München

Von Deutschland in die Welt

Wer unter den Einwohnern Münchens weiß schon, dass die Münchner Residenz zwischen Odeons-, Max-Joseph- und Marstallplatz sowie Hofgarten als größtes Stadtschloss Deutschlands gilt und den Herzögen, Kurfürsten und Königen aus dem Hause Wittelsbach rund vier Jahrhunderte bis zum Ende der Monarchie 1918 als Herrschaftssitz diente? Nimmt man den ersten Durchgang in der Residenzstraße 1 (schräg gegenüber der Viscardigasse), der zum Kaiserhof führt, so gibt es darin gleich auf der rechten Seite eine unscheinbare Holztür. Sie führt im ersten Stock zu Räumen, die seit Mai 2024 die Geschäftsstelle des 2015 gegründeten Vereins nebst Stiftung »Kulturerbe Bayern« beherbergt.

Diese ausführliche Wegbeschreibung ist notwendig, um dort – mittendrin auf den 40.000 Quadratmetern Grundfläche eines Areals, das rundum unter derselben Adresse Residenzstraße 1 läuft – die kleine, aber sehr feine Ausstellung Jüdische Architekten der Moderne und ihr Wirken in der Welt ausfindig zu machen. Mehr als ein gerahmtes Wandplakat weist, wohl um der Residenz als Touristenattraktion keine Besucher abspenstig zu machen, nicht auf dieses Büro und das dort präsentierte Projekt hin.

Schwarz-Weiß-Bilder des Fotografen Jean Molitor

Mittels 15 Schwarz-Weiß-Bildern des Fotografen Jean Molitor und sechs erläuternden Tafeln der Kunsthistorikerin Kaija Voss werden »Ikonen der Moderne, Biografien im Exil und Gebäude, die vielerorts durch Abriss, Verfall oder Investitionsdruck bedroht sind«, vorgestellt. Eine Tafel nennt 221 jüdische Architekten der Moderne, darunter sechs Architektinnen. Eine weitere Tafel informiert darüber, wovon diese Architekten so begeistert waren, nämlich »von der kühnen Ästhetik der Bauhausschule, von flachen Dächern, großen Fenstern oder Fensterbändern, vom Einsatz moderner Materialien«.

All das machte ihre Bauvorhaben, ihre Fabriken, Geschäftsgebäude, Wohnanlagen und Villen unverwechselbar. Auf vier Tafeln werden exemplarisch sieben Architekten mit Kurzbiografien und 15 ausgewählten Objekten vorgestellt: von der Synagoge in Bad Nauheim, 1927 bis 1929 von Richard Kaufmann erbaut und bis heute erhalten, über die Weizmann-Villa im israelischen Rehovot von Erich Mendelsohn bis zum Londoner Belvedere Court, 1939 von Ernst Ludwig Freud, dem Sohn Sigmund Freuds, errichtet.

Wer sich fragt, was das alles speziell mit München zu tun hat, wird überrascht: Die Verbindung ergibt sich nämlich über die Biografien aller gezeigten Architekten. Der gebürtige Ungar Fred Forbát (1897 in Pécs geboren, 1972 in Stockholm gestorben) kam nach der Niederschlagung der Räterepublik an die Technische Hochschule München, wo er sein Studium 1920 mit dem Titel eines Diplom-Ingenieurs abschloss.

Rudolf Fränkel (1901 in Neisse/Oberschlesien geboren, 1974 in Cincinnati gestorben) arbeitete nach seinem Studium in Berlin zwei Jahre lang in München bei dem Designer Richard Riemerschmid, unter anderem Mitbegründer der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk.

Die Verbindung zu München ergibt sich über die Biografien der Architekten.

Ernst L. Freud, der 1892 in Wien geboren wurde und 1933 nach Großbritannien emigrierte, wo er 1970 starb, studierte von 1913 bis 1919, unterbrochen vom Militärdienst im Ersten Weltkrieg, ebenfalls an der Technischen Hochschule in München.

Dort landete auch Richard Kaufmann (1887 in Frankfurt am Main geboren, 1958 in Jerusalem gestorben) von 1909 bis 1912.

Fritz Landauer (1883 in Augsburg geboren – 1968 in London gestorben) schloss sein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in München ab und arbeitete von 1909 bis 1934 von München aus an seinen Synagogenentwürfen für Augsburg und Plauen. Daneben entwarf er Grabmäler für den jüdischen Friedhof in Augsburg sowie den Alten Israelitischen Friedhof in München.

Erich Mendelsohn (1887 in Allenstein/Ostpreußen geboren, 1953 in San Francisco gestorben) studierte von 1906 bis 1908 Volkswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität, wandte sich dann jedoch der Architektur an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg zu, um für die letzten beiden Studienjahre von 1910 bis 1912 an die Technische Hochschule in München zurückzukehren und dann noch zwei Jahre von München aus zu arbeiten. Weltberühmt wurde er mit dem Einsteinturm, einem Observatorium in Potsdam (erbaut 1920–1922), und der 1923 fertiggestellten Hutfabrik im märkischen Luckenwalde (1921–1923), deren Dach kühn auf die Form der dort hergestellten Produkte anspielte.

Viele bedeutende Architekten zum Studium in München

Auch der älteste unter den präsentierten Architekten, Bruno Arons (1878 in Berlin geboren – 1948 in Kapstadt gestorben), der seinen Namen im Zuge der Konversion zu Ahrends änderte und damit international berühmt wurde, hatte ein paar Semester an der Technischen Hochschule in München verbracht. Sein erstes Haus in Berlin-Dahlem diente sogar fünf Jahre lang als Wohnsitz von Bundespräsident Johannes Rau. Dass es so viele bedeutende Architekten zum Studium nach München zog, hatte wohl mit dem von-Thiersch-Schüler und Stadtplaner Theodor Fischer zu tun, der das Fach Städtebau entwickelte.

Ein Juwel der Bauhauskunst und Ära der Neuen Sachlichkeit, das als Farbfoto von Thomas Dashuber hinzugenommen wurde, stellt der Innenraum der Synagoge in der Reichenbachstraße 27 dar. Da die Fotos nicht direkt am Objekt, sondern ausschließlich im Begleitprospekt erläutert werden, fehlt leider jeglicher Hinweis auf deren Architekten Gustav Meyerstein.

Die Ausstellung »Jüdische Architekten der Moderne und ihr Wirken in der Welt« ist bis zum 26. November zu sehen. Geöffnet ist donnerstags von 15.30 bis 17 Uhr und nach Anmeldung unter info@kulturerbebayern.de

Weiterführende Literatur zum Thema: Jean Molitor und Kaija Voss: »Bauhaus. Eine fotografische Weltreise«. Bebra, Berlin 2018, 240 S., 46 €
Rachel Salamander und Christoph Wagner (Hrsg.): »Die Reichenbach. Eine ›Bauhaus‹-Synagoge«. Klinkhardt & Biermann, München 2025, 80 S., 14 €

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