Ehrenamt

Zeit für andere

Hand in Hand: Ehrenamtliche Mitarbeiter sind für jüdische Einrichtungen und Organisationen generell wie kleine Wunder. Foto: Getty Images

Eine Kugel Schokoladensorbet, eine Kugel Kokos und eine Mango, in der Waffel und ein paar Streusel noch obendrauf. Und dann chillen? Im Gegenteil: Für Romy, Lara und Frieda geht es dann erst richtig los, denn die drei jungen Frauen, die gerade ihr Abitur am Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn abgelegt haben und derzeit auf den Beginn des Studiums warten, bringen Berlinern, Touristen oder Interessierten jüdisches Leben nahe – mit Eis.

»Jüdisches Leben erleben statt urteilen – Ein verbindender Stadtspaziergang mit Eis« heißt das Projekt der drei, für das sie am 2. September mit dem Ehrenamtspreis für jüdisches Leben in Deutschland ausgezeichnet werden. Ein Preis, der 2022 vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung ins Leben gerufen wurde. Eine sechsköpfige Jury wählte die drei unter
70 Bewerbern aus.

»In besonderer Weise um bürgerschaftliches und ehrenamtliches Engagement verdient gemacht«

Zum vierten Mal werden »Organisationen oder Initiativen geehrt, die sich in besonderer Weise um bürgerschaftliches und ehrenamtliches Engagement verdient gemacht haben, das jüdisches Leben in Deutschland stärkt und besser sichtbar macht«. So wie eben das Projekt von Romy, Lara und Frieda. Oder der Verein »Kölner Forum für Kultur im Dialog« um Claudia Hessel und Ulrike Neukamm, der alle zwei Jahre das Festival »Shalom-Musik.Koeln« auf die Beine stellt. Auch dieser Verein wird mit dem Ehrenamtspreis ausgezeichnet, und sowohl für die Kölnerinnen als auch für die Berlinerinnen war es eine Überraschung, dass ausgerechnet ihr Projekt gewonnen hat.

»Wir waren alle sehr überrascht. Das haben wir nicht so erwartet«, erzählt Lara, die bald ihr Physikstudium beginnen möchte. »Wir haben uns wirklich gefreut und fanden es auch toll, weil es nicht immer ganz einfach war, die Spaziergänge neben den Abivorbereitungen durchzuführen.« Und auch Ulrike Neukamm erinnert sich noch sehr genau an den Moment, in dem sie erfuhr, dass ihre Kollegin und sie den Preis bekommen werden: »Wir haben uns natürlich riesig gefreut. Und natürlich ist das auch wirklich eine Anerkennung unserer Arbeit. Es war und ist nach wie vor ein kleines Wunder.«

Ehrenamtliche Mitarbeiter sind für jüdische Einrichtungen und Organisationen generell wie kleine Wunder. Es sind Menschen, die ihre Zeit, manchmal neben dem Job, manchmal nach dem Arbeitsleben und – wie bei Romy, Lara und Frieda – manchmal eben auch mitten im Abitur für andere Menschen spenden. Selbstverständlich ist das in Deutschland bei Weitem noch nicht, obwohl die Zahl der Engagierten mit rund 26,97 Millionen Menschen recht hoch erscheint. Prozentual sind es 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, die sich laut dem aktuellen »6. Deutschen Freiwilligensurvey« engagieren.

Aus 70 Bewerbungen wurden die Gewinner ausgewählt.

In den jüdischen Gemeinden bildet das Ehrenamt, wie es in einem Post der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) zum bundesweiten »Ehrentag« am 23. Mai hieß, »das Herzstück. Ohne die zahlreichen Ehrenamtlichen, die sich in den Gemeinden – ob im Jugendzentrum oder im Seniorenklub – engagieren, wäre vieles nicht möglich«.

Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fest im Gemeindeleben eingebunden

In der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach sind ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fest im Gemeindeleben eingebunden. Leah Floh, die Vorsitzende der Gemeinde, bringt es auf den Punkt: »In allen Bereichen gibt es Ehrenamtliche. In der Sozialabteilung, in der Küche, auf den Friedhöfen.« Sogar eine ehrenamtliche Friseurin und eine Schneiderin kommen in die Gemeinde.

Unter den über 30 Ehrenamtlichen finden sich auch ehemalige Deutschlehrer, die Sprachkurse für die Gemeinde geben, und eine 85-jährige Überlebende der Schoa und der Leningrader Blockade, die zur Geschichte der Juden in Mönchengladbach vor der Schoa forscht. Wenn jemand für einen bestimmten Bereich gesucht werde, erläutert Floh, »dann hängen Zettel an der Pinnwand, oder es steht in der Gemeindezeitung«.

Die Ehrenamtlichen besuchen dann eine Schulung der ZWST, und danach kann es für die Frauen und Männer losgehen, die meist schon viele Arbeitsjahre hinter sich haben. Bei den Hol- und Bringdiensten, die Gemeindemitglieder zu Kursen oder Veranstaltungen fahren, sind die Ehrenamtlichen allerdings etwas jünger. Ein Schwerpunkt beim ehrenamtlichen Engagement in der Gemeinde liegt im Bereich Soziales: Anträge, die ausgefüllt werden müssen, Hilfe für pflegende Angehörige – niemand soll alleingelassen werden.

Ehrenamt auch künstlerisch umsetzen

Wie Ehrenamt auch künstlerisch umgesetzt werden kann, wollen Ulrike Neukamm und ihre Kollegin mit dem Festival »Shalom-Musik.Koeln« zeigen. Zehn Tage lang kann das Publikum unter dem Motto »Zuhören« genau das tun, nämlich jüdischer Musik zuhören. »Jüdisches Leben heute sichtbar machen« – das ist der Wunsch der Oboistin, für die das Ehrenamt »einfach sehr befriedigend« ist.

Es komme, sagt sie, beim Ehrenamt nicht auf eine Menge an, »sondern es kommt auf die Einstellung an. Wir leben in einer Zeit, in der sehr oft vor allem das Ich zählt. Ich versuche, etwas für die Gesellschaft zu tun, denn ich bin ein Teil davon. Und wenn ich mir das leisten kann, weil ich einen Beruf habe, mit dem ich mein Geld verdiene, aber mich an einem Tag in der Woche oder an einem Tag im Monat für eine Sache engagiere, dann finde ich das sehr erfüllend«. Außerdem sei es schön zu sagen: »Ich kann etwas zurückgeben.«

»Das Ehrenamt ist für mich eine Art Zedaka.«

Wolf Klatt

Auch Wolf Klatt betont den Aspekt des »Zurückgebens«, wenn er über das Ehrenamt spricht: Der Arzt ist Judoka und engagiert sich ehrenamtlich bei Makkabi. »Ich bin in der medizinischen Betreuung tätig. Aber ursprünglich bin ich – wie sich das für Makkabi gehört – über den Sport zum Verein gekommen.« In den vergangenen Jahren baute er die Judo-Abteilung auf und betreute bei der Maccabiah auch schon mal die Basketballer – einen bunten Aufgabenstrauß nennt es Klatt. »Das Ehrenamt ist für mich meine Zedaka. Und auch mein Zurückgeben im größeren Sinne.«

Die Aufgabe erfülle ihn natürlich auf andere Weise als die Arbeit in der Klinik oder in der Praxis. »Für mich ist sie eine Art, sich für die jüdische Gemeinschaft zu engagieren. Wenn jeder etwas von dem, was er gut kann, macht, dann haben viele etwas davon.« Allerdings stellt sich Klatt auch generelle Fragen rund um das ehrenamtliche Engagement für die jüdische Gemeinschaft: »Ich glaube, das Engagement wäre da. Es ist die Frage, inwiefern es auch gewollt ist.« Und er sagt: »Das Ehrenamt darf auch professioneller sein. Alles kann man immer noch ein Stück besser machen.«

»Meine Freundinnen und ich machen das Projekt und verbringen Zeit miteinander«

Lara sieht ihr Engagement als eine schöne Kombination: »Meine Freundinnen und ich machen das Projekt und verbringen Zeit miteinander. Wir entwickeln die Routen und haben Freude dabei, anderen jungen Menschen darüber etwas zu erzählen. Wir verbinden das Angenehme, also uns zu sehen, mit dem Wichtigen, der Aufklärungsarbeit.«

Wenn sie zurückblickt, wie alles angefangen hat, dann erzählt sie nicht nur von dem Projekt des Berliner Anne Frank Zentrums, in dessen Rahmen sie die Spaziergänge mit Eisessen entwickelt haben, sondern sie erklärt auch, warum die drei Frauen mit jungen Menschen durch die Bezirke gehen: »Meine Freundin ist Jüdin, und wir haben einfach viel mitbekommen, was Antisemitismus angeht, insbesondere nach dem 7. Oktober 2023. In unserer Generation gibt es jede Menge Vorurteile, die auch durch Social Media verbreitet werden, und unsere Idee war es, unserer Generation einfach jüdisches Leben generell näherzubringen, um so Antisemitismus zu verringern.«

Ein Spaziergang durch die jüdische Geschichte, der nicht allzu lang ist – circa 60 Minuten – sei für ihre Generation passend. Durchschnittlich kommen zehn bis zwölf Menschen zu den Spaziergängen, mit einer Altersspanne von 17 bis über 50. Und die Idee mit dem Eis nehmen die drei angehenden Studierenden wörtlich: »Es dient als Eisbrecher, denn wir möchten dadurch vermitteln, dass es viele unterschiedliche Sorten Eis und viele unterschiedliche Meinungen gibt, über die man sich austauschen kann und die man akzeptieren kann. Genau so kommt man ins Gespräch.« Über viel mehr als Schokoladensorbet, Kokos oder Mango.

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