Als die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl am Sonntagabend liefen, war Max Privorozki noch in der Jüdischen Gemeinde Halle beschäftigt, denn sonntags ist – gerade vor den Hohen Feiertagen – immer der Tag, an dem mit am meisten in dem Gebäude unweit des Stadtzentrums los ist, sagte der Gemeindevorsitze am Dienstag in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Um das anstehende jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana sollte es allerdings nur marginal gehen, denn im Mittelpunkt stehen nach wie vor die Ergebnisse der Landtagswahl, die in dem kleinen Bundesland zwischen Niedersachen und Brandenburg.
Privorozkis Fazit nach den Wahlen: »Wir leben nicht in Lewis Carolls Wunderland. Das Wunder ist ausgeblieben. Die Prognosen waren – plus minus – korrekt.« Als Wähler sei er enttäuscht gewesen, dass die Partei, die er gewählt hat, so schlecht abgeschnitten habe, sagte Privorozki.
Man müsse über die Gründe nachdenken, warum sich 43,8 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die AfD entschieden haben, sagte Privorozki. Es sei nicht so, dass diese Wähler die gleiche Einstellung der Partei haben, vermutet der Gemeindevorsitzende. Sie seien eventuell auch enttäuscht davon, was die Bundesregierung – auch die von Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel – gemacht hat. Das sei er selbst auch, aber er habe deswegen nicht der AfD seine Stimme gegeben. Menschen suchten sich immer Alternativen, wenn ihnen das, was sie erlebten, nicht gefiele.
»Ich wage keine Prognosen über etwas völlig Unbekanntes.«
Viele dachten vielleicht, man müsse etwas ändern, gerade weil es permanent schlechte Nachrichten gibt, sei es aus dem Bereich der Bildung, wie kürzlich erst die Ergebnisse der PISA-Studie, seien es Verspätungen bei der Bahn, Lehrer- oder Ärztemangel. Diese Probleme bestünden in unserer Gesellschaft seit Jahren und sie würden nicht gelöst. »Man sucht Alternativen. Ob diese Alternative allerdings hilft, das ist die andere Frage«, unterstrich Privorozki.
Eine Prognose, inwiefern das jüdische Leben in Sachsen-Anhalt durch diese Wahl in Gefahr sei, darauf wollte sich Provorozki nicht festlegen. »Ich wage keine Prognosen über etwas völlig Unbekanntes.« Aus Erfahrung wisse er aber, dass in Ländern mit autoritären und totalitären kommunistischen und faschistischen Regimen Religionsfreiheit unmöglich war. Privorozki kam vor über 35 Jahren aus Kiew nach Halle. Zwei Städte, die er liebt. Aber er verließ Kiew, weil er nicht in einem unfreien Land leben wollte. »Ich werde die wunderschöne Stadt Halle nicht verlassen, solange wir in einer freien Gesellschaft leben. Ob es so bleib, das hängt von uns allen ab.« Auf gepackten Koffern sitze er nicht, obwohl das Gefühl, auf gepackten Koffern zu sitzen, für Juden nichts Neues sei. Sachsen-Anhalt sei ein demokratisches Land, und er hoffe und erwarte, dass es auch so bleibt. kat