»Immer weiter! Immer weiter!«, schrie Torwart Oliver Kahn Trainer Ottmar Hitzfeld an, nachdem sein FC Bayern 2001 im letzten Meisterschaftsspiel sich beim Hamburger SV ganz kurz vor Abpfiff den Titel gesichert hatte. Es könnte auch das Motto für Charlotte Knobloch sein. Erst im Juli hat sich die Grande Dame des deutschen Judentums, inzwischen 93 Jahre alt, für weitere vier Jahre zur Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern wählen lassen. Einstimmig.
Normal ist das nicht. Der Torwarttitan auf dem Fußballplatz war eine Ausnahmeerscheinung. Knobloch, die als gebürtige Münchnerin den FC Bayern liebt und nach Möglichkeit kein Heimspiel versäumt, ist es auf ihre Weise. Mit einem Unterschied: Kahns Zeit ist schon lange vorbei. Nach 21 Jahren als Profi. Während Knobloch als professionelle ehrenamtliche Führungskraft bereits doppelt so viele Jahre hinter sich hat - und noch einiges vor sich.
Präsidentin seit 1985
Die gebürtige Münchnerin und Schoa-Überlebende amtiert als Gemeindevorsitzende seit 1985. Zeitweise führte sie den Zentralrat der Juden in Deutschland und übernahm Funktionen in internationalen jüdischen Organisationen. Warum sie immer weitermacht, hat Knobloch in einem Buch aufgeschrieben, das am Donnerstag erschienen ist.
Vor das »weiter« - und das ist entscheidend - hat die Autorin ein »trotzdem« gesetzt. 2012, kurz vor ihrem 80. Geburtstag, kamen ihre Lebenserinnerungen heraus. Das aber soll nicht das letzte Wort gewesen sein, so muss man die Neuerscheinung verstehen.
»Ich habe mich getäuscht«
Knobloch sieht Korrekturbedarf. Grund sind die Erfahrungen, die sie als jüdisch-deutsche Patriotin seit 2012 gemacht hat. »In Deutschland angekommen« - so würde sie ihre Memoiren heute nicht mehr nennen. Denn: »Ich habe mich getäuscht.« Und: Sie habe das im Grunde damals schon geahnt, aber nicht so recht wahrhaben wollen.
2012 habe sie in negativen Entwicklungen zulasten jüdischer Menschen in Deutschland nur »Unwuchten« gesehen, die einen steten positiven Trend seit 1945 jedoch nicht aufhielten. »Rückblickend muss ich meine Einschätzung revidieren: Es waren keine Unwuchten, es gibt einen Achsenbruch.«
Elf weitgehend düstere Kapitel
Es folgen elf Kapitel mit weitgehend düsteren Überschriften wie »Der Einschnitt«, »Die Rückkehr des Terrors«, »Ausnahmezustand« und »Kein Halten mehr«.
Als im Wortsinn einschneidendes Ereignis markiert die Autorin das Beschneidungsurteil des Landgerichts Köln vom 7. Mai 2012. Mit zeitlicher Verzögerung geht der umstrittene Richterspruch um die Welt und vermittelt den Eindruck: Wer Jungen aus religiösen Gründen beschneidet, macht sich jetzt in Deutschland strafbar.
Doppelte Zäsur
»Erstmals seit siebenundsechzig Jahren fühle ich mich wieder individuell als Jüdin angegriffen, als Mensch in meiner jüdischen Existenz - und als Mutter«, schreibt Knobloch. Die Politik reagiert schnell und bringt ein Gesetz auf den Weg, das der Kriminalisierung dieses jahrtausendealten Rituals einen Riegel vorschiebt, sofern der Eingriff medizinisch fachgerecht erfolgt und unnötige Schmerzen vermeidet. Damit ist die Debatte für die Öffentlichkeit erledigt. Aber nicht für Juden - und auch Muslime, muss man hinzufügen.
Die Zäsur ist eine doppelte: Zerstört ist das über Jahre mühsam aufgebaute Vertrauen darauf, »dass bestimmte Grenzen des Denkens, des Redens und des Handelns in diesem Land ’nie wieder‘ überschritten werden würden«. Und: Mit der wochenlangen Debatte, in die sich auch die bürgerliche Mitte, repräsentiert etwa in Fachärztegesellschaften, einschaltet, geht ein bisher nicht dagewesener Shitstorm für Knobloch und ihr Büro einher. Mit einem Unterschied: Die hetzerischen E-Mails, Briefe, Postkarten und Telefonanrufe werden nicht mehr im Schutz der Anonymität getätigt, sondern unter vollem Namen.
Irritiert vom »dröhnenden Schweigen«
Seit 2012 ist wahrlich viel passiert. NSU-Prozess, Gründung und Aufstieg der AfD, der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der immer weiter zunehmende Antisemitismus, nicht nur in Deutschland. Knobloch ist anhaltend irritiert vom »dröhnenden Schweigen« der deutschen Gesellschaft dazu. Und sie vermutet wohl nicht zu Unrecht, dass der von Spitzenpolitikern erfahrene Zuspruch immer weniger Rückhalt in der Bevölkerung hat.
Es erscheint fast als ein Wunder, dass jemand wie Knobloch aufgrund dieser Erfahrungen nicht resigniert. »Ich bin in meinem Wesenskern - trotz allem - ein fröhlicher, optimistischer Mensch. Und auch wenn es nicht aus jeder Zeile dieses Buches spricht: Ich bin ein glücklicher Mensch.« Da klingt sie wieder ganz wie Olli Kahn: »Was auch geschieht - ich lebe, ich kämpfe, ich mache immer weiter!«
Charlotte Knobloch, Trotzdem weiter. Ein jüdisch-deutsches Fazit, Verlag C.H. Beck München 2026, 266 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-406-85089-9