Bundeswehr

»Wir sind Partner auf Augenhöhe«

Militärbundesrabbiner Zsolt Balla (r) überreicht den Tallit an Rabbiner Shlomo Afanasev im Amt des Militärrabbiners während einer Feierstunde in der Henning-von-Tresckow-Kaserne Foto: picture alliance/dpa

Vor fünf Jahren nahm die Wiedereinführung einer jüdischen Militärseelsorge in Deutschland Gestalt an: Am 21. Juni 2021 wurde Zsolt Balla, zugleich seit 2019 Landesrabbiner von Sachsen, in Leipzig als erster Militärbundesrabbiner in das Amt eingeführt. Erstmals nach rund 100 Jahren und 76 Jahre nach dem Ende der Schoa gab es damit wieder eine jüdische Militärseelsorge in der deutschen Armee.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach damals von einem historischen Tag und erklärte: »Mit der Berufung von Militärrabbinern knüpfen wir an eine alte Tradition an und schlagen zugleich ein neues Kapitel auf.«

Nach fünf Jahren zieht Rabbiner Balla, der das Militärrabbinat in Berlin-Mitte leitet, eine positive Bilanz: »Wir gehören dazu, und angesichts der sicherheitspolitischen Herausforderungen fragt die Truppe ihre Militärrabbiner auch zunehmend aktiv an: im Kasernenalltag, im Übungsgeschehen und auch für Auslandseinsätze.«

Bislang keine Bewerbungen von Frauen

Inzwischen gibt es sieben Militärrabbiner - zehn sind angestrebt. »Wir sind auch offen für Rabbinerinnen. Doch bisher gab es noch keine Bewerbungen«, sagt Balla, selbst orthodoxer Rabbiner. Seit 2024 hat das Militärrabbinat sogar eine eigene Thora-Rolle samt Bundeswehr-Transportbox. Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) beteiligte sich am Schreiben der letzten hebräischen Buchstaben der Gebetsrolle.

In der Bundeswehr gibt es Schätzungen zufolge mindestens 300 Soldaten jüdischen Glaubens. Da die Religionszugehörigkeit nur auf freiwilliger Basis erfasst wird, gibt es keine genauen Zahlen. Doch die Militärrabbiner sind - wie die katholischen und evangelischen Militärseelsorger - für alle da. So wirken sie auch am sogenannten lebenskundlichen Unterricht zur berufsethischen Bildung der Soldaten an den Standorten mit.

Die Anliegen, mit denen sich die Bundeswehrangehörigen an die Rabbiner wenden, sind unterschiedlich. »Manchmal sind es theologische Fragen. Manche möchten einfach verstehen, wie Juden über bestimmte Dinge denken«, berichtet Balla. Daneben gebe es sehr viele seelsorgerische Gespräche, beispielsweise bei Trauerfällen oder Krisen. Es sei durchaus möglich, dass sich Muslime an den Militärrabbiner wenden, so Balla: »Juden und Muslime haben sehr viel Gemeinsames.«

Militärrabbiner im Auslandseinsatz

Inzwischen haben die Militärrabbiner bereits vier Auslandseinsätze der Bundeswehr begleitet: in Litauen, Rumänien, Bosnien und sieben Wochen auf einem Truppenversorgungsschiff in der Ostsee. Balla hat einen Truppenbesuch im afrikanischen Mali gemacht: »Wir haben mit einem katholischen Militärseelsorger eine gemeinsame multireligiöse Andacht gehalten. Das hat mich sehr glücklich gemacht.« Überhaupt klappe die Zusammenarbeit mit der katholischen und der evangelischen Militärseelsorge sehr gut. »Wir sind Partner auf Augenhöhe. Wir sind gemeinsam für die Soldatinnen und Soldaten da.«

Das gilt auch auf internationaler Ebene. Balla berichtet, dass es eine gute Kooperation mit dem amerikanischen Militärrabbinat der Air Base im rheinland-pfälzischen Ramstein gebe. Im vergangenen Herbst habe dort ein multireligiöses Training mit über 80 Militärseelsorgenden aus mehreren Nato-Staaten stattgefunden. »Dabei ging es darum, im Todesfall eines Kameraden auf die jeweiligen seelsorglichen Bedürfnisse sensibel eingehen zu können und auch die Vorgaben der jeweiligen Religion zu kennen«, erzählt Rabbiner Balla.

Welche Rolle spielt die Schoa noch?

Durch die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre mit den Kriegen in der Ukraine und dem Nahen Osten messen viele junge Menschen dem Einsatz zum Schutz des Staates eine größere Bedeutung bei, zeigt Ballas Beobachtung. »Natürlich gibt es bis heute jüdische Familien, die sehr stark von der Schoa betroffen sind. Und gewiss kann es bei manchen vor diesem Hintergrund auch Vorbehalte gegenüber der Bundeswehr geben, aber das ändert sich zunehmend«, sagt er.

»Meine Mutter war eine Holocaust-Überlebende. Aber sie war auch stolz und glücklich, als ich Militärbundesrabbiner wurde. Sie hat gesehen, wie sich die Politik und auch die Menschen in Deutschland geändert haben«, berichtet Balla. »Die jüdische Gemeinschaft hat aus dem Zweiten Weltkrieg nicht die Lehre gezogen: nie wieder Krieg. Sondern: nie wieder Völkervernichtung, nie wieder Angriffe auf Demokratie und Menschenrechte.«

Bislang gibt es in der Bundeswehr noch keine muslimischen Seelsorger, obwohl dies seit Längerem angestrebt wird. Unlängst hat die Bundeswehr im Rahmen eines Pilotprojekts eine Ausschreibung für einen Militär-Imam veröffentlicht. Rabbiner Balla befürwortet eine muslimische Militärseelsorge. »Ich denke, man ist auf einem guten Weg. Auch die muslimischen Kameradinnen und Kameraden sollten Seelsorger ihrer Religion als Ansprechpartner haben.« kna

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