Neuanfang

Erste Klasse

Hermann Simon
Am 3. September 1955 – vor nunmehr knapp 71 Jahren – wurde ich eingeschult, und zwar in die damalige 2. Grundschule Berlin-Pankow. Ich erinnere mich an diesen Tag, an dem der Ernst des Lebens begann. Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie der Tag verlief, aber ein flaues Gefühl in der Magengegend hatte ich. Auf dem Treppenabsatz vor der Aula nahm die Klassenlehrerin der 1c, Frau Horstmann, ihre Schülerinnen und Schüler in Empfang, die an der Hand ihrer Eltern die Treppen hochgestiegen waren. Nach einer Begrüßung durch die Direktorin und dem Auftritt des Schulchors gingen wir – nun ohne Eltern – in unseren Klassenraum. Eine Schulstunde begann, die keine 45 Minuten dauerte, mir aber dennoch endlos lang vorkam. Wir lernten den Buchstaben A und wurden von der Lehrerin aufgefordert, Wörter zu bilden, die mit A begannen. Mein Heft mit den ersten Schreibversuchen hat, ebenso wie mein Federkasten, die Zeiten überdauert. Es schien mir damals unvorstellbar, dass ich nun mehr als ein Jahrzehnt zur Schule gehen würde. Später studierte ich Geschichte, wurde Historiker und war Gründungsdirektor der Stiftung Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum.

Rina Otterbach
Meine Einschulung wurde eher bescheiden gefeiert. Übrigens heißt es in Israel, wo ich aufwuchs, nicht Einschulung, sondern »Shalom Kita Alef«, übersetzt »Hallo, erste Klasse«. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich begleitete. Wir mussten paarweise in einer Reihe gehen, und die Lehrerin ermahnte die Mütter, uns nicht an den Händen zu halten. Obwohl ich kein schüchternes Mädchen war, wollte ich an ihrer Hand gehen. Das war im Jahr 1960. Eine Schultüte gab es bei uns nicht. Auch keine Schuluniform, die damals in größeren Städten Usus war. Ich habe meine Regionalschule geliebt, denn die Lehrerinnen – es gab nur wenige Lehrer – waren engagierte Zionistinnen. Sie unterrichteten mit viel Elan. Wir Schüler haben von ihnen viele Werte vermittelt bekommen, und vielleicht lag es an ihnen, dass einige von uns Lehrerinnen geworden sind. Die Schule lag weiter von meinem Zuhause weg, sodass ich von einem Bus abgeholt wurde. Autos besaßen damals die wenigsten. Später konnte ich noch einmal »Hallo, Schule« sagen, denn ich wurde Lehrerin und unterrichtete viele Jahre am Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin.

Svetlana Agronik
Ich wurde in Rostow am Don eingeschult. Damals lebte ich bei meinen Großeltern, da meine Eltern in Moskau arbeiteten. Als Kind war ich oft krank und besuchte selten einen Kindergarten. Vielleicht habe ich mich auch deshalb sehr auf die Schule gefreut. Mir wurde eine schöne Schuluniform gekauft, eine weiße Schürze mit Rüschen. Ich hatte einen langen Zopf, in den eine weiße Schleife eingewoben wurde. Der Schuldirektor gratulierte allen Kindern. Es war am 1. September 1961 so warm, dass wir alle im Hof begrüßt wurden. Es handelte sich übrigens um eine spezielle »englische« Schule, wir lernten ab der ersten Klasse Englisch. Ich mochte es, zu lernen. Meine Schuluniform für die Feiertage bestand aus einem braunen Kleid mit einer weißen Schürze und weißen Bändern im Haar, an normalen Tagen trugen wir Mädchen eine schwarze Schürze und schwarze oder braune Bänder im Haar. Es war die beste Schulzeit für mich. Antisemitismus habe ich in der Schule nicht kennengelernt. Das änderte sich allerdings, als ich nach zwei Jahren zu meinen Eltern nach Moskau zog. Glücklicherweise kamen meine Großeltern nach. Das taten sie meinetwegen, denn sie haben mich sehr geliebt. Dank dieser Liebe fühlte ich mich immer »geschützt«. Und dank ihnen hatte ich eine glückliche Kindheit. Nach der Schule studierte ich Biochemie. Jahre später emigrierte ich mit meiner Familie von Moskau nach Berlin. Dort leite ich heute das Integrationsprojekt »Impuls«.

Felix Gorelik
Ich war sehr aufgeregt. Am 1. September 1984, als Lettland noch Teil der Sowjetunion war, wurde ich in Riga eingeschult. Die Mädchen trugen große weiße Schleifen im Haar, die Jungen ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Uniform. Am ersten Schultag gingen wir Erstklässler zum Lenin-Denkmal und legten dort Blumen nieder. Ich ging gern zur Schule. Einen Klassenkameraden kannte ich bereits aus dem Kindergarten. Ich fand schnell viele neue Freunde. Unsere Lehrerin vermerkte im Klassenbuch hinter meinem Namen, dass ich Jude bin. Damit war ich nicht allein – bei zwei weiteren Kindern war das ebenfalls bekannt. Später erfuhr ich, dass in unserer Klasse noch viele weitere, sozusagen »heimliche« Juden waren. Zum Tag der Sowjetarmee mussten wir im Theater auf der Bühne Gedichte aufsagen und Lieder singen. Das Publikum interessierte sich jedoch kaum für uns: Die Erwachsenen lasen Zeitungen und unterhielten sich, oder sie speisten sogar. Diese Respektlosigkeit machte mich so wütend, dass ich mein Gedicht eher herausschrie, als es feierlich vorzutragen. Da erschraken plötzlich alle. Meine Schule gibt es heute noch – und auch meine damalige Lehrerin unterrichtet dort noch immer. Für mich war es trotz allem eine schöne Schulzeit. Auf dem Platz, an dem einst das Lenin-Denkmal stand, wachsen heute Bäume und Blumen. Mit 13 Jahren kam ich nach Berlin und wurde später Finanzdienstleister.

Boris Ronis
Als Vierjähriger kam ich mit meiner Familie aus Czernowitz nach Berlin. Zwei Jahre später, 1982, wurde ich in der Moabiter Grundschule Erstklässler. Damals konnte ich noch nicht so gut Deutsch, was sich dann aber schnell änderte. Auf die Schultüte, die ziemlich groß war, habe ich mich sehr gefreut. Ebenso erinnere ich mich daran, dass ich eine hellblaue Hose und eine hellblaue Weste trug. Für meine Eltern war Schule etwas sehr Wichtiges, das Thema wurde bei uns zu Hause großgeschrieben. Ich ging gern zur Schule und wurde zum Klassen- und Schulsprecher gewählt. Nach dem Abitur absolvierte ich eine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten. Später fand ich es attraktiver zu studieren – und zwar Jüdische Studien in Potsdam. Parallel zur Rabbinatsausbildung arbeitete ich als Versicherungsfachmann, um mir das Studium leisten zu können. Heute amtiere ich in der Synagoge Rykestraße und bin Militärrabbiner. Lernen ist und bleibt für mich wichtig.

Garry Fischmann
Sitzen bleiben kann jeder … aber ich wurde zurückgestuft. Na und? Dafür habe ich gleich zwei Schultüten bekommen. Nach meiner ersten Einschulung wurde gesagt: »Der Junge muss noch spielen.« Also wurde ich noch ein Jahr zurückgestellt. Rückblickend ist das meine erste Casting-Absage: »Leider zu jung für die Rolle.« Ein Jahr später wurde ich dann doch genommen. Da war die Schultüte dann auch doppelt so groß. »Aus dem Jungen muss doch was werden …« Typisch jüdische Mutter. Das Mädchen neben mir auf einem meiner Fotos im Album ist meine kleine Schwester. Sie war damals schon ready für die Schule. Später landete sie sogar in meiner Stufe, weil sie ’ne Klasse übersprungen hat. Heute ist sie Lehrerin. Und ich? Ich spiele immer noch … Ich bin Stand-up-Comedian, Moderator, Speaker und Schauspieler.

Aufgezeichnet und zusammengestellt von Christine Schmitt

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