinerin.
»Rabbinerarbeit ist kein Bürojob, sondern eine Berufung.«
Rabbiner Wagner
Es sollen Melodien erklingen, die den besonderen Klang der Hohen Feiertage wiedergeben. Ebenso sind Wechselgesänge mit der Gemeinde eingeplant. Vor 16 Jahren hat sich eine liberale Gruppe unter dem Dach der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs gebildet, die jeden Monat liberale Rabbinerinnen und Kantorinnen zu Gottesdiensten nach Stuttgart und in die Zweigstellen einlädt. »Aber es ist mir sehr schwergefallen, nicht in Hameln, meiner anderen Gemeinde, amtieren zu können.« Sie freut sich schon, zu Sukkot dort wieder vor Ort zu sein.
An der Synagoge in Krefeld wurde eigens ein spezieller Knopf angebracht, der mit dem Handy von Rabbiner Yitzchak Mendel Wagner verbunden ist. »Rabbinerarbeit ist kein Bürojob, sondern eine Berufung«, sagt er. Seit fast 20 Jahren amtiert er in der Jüdischen Gemeinde Krefeld. Er legt Wert darauf, immer erreichbar zu sein – mit Ausnahme von Schabbat – und hat auch seine Handynummer veröffentlicht.
Anekdoten aus seinem Leben
Der Rabbi mag es, Anekdoten aus seinem Leben zu erzählen. Beispielsweise diese: Einmal rief ihn jemand um drei Uhr nachts an. »Es war ihm wichtig, mir mitzuteilen, dass man sich im Falle eines Erdbebens in den Türrahmen stellen soll. Das soll in dieser Situation der sicherste Ort sein«, sagt der Rabbiner schmunzelnd.
In seiner Gemeinde ist es üblich, eigene Unterrichtseinheiten zu den Hohen Feiertagen anzubieten. »Wer interessiert ist, ist herzlich willkommen.« Ebenso lädt die Rebbetzin Rachel Wagner zu Challah-Backkursen ein. Es gibt immer das gleiche Prozedere. Vor den Feiertagen schaut das Team in den Kalender und plant alles. Wer fährt wann zum Einkaufen nach Antwerpen? Wer baut die Laubhütte auf? »Da gehen wir kein Risiko ein, da ist der Hausmeister mit im Team. Und auch ich, um sicherzustellen, dass die Sukka koscher ist.« Jetzt beginne die »schöne stressige Zeit«, sagt der Rabbiner glücklich.
Moshe Flomenmann hat bereits einen Teil seiner Aufgaben zu Rosch Haschana erledigt: Er konnte Gemeinden, die über keinen eigenen Rabbiner verfügen, einen Gastrabbiner vermitteln. »So können alle Synagogen in Baden ein feierliches Fest begehen und hoffentlich ein gutes Urteil erhalten«, sagt der Landesrabbiner und Polizeirabbiner von Baden sowie Ortsrabbiner von Lörrach.
Rosch Haschana ist der Tag, an dem Bilanz über das moralische und religiöse Verhalten des vergangenen Jahres gezogen wird. »Man tritt mit Gebeten für eine gute Zukunft vor Gott. Man muss eine gute Balance zwischen Feierlichkeit und Ernsthaftigkeit finden«, sagt Flomenmann. Diese Balance wünscht er sich auch für seine Gemeinde in Lörrach, die rund 500 Mitglieder zählt. Er rechnet zu Rosch Haschana mit etwa 100 Beterinnen und Betern, darunter auch Gäste aus der Politik. »Die Tage von Rosch Haschana werden ein Wegweiser für unsere Zukunft sein. An ihnen wird über das kommende Jahr entschieden.«