PRO – Noga Hartmann: »Jüdische Kinder haben ein Recht auf Normalität«
Kinder haben ein Recht auf einen Schulalltag, in dem ihre Identität selbstverständlich ist. Es sind nicht die jüdischen Kinder, die lernen sollten, mit Antisemitismus umzugehen. Die Schule sollte vielmehr ein Ort sein, an dem sie gar nicht erst zur Ausnahme gemacht werden. Ein Ort, an dem Jüdischsein keine private Besonderheit ist, sondern Teil eines gemeinsamen Normalzustandes. Hebräisch, jüdische Tradition und Geschichte sowie Israel-Kunde gehören zu diesem Alltag, nicht als Zusatz, sondern als unbedingter Teil moderner Bildung.
In einer Zeit globaler Unsicherheit, nach Pandemie, Kriegen und dem 7. Oktober 2023 wird deutlich, wie verletzlich auch jüdische Kinder geworden sind, wenn ihre Identität nur noch im Privaten existiert. Schulen, die jüdisches Leben sichtbar machen, bieten Sicherheit und Schutz.
An einer jüdischen Schule muss ein Kind nicht erst erklären, warum es an Jom Kippur fehlt, warum es kein Schweinefleisch isst, weshalb die Familie nach Israel reist oder warum bestimmte Ereignisse emotional anders bewertet werden. Jüdischen Schulen kommt die Aufgabe zu, Kindern ein Gefühl von Zugehörigkeit, Stabilität und Stolz zu vermitteln. Vielleicht ist das umso wichtiger, als dass in einer Welt mit brüchigen moralischen Orientierungspunkten diese Werte unverzichtbar geworden sind.
Viele Eltern fragen mich, ob jüdische Bildung zulasten der akademischen Leistung geht.
Im Gegenteil: Jüdische Bildung stärkt die intellektuellen Fähigkeiten, die Kinder heute brauchen: kritisches Denken, logische Analyse, Resilienz und die Kompetenz, komplexe Zusammenhänge zu verstehen.
Die jüdische Tradition des Fragens, des Diskutierens und Textlernens ist ein einzigartiges Trainingsfeld für analytisches Denken. Nicht zufällig wird der Talmud oft als Beispiel für logische Struktur und Problemlösung genannt.
Jüdische und allgemeine Bildung sind keine getrennten Welten. Sie ergänzen und verstärken einander. Kinder, die eine starke Identität besitzen, lernen mit mehr Selbstvertrauen, Neugier und innerer Beständigkeit. Sie wissen, wer sie sind – und genau das macht sie offen für die Welt. Eine Schule, die jüdische Werte vermittelt, nimmt nichts von der akademischen Zeit. Sie fügt etwas Wesentliches hinzu: einen moralischen Kompass, der jungen Menschen Orientierung gibt.
»Jüdische Bildung stärkt die intellektuellen Fähigkeiten, die Kinder heute brauchen.«
Noga Hartmann
Wenn sich Wissen ständig verändert und erweitert, sind Identität und Werte die eigentlichen Konstanten. Jüdische Schulen geben Kindern genau das: die Fähigkeit, sich in einer globalen Welt sicher zu bewegen, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Eine starke jüdische Identität und gesellschaftliche Integration sind kein Widerspruch.
Im regelmäßigen Austausch mit Eltern zeigt sich oft, dass die Frage nicht nur lautet: »Welche Schule ist gut?«, sondern auch »Wer soll mein Kind in 20 Jahren sein? Wird es den Mut haben, für Wahrheit einzustehen? Wird es ein moralisches Leben führen? Wird es ein stabiles Zuhause aufbauen? Wird es mit seiner jüdischen Identität verbunden bleiben? Werden wir jüdische Enkelkinder haben?«
Jüdische Schulen sind Teil einer jüdischen Infrastruktur: Gemeinden, Synagogen, Jugend- und Hochschulgruppen, Sportvereine und Kultureinrichtungen. Wenn jüdische Kinder diese Institutionen nicht kennenlernen und nutzen, wird jüdisches Leben langfristig schwächer. Eine lebendige Diaspora braucht Institutionen, in denen jüdisches Leben nicht erklärt, sondern gelebt wird.
Diese Fragen berühren nicht nur die Zukunft des einzelnen Kindes, sondern die Zukunft jüdischen Lebens in der Diaspora. Eine Schule, die jüdische Identität stärkt, bereitet Kinder nicht nur auf die Universität vor, sondern auf das Leben an sich – sei es akademisch, emotional, ethisch oder gemeinschaftlich.
Heute, da jüdische Studierende weltweit erleben, wie Universitäten zu Orten der Ausgrenzung werden können, ist eine starke Identität kein Luxus. Kinder, die wissen, wer sie sind, lassen sich nicht so leicht von Feindbildern oder populären Narrativen mitreißen. Sie stehen stabiler, denken klarer und handeln verantwortungsbewusster.
Jüdische Bildung vermittelt nicht nur Wissen, sondern verbindet Herz und Verstand. Sie hilft Kindern und Jugendlichen, nicht nur dabei, gute Schülerinnen und Schüler zu werden, sondern verantwortungsvolle Menschen, die Empathie, Gemeinschaftssinn und moralische Klarheit besitzen.
Es geht letztlich nicht darum, ob jüdische Kinder in einer jüdischen oder in einer nichtjüdischen Welt aufwachsen sollen. Eine jüdische Schule ist keineswegs eine abgeschottete Schule, sie sollte im Idealfall ein starkes Zuhause sein und die Fähigkeit vermitteln, gestärkt hinausgehen zu können. Das sollte für Kinder selbstverständlich sein.
Jüdische Kinder haben ein Recht auf diese Normalität. Und jüdische Bildung kann der Weg sein, diese zu schaffen.
Noga Hartmann hat langjährige pädagogische Erfahrung in Israel, Berlin und Frankfurt am Main. Seit 17 Jahren wirkt sie als Schulleiterin. Aktuell leitet sie die Grundschule der I. E. Lichtigfeld-Schule in Frankfurt am Main.
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CONTRA – Marina Chernivsky: »Für Familien ist es wichtig, bei der Schule eine Wahl zu haben«
Es gibt in der nichtjüdischen Wahrnehmung diese bemerkenswerte Fantasie der jüdischen Abwesenheit. Sie taucht in Sätzen auf wie »Wir haben hier keine jüdischen Schüler« oder auch in der Überraschung, doch ein jüdisches Kind kennengelernt zu haben. Als könnten jüdische Kinder nicht einfach selbstverständlich überall sein. Selbst wenn das demografisch stimmen würde, hat diese Annahme eine lange Tradition. Eine, die vom Verschwundensein von Juden ausgeht und zugleich den Verlust von Erfahrung zeigt, den Nichtjuden mit Juden haben.
Aus diesem Grund und bei all den Vorzügen, die eine jüdische Schule hat, möchte ich betonen, dass es ebenso nichtjüdische Schulen braucht, die es schaffen müssen, inklusive Räume für jüdische Kinder zu sein, die ihre Namen, ihre Sprache, ihre Feste und ihren Schutzbedarf hören, selbst wenn diese nicht explizit versprachlicht wurden. Weil Schulen solche Räume sein könnten. Weil Diversität und Schutz auch jüdische Kinder meint.
Angelehnt an den britischen Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott ließe sich hier von einem »holding environment«, einem sogenannten haltenden Raum, sprechen: einem Ort, an dem jüdische Kinder nicht ständig überlegen müssen, welche Teile ihrer Identität sie von sich zeigen können oder dürfen und welche besser nicht. Im Idealfall ein Ort, an dem auch jüdische Kinder Anerkennung erfahren und vor Diskriminierung geschützt werden.
Was bedeutet es aber, wenn ein solcher Raum nicht »hält«? Wenn Erwachsene, die ihn mittragen, scheitern oder selbst sogar übergriffig werden? Wenn sie nicht einschreiten, wenn ein Großkonflikt im Nahen Osten plötzlich mit jüdischen Kindern in Deutschland verbunden wird und diese Verbindung grundlos ist?
Denn Antisemitismus ist grundlos, und die Personifizierung selbst gehört zu seinen Grundstrukturen: Ein jüdisches Kind, seine Sprache, seine Herkunft werden zum ultimativen Träger eines Konflikts gemacht, den es weder verursacht hat noch lösen kann. Oder weil antisemitische Introjekte längst zu eigenen Deutungen geworden sind und sich die antisemitische Interpretation immer wieder neu anbietet? Dann geht es nicht mehr nur um einen konkreten Vorfall, sondern um etwas, das als antisemitische Atmosphäre bezeichnet werden kann.
»Ich möchte daran festhalten, dass auch nichtjüdische Schulen diese Räume halten können.«
Marina Chernivsky
Es gibt Schulen, die es schaffen, sich dem Problem zu stellen. Es müssten aber viel mehr sein. Ich möchte daran festhalten, dass auch nichtjüdische Schulen mit entsprechender Begleitung und Beratung solche Räume herstellen können.
Im Grunde möchte ich gar keine Contra-Stimme sein. Ob jüdische Schulen und jüdische Räume notwendig sind, ist für mich keine Frage. Ich halte sie für unverzichtbar. Es braucht jüdische Machanot, jüdische Schulen, jüdische Orte, auch wenn jüdisch hier unterschiedlich gedeutet werden kann.
Es braucht jüdische Orte, nicht nur, weil es Gewalt gibt und soziale Räume immer enger werden, oder, wie es oft heißt, Bedrohung und Angst vorherrschen. Über diese Angst wird dabei so gesprochen, als dürfte sie nicht hier sein. Aber manche haben Angst, sie ist berechtigt. Es ist nicht zwingend diese lähmende Angst, sondern es geht vielmehr um ein Frühwarnsystem, das nicht aus der Fantasie allein entsteht, sondern durch Erfahrung genährt wird. Vielleicht ist es manchmal nur ein Hauch von Sorge, vielleicht erscheint manches auch übertrieben. Nach dem 7. Oktober 2023 war es auf der einen Seite die Angst jüdischer Eltern, ihre Kinder morgens in deutsche Schulen zu schicken, oder auf der anderen Seite die Sorge, dass jüdische Einrichtungen zu einer möglichen Zielscheibe werden.
Aber nicht nur wegen potenzieller Gewalt braucht es jüdische Schulen. Es geht auch um die Möglichkeit, als ganzer jüdischer Mensch selbstverständlich alle Teile der eigenen Identität zu leben. An einer nichtjüdischen Schule werden diese jüdischen Anteile nicht zwangsläufig gespiegelt. Dazu gehört das Gefühl von Gemeinschaft und Verbindung – das, was im Hebräischen »kehila« genannt wird, Gemeinschaft. Es geht auch um jüdische Traditionen, die jüdische Kinder an anderen Schulen nicht erfahren können.
Eine jüdische Schule ist allerdings nicht nur ein geschützter oder konfliktfreier Raum. Auch dort gehört alles andere dazu: Streit, Differenzerfahrungen und Diskriminierung untereinander. Es braucht die jüdische Schule auch deshalb, weil sie stärken und ermutigen kann, in der Diaspora gleichzeitig jüdisch und Kind zu sein, mit anderen jüdischen Kindern zu wachsen, ohne diesen einen Teil der eigenen Identität erklären, abwägen oder verbergen zu müssen.
Für Familien ist es vor allem wichtig, eine Wahl zu haben und frei genug zu sein, die schulische Umgebung nicht nur am Kriterium Antisemitismus oder Gewalt messen zu müssen. Die Fälle, die wir bei OFEK nahezu täglich bearbeiten, zeigen jedoch leider deutlich, wie weit wir noch davon entfernt sind. Aber die Vorstellung möchte ich trotzdem nicht aufgeben.
Marina Chernivsky ist Psychologin und Antisemitismusforscherin, sie leitet das Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) sowie die Beratungsstelle OFEK e.V.
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