Taglit

Emotionales Bootcamp mit Lior Raz

»Ich habe vor gar nichts Angst. Wir müssen uns wehren«: Lior Raz im Interview mit Antonia Yamin, Geschäftsführerin von Taglit Deutschland Foto: Taglit Germany / Boaz Arad

Das Ego von Lior Raz scheint so groß, dass es an ein Wunder grenzt, dass er durch die Tür gepasst hat. Doch war der Auftritt des Fauda-Stars beim »Taglit«-Abend am Sonntag in Berlin auch ein emotionales Bootcamp in Sachen Resilienz. Und am Ende fühlten sich einige Gäste möglicherweise selbst ein Stückchen größer.

Seit 26 Jahren bringt die durch Privatspenden sowie die israelische Regierung und den Zentralrat der Juden in Deutschland finanzierte Organisation Taglit junge Juden zwischen 18 und 26 Jahren für zehn Tage nach Israel, damit diese das Land abseits von sozialen Medien und Nachrichten mit eigenen Augen sehen und erleben können. »Es macht etwas mit ihnen«, betont der israelische Botschafter in Berlin, Ron Prosor, der ebenfalls gekommen ist. »Und es macht etwas mit ihren Familien. Weil sie begreifen, dass dies der einzige Staat für das jüdische Volk ist.«

Und wer könnte den Kampf um die »diverse, großartige Demokratie unter Beschuss« (Prosor) besser verkörpern als Israels Superstar. Auch wenn Lior »Doron« Raz irgendwie seltsam aussieht, so glattrasiert in einem eleganten schwarzen Anzug und polierten Lederschuhen. Etwas fehlt ohne Schweiß und Blut im Gesicht, ohne Sandalen und Ganzkörper-Staub. Immerhin, die Entschlossenheit ist die gleiche, auch wenn an diesem Abend die Fragilität fehlt, die den Serienhelden Doron Kavillio, teddybäriger Kommandant einer verdeckt arbeitenden Anti-Terroreinheit, zur Ikone hat werden lassen. Der Teddybär auf dem Podium ist zynisch.

Im Mauerpark legt er sich mit einem Mann an, der Palästinenser-Fahnen verkauft.

Zuerst macht Raz ein bisschen Werbung für die Serie, für die er steht, und deren weltweiten Erfolg. Dann reiht er Berichte von Begegnungen mit begeisterten Fans aneinander: von Hunderten Statisten beim Dreh von Gladiator 2 über eine Sicherheitsbeamtin am Flughafen von Miami bis zum indischen Premierminister Narendra Modi. »Er war kurz in Israel und wollte nur zwei Leute treffen: Bibi Netanjahu und mich«, sagt Raz, ohne mit der Wimper zu zucken. Sogar sein Humor ist hart wie Beton.

Eine etwas andere Begegnung hatte der Schauspieler und Drehbuchautor am Sonntagmorgen im Berliner Mauerpark, und nun wird klar, warum man eigentlich hier ist und der Mann im Anzug, der aussieht wie Doron, genau der Richtige für den Job ist. Im Park habe er einen Mann gesehen, der Palästinenser-Fahnen und anderen »Free-Palestine-Mist« verkauft habe. Er sei zu ihm gegangen und habe »Free Palestine from Hamas« zu ihm gesagt. »Und ich habe ihn verflucht. Wir haben uns gestritten, er ist mir dann gefolgt und hat mich gefilmt.« Im Publikum stehen einige Münder offen.

»Ich entschuldige mich nicht«

»Ich entschuldige mich nicht«, sagt der entspannt im Stuhl lehnende Raz. »Ich bin Zionist, ich bin Israeli, ich bin Jude. Ich habe vor gar nichts Angst. Wenn ich so etwas sehe, dann bleibe ich stehen und konfrontiere die Leute. Denn sie wissen nicht, wovon sie reden! Wir müssen uns wehren!«
Und er führt das Nichtwissen auch noch aus, was für ein paar erleichterte Lacher sorgt. Raz ist ein Meister des Weges aus der Hilflosigkeit: »Sie wissen nicht einmal, was die Kufiya bedeutet! Wenn du in Gaza eine schwarz-weiße Kufiya trägst, bringt die Hamas dich um, denn sie steht für die Fatah«, sagt der Mann, der einst im realen Leben in einer Sondereinheit der israelischen Armee undercover unterwegs war.

Raz gibt an diesem Abend viele Antworten für die besorgte Diaspora. »Ich weiß, es ist hart, aber als Israeli sage ich Ihnen …« verpackt er das Empowerment. Schließlich geht es um die neue Fauda-Staffel, deren Thema der 7. Oktober 2023 ist und die viele Israelis gar nicht sehen können oder wollen, weil das Trauma im Land längst nicht abgeschlossen ist. Die Staffel sei für die Menschen außerhalb Israels gemacht, stellt Raz denn auch fest. Wenn sie mit ihrem Lieblingshelden Doron erfahren müssen, wie die Massaker während des Hamas-Überfalls auf den Süden Israels aussahen, verstehen sie vielleicht, was passiert ist, sagt er.

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Weil sie zum Teil Originalmaterial von den Bodycams der Terroristen nachgestellt hätten, sei der Dreh immer wieder unterbrochen worden, denn Schauspieler, darunter auch Raz selbst, konnten nicht weitermachen. Sie hätten geweint und nach Luft gerungen, so Raz. »Die Leute sollen fühlen, wie sich dieser Tag für die Israelis angefühlt hat.« Diese Staffel gehöre zu den wichtigsten Dingen, die er je geschrieben habe.

Er berichtet auch davon, wie er am 8. Oktober selbst in den Süden aufgebrochen sei, um Menschen zu retten. Und davon, dass die zivilgesellschaftliche Organisation »Achim Laneshek« (Waffenbrüder) die einzige gewesen sei, die nach dem 7. Oktober funktioniert habe. »Nicht die Regierung, nicht die Armee!« Der Teddybär ist wütend.

Am 8. Oktober fuhr er in den Süden

Auf die Frage, wie der 7. Oktober überhaupt habe passieren können, schießt Raz scharf: »Weil sie Bibi nicht geweckt haben«, sagt er sarkastisch. »Aber lassen Sie uns nicht über Politik reden.« Es sei eine Kombination von Dingen gewesen. »Dass wir die Hamas so lange mit Geld aus Katar finanziert haben, dass wir blind waren, dass wir uns auf den Libanon und Iran konzentriert haben …« Die kommende Knesset-Wahl am 27. Oktober sei die wichtigste in der Geschichte des Landes. Die Regierung habe das Volk gespalten und anders als Geheimdienste und Armee keine Verantwortung für den 7. Oktober übernommen. »Ich hoffe, dass diese Wahl etwas Gerechtigkeit bringt und in Israel eine neue, optimistischere Ära beginnt. Das Wichtigste ist, dass wir zusammenstehen.«

Man wird das Gefühl nicht los, dass die Zeit der Beschwichtigung
vorbei ist.

Auf Katar kommt er mehrfach zu sprechen: »Vor 20 Jahren hat ein Krieg begonnen, von dem wir nichts wussten, als Katar anfing, an Universitäten zu spenden und gegen Israel zu hetzen.« Der Anti-Zionismus habe in diesen Universitäten begonnen, die Katar unterstützte.

»Wir müssen alle kleine Botschafter Israels sein«, wird ein Zuschauer gegen Ende des Abends sagen. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass die Zeit der Beschwichtigung vorbei ist. »Es gibt so viele ältere Menschen, die in Angst leben und sich Sorgen darüber machen, was überall gerade passiert«, hat Yoram Roth, der Präsident von Taglit Deutschland, zu Beginn der Veranstaltung gesagt. »Dabei ist es doch viel spannender, sich auf die Hoffnung zu konzentrieren, auf das Potenzial – und es ganz einfach darum gehen zu lassen, den jungen Menschen diese Chance zu geben und zu sagen: ›Hey, wir werden richtig coole Sachen auf die Beine stellen.‹«

»Yalla!«, würde Doron sagen. Mehr als eine Stunde hat Raz gesprochen. Nach einem freundlichen »Schana Towa« verlässt er mit konzentriertem Blick den Saal und macht sich auf den Weg zum Flughafen, um nach Israel zurückzukehren. Das ist der Zeitpunkt, wenn die Gäste sich wieder an ihre Mobiltelefone trauen und nach einem Blick auf das vorläufige Wahlergebnis aus Sachsen-Anhalt wieder auf Pre-Raz-Größe zurückschrumpfen. Aber das immerhin mit dem Wissen, dass Wachsen möglich ist.

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