Anna sitzt am Tisch. Ihre Hände liegen im Schoß, die braunen Haare werden von einem blassen Tuch gehalten. Es passt zu ihrem Kleid, zu ihrem Schmuck, zu ihrem Lippenstift. Anna liest gern, wird sie später erzählen. Stefan Zweigs Die Welt von Gestern zum Beispiel. Das Buch hat die studierte Ingenieurin, die heute sechsfache Urgroßmutter ist und vor über 70 Jahren in der geografischen Mitte der damaligen Sowjetunion, in Krasnojarsk, zur Welt kam, auf Deutsch gelesen. Auf Deutsch. Eine Sprache, die sie erlernt hat. Nicht als Kind in der Großstadt am Jenissei, sondern als Erwachsene in Magdeburg, einer anderen Großstadt an der Elbe, die vor über 30 Jahren, nachdem sie mit ihrer Familie als Kontingentflüchtlinge in den 90er-Jahren nach Deutschland kam, ihr Zuhause geworden ist.
Anna sitzt am Tisch, hebt ihre Hände, als wolle sie etwas zeigen, und sagt: »Wir sind nach Deutschland gekommen, um frei unsere jüdische Identität leben zu können. Und heute müssen wir wieder darüber sprechen, ob jüdisches Leben hier sicher ist.« Manchmal habe sie das Gefühl, dass »sich ein Kreis auf tragische Weise schließt«. Danach ist es still. Alexander, Khalida, Inessa blicken in den Raum. Ein Flügel steht in der Ecke, manchmal spielt Khalida darauf. An der Wand hängt ein Bild, das Alexanders Sohn gemalt hat.
Jeder hier kennt Berichte von Erwachsenen, von Schülern, die wegen ihres Jüdischseins angepöbelt, beschimpft und körperlich angefallen wurden.
Es wirkt wie ein Blick nach oben durch eine aufgebrochene Mauer. Wie Freiheit. Vielleicht auch die Freiheit, die Anna meint? Jeder hier in der Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg kennt Berichte von Erwachsenen, von Schülern, die wegen ihres Jüdischseins, wegen Israel, wegen eines Anhängers angesprochen, angepöbelt, beschimpft und körperlich angefallen wurden. Jeder weiß, warum die Jugendlichen im Sommerferienlager vielleicht eher keine Lieder zum Schabbat singen. Und jedem ist bewusst: Wenn sich die Tür der Gemeinde öffnet, verlässt man das sichere Haus, das es über die Jahre hinweg immer mehr geworden ist.
Sie ist keine Frau, die Angst hat, wenn sie nach draußen tritt
Inessa Myslitska ist aber keine Frau, die Angst hat, wenn sie nach draußen tritt. Die Vorsitzende der Synagogen-Gemeinde strahlt, wenn es um ihr Magdeburg und das jüdische Leben geht, trotz aller Herausforderungen eine innere Ruhe und Bestimmtheit aus. »Die jüdische Gemeinschaft ist kein Gast in diesem Land. Wir haben hier eine Geschichte von vielen Jahrhunderten. Das kann man nicht verleugnen«, sagt Myslitska. Sie vertraut auf die Kraft der Magdeburger, auf den Freundeskreis der Synagoge, auf die Bürger, die sie einst mit einer Menschenkette vor einer Demo von Rechtsextremen schützten. Sie hoffe, sagt Inessa Myslitska. Immer wieder. Sie hoffe. Manchmal klingt sie erschöpft, aber nie hilflos.
Hoffnung ist ein Wort, das dieser Tage häufig in Unterhaltungen über die anstehenden Landtagswahlen in den jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt zu hören ist. Auch »abwarten«, »sehen, was passiert«, »wenn überhaupt« – Worte, die die Säulendiagramme, die es erst am 6. September um kurz nach 18 Uhr geben wird, schon jetzt vor Augen holen. Darüber, was eventuell kommen könnte, wird nachgedacht. Gesprochen wird wenig, befürchtet wird viel.
Obwohl die Landtagswahlen im achtgrößten Bundesland das Thema auch über die Landesgrenzen Sachsen-Anhalts hinaus sind, sind die Jüdischen Gemeinden nicht der Ort, an dem das täglich diskutiert wird. Gemeindemitglieder sehen die Plakatierungen in den Innenstädten, sie schauen Nachrichten, sind informiert und die, die wählen dürfen, werden es auch tun.
Die Gemeinde ist für viele wie ein Zuhause, ein geschützter Ort
Die Gemeinde ist für viele wie ein Zuhause, ein geschützter Ort, ein Haus, in dem die Politik draußen bleiben darf, kann und soll. Nicht nur in Magdeburg. Auch in Halle, auch in Dessau. Der Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt umfasst über 1100 Mitglieder, er ist einer der kleineren, der sich nicht wegduckt. Ende Juni veröffentlichte er sogenannte Wahlprüfsteine, sieben Fragen zu jüdischem Leben im Bundesland und zu den deutsch-israelischen Beziehungen. »Alle Parteien haben zugestimmt, dass wir diese Antworten publizieren. Jeder kann lesen und für sich Schlussfolgerungen ziehen«, sagt Max Privorozki, Gemeindevorsitzender in Halle.
Sein Büro ist nur wenige Minuten vom Stadtzentrum Halle mit seinem riesigen Marktplatz, den ratternden Trams und den vollen Eis-Cafés entfernt. Privorozki sitzt in seinem Zimmer, es ist leise. Das Haus, in dem sonst die Kinder der Sonntagsschule zu hören sind, in dem Menschen in der Sozialabteilung geholfen wird, in dem sich Gemeindemitglieder Bücher ausleihen können und in dem Jugendliche einfach mal zwischen Billardtisch und Kostümfundus chillen können, erlebt die letzten Sommerferien-Tage.
Privorozki ist jemand, der Sicherheit ausstrahlt, der anpacken will, der ein Telefon am Ohr, ein anderes in der Hand hat. Er weiß, dass es bis zur Synagoge exakt zehn Minuten sind – nicht zehneinhalb –, er fährt so Auto, dass er deswegen nicht mit der Polizei sprechen muss, scherzt er und wird schnell wieder ernst: Der Kontakt zur Hallenser Polizei sei sehr vertrauensvoll. Seit dem Anschlag am 9. Oktober 2019 in der Synagoge ist die Gemeinde besonders bewacht. Die Kinder der Sonntagsschule, die Jugendlichen und alle, die in die Gemeinde möchten, sind an Kameras irgendwie gewöhnt. Sie müssen, denn ohne geht es nicht.
Gesprochen wird wenig, befürchtet wird viel.
Wie wird es also nach dem 6. September sein? Privorozki wartet nicht lange mit der Antwort: »Wenn (!) es dazu kommt, dass es eine neue Regierung gibt, bleiben wir hier; wir sind auf eine Zusammenarbeit angewiesen. Ich sehe keine Möglichkeit, dass wir eine neue Landesregierung einfach ignorieren. Das schaffen wir nicht. Wir werden sehen, in welcher Form das sein wird. Wir müssen sehen, was passiert. Es kann sein, dass es alles nicht so schlimm wird, wie wir es uns jetzt vorstellen. Ich sage: Warten wir ab.«
Er ist Mathematiker und sagt selbst: »Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Wenn … , dann …« – diese Bedingung verkörpert er, sie helfe ihm, Dinge zu bewerten. Und zu beobachten, denn die Stimmung in der Gemeinde sei »insgesamt schwer – ganz unabhängig von den Landtagswahlen. Die Kriege in Israel, in der Ukraine, die belasten unsere Mitglieder. Sachsen-Anhalt ist nicht ein eigener Planet, und die Wahlen haben – in den Gesprächen hier – keine Priorität«. Wahlempfehlungen gebe er nicht, er selbst brauche auch keine Wahlprüfsteine, denn seit vielen Jahren wähle er »eine von zwei Parteien, aber ich verrate nicht, welche«.
Max Privorozki versucht, die Politik aus der Gemeinde herauszuhalten
Privorozki versucht, die Politik aus der Gemeinde herauszuhalten. »Ob das richtig ist oder nicht, das ist eine andere Frage. Aber ich sehe es so: Die Aufgabe einer Gemeinde ist nicht die Politik, sondern Religion, Soziales, jüdische Kultur.« Eine Israel-Reise stehe zum Beispiel an, im Oktober. Acht Tage, im nächsten Jahr elf. Privorozki erinnert sich selbst gern an einen Moment, den er in Israel erlebt hat: den Wechsel von Jom Hasikaron zu Jom Haazmaut. »Ich wünsche es unseren Gemeindemitgliedern, dass sie das einmal selbst erfahren«, sagt er, während sein Kopf jede Silbe nickend bestätigt.
Wenn Privorozki vor der Tür im Hof der Synagoge steht – heute ist sie ein Denkmal – , die beim Anschlag 2019 gehalten hat, dann bewegt er seine Augen kein bisschen weg von dem dunkelbraunen Holz. Es ist ein Thema, das ihm nahe geht, worüber er auch spricht, »aber nur kurz«, und das nicht, weil er keine Zeit hat. »Ich sage das nicht so sehr oft, aber in mir habe ich schon dieses Gefühl, dass zwei Menschen tot sind, und ich – also, das ist irgendwie das Gefühl, dass jemand ermordet wurde, und du bleibst am Leben.« Den Schabbat danach werde er niemals vergessen. 2000 Menschen kamen damals. »Wir sind nicht in Berlin, nicht in New York, nicht in London. 2000 Menschen sind zur Synagoge gekommen, um uns zu unterstützen. Spontan.« Ob es heute auch Unterstützung gäbe? Wird es zukünftig Unterstützung geben?
Halle ist neben Magdeburg eine junge Stadt in Sachsen-Anhalt. Der sogenannte Altenquotient des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt liegt in Halle bei 37,76 – auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter kommen etwa 38 Menschen ab 65 Jahren. In Dessau ist es eine andere Situation: Dort kommen auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter etwa 53 ältere Menschen. Und das bereitet Alexander Wassermann große Sorgen.
Der Vorsitzende der Gemeinde denkt zuallererst daran, mehr als an die Wahlen. »Wir haben in unserer Gemeinde viele ältere Menschen. 21 Personen sind bereits älter als 90 Jahre. Das ist für uns insofern ein Problem, als dass wir nicht wissen, wie es in Zukunft weitergehen wird und welche Perspektiven unsere Gemeinde hat«, sagt Wassermann, der in den 90er-Jahren aus Taschkent in die Bauhaus-Stadt kam. In den vergangenen Jahren seien kaum neue Mitglieder gekommen. »Wir haben zwar elf jüdische Menschen aus der Ukraine aufgenommen, aber insgesamt gibt es weiterhin nur wenige neue Mitglieder.« Diese Sorge treibt den studierten Sportmediziner um.
19 Bilder, die zeigen, was die Gemeinde in den vergangenen Jahren noch mehr hat zusammenwachsen lassen
Wenn er durch das Foyer der 2023 eröffneten Synagoge geht, immer mit flottem Schritt, dann kommt er an 19 Bildern vorbei. 19 Bilder, die zeigen, was die Gemeinde in den vergangenen Jahren noch mehr hat zusammenwachsen lassen: der Neubau der Synagoge, die 2023 eröffnet werden konnte. Sie ist eine Schönheit mit ihrer Kupferfassade, die zwischen dem fast leer stehenden Block von Vierstöckern und der nahe gelegenen Mulde glänzt.
Kurz vor Schabbat ist es ruhig in der Gemeinde. Auf dem Tisch im Kidduschraum liegt eine blau-weiße Tischdecke. Wasser, Wein, später wird es hoffentlich voller werden. Alexander Wassermann wird an seinem Lieblingsplatz in der Synagoge sitzen. Die Gemeinde, das sei für ihn auch sein zweites Zuhause, sagt Wassermann. Auch deswegen betont er, dass sie eben keine »politische Organisation, sondern eine religiöse Institution« sei.
Er versuche, »die Gemeinde für alle Interessierten zu öffnen und einen Beitrag zum kulturellen Leben in unserer Region zu leisten«.
Er versuche, »die Gemeinde für alle Interessierten zu öffnen und einen Beitrag zum kulturellen Leben in unserer Region zu leisten«. Lena zum Beispiel macht das auf ihre ganz eigene Weise: Sie ist für die Galerie der Gemeinde verantwortlich und zeigt geduldig alle Werke, alle Bilder, alle Bücher, die das kleine Museum nebenan ausstellt. Wenn die Ferien vorbei sind, dann proben weiter oben im Haus wieder Jugendliche der Gemeinde, und wenn der Rabbiner zu Schabbat kommt, hat er einen eigenen schlichten Raum, ein Bett, eine Kommode von einst.
Über den Flur sieht man das Fenster, an dem Aron Russ, der Geschäftsführer der Gemeinde, manchmal steht und einen Moment über die Dächer von Dessau blickt. Russ kam als Kind nach Deutschland, wurde direkt eingeschult, studierte später Soziologie. Er ist ein politischer Mensch, der die Gesellschaft beobachte und dem das Wohl der Gemeinde am Herzen liege. Für ihn ist es wichtig, zu seiner jüdischen Identität zu stehen. Trotzdem sei er vorsichtiger geworden, wo er was sage.
Eine Vorsicht, die Teil des Alltags geworden ist – nicht nur in Sachsen-Anhalt. Es ist dieser Kreis, von dem Anna aus Magdeburg spricht, der sich tragischerweise zu schließen scheint. Ob er sich wieder öffnet, ist auch eine Frage der Wahl.