Daniel Grossmann

»Wir bleiben sichtbar«

Dirigent Daniel Grossmann Foto: Thomas Dashuber

Daniel Grossmann

»Wir bleiben sichtbar«

Der Münchener Dirigent erhält die Wilhelm-Hausenstein-Ehrung

von Esther Martel  04.03.2026 16:36 Uhr

Mit der Wilhelm-Hausenstein-Ehrung hat die Bayerische Akademie der Schönen Künste in diesem Jahr den Dirigenten und Gründer des »Jewish Chamber Orchestra Munich« Daniel Grossmann ausgezeichnet. Das Direktorium der Akademie, dem der Präsident und die fünf Abteilungsdirektoren angehören, würdigt damit seit 1986 alljährlich eine Persönlichkeit, die sich »leidenschaftlich in ihrer Arbeit der kulturellen Vermittlung widmet«, wie es auf der Webseite der Akademie heißt. Die Ehrung ist nach dem Schriftsteller, Kulturhistoriker, Diplomaten und ersten Präsidenten der Akademie Wilhelm Hausenstein (1882–1957) benannt.

Akademiepräsident Winfried Nerdinger eröffnete den Abend und nahm dabei Bezug auf Hausensteins Essay »München. Sinn und Verhängnis einer Stadt« von 1928, in dem es heißt: »München bedeutet Zusammenkunft«.

Hausenstein, von Konrad Adenauer zunächst als Generalkonsul, später als erster deutscher Botschafter nach Paris entsandt, habe kulturelle und politische Brücken gebaut und eine enge Freundschaft mit dem französischen Außenminister Robert Schuman gepflegt. Das Motiv des Brückenschlagens prägte auch Nerdingers Worte über Grossmann.
In ihrer Laudatio würdigte Sibylle Canonica, Schauspielerin und Akademiemitglied, Daniel Grossmann als einen Künstler, dessen Wirken »über das Dirigentenpult hinaus« reiche. Seine Arbeit stehe für Offenheit, Durchlässigkeit und historisches Bewusstsein.

Zwischen Traditionen und Genres

Musik begreife er als Dialog mit der Welt; er vermittle Respekt und schaffe tiefe Echoräume menschlicher Erfahrungen. In jedem Projekt denke er dabei Geschichte mit und habe mit seinem Orchester ein Forum für jüdische Gegenwartskultur geschaffen.

Das sei gelebte künstlerische Verantwortung: Grossmann gebe Stimmen jenseits etablierter Grenzen Raum, schlage unermüdlich Brücken zwischen Traditionen und Genres und verbinde dabei hohe ästhetische Ansprüche mit bemerkenswerter Offenheit.

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Der 1978 in München in eine jüdisch-ungarische Familie geborene Dirigent gründete 2005, tatkäftig unterstützt von Gründungsdirektorin Julia Grossmann, das »Orchester Jakobsplatz«, das er inzwischen als »Jewish Chamber Orchestra Munich« international etabliert hat und leitet.

Mit diesem Ensemble, das sich als Orchester für alle Nationen und Religionen versteht, verwirklicht er Projekte, die die reiche Geschichte jüdischer Musik und Kultur in zeitgenössischen Darstellungsformen präsentieren. Immer wieder überrascht er auch mit ungewöhnlichen Formaten und Neukompositionen, die für das Orchester in Auftrag gegeben wurden, wie zum Beispiel das Klezmer-Singspiel Mendele Lohengrin des Komponisten Evgeni Orkin.

Anfangs habe er vergessene jüdische Komponisten wieder zu Gehör bringen wollen. Ab 2014 entwickelte er thematische Konzertformate – etwa zu jüdischen Trauerritualen oder zur Flucht nach Shanghai.

Grossmann geht es nicht nur um »jüdische Musik«, sondern um jüdische Erfahrungen und Perspektiven.

Ein Auftritt in den Münchner Kammerspielen 2018 gab den entscheidenden Impuls, »mehr vom Theater her« zu denken, Texte und Musik enger zu verweben. In seiner Dankesrede erinnerte Grossmann daran, dass jüdisches Leben in München während seiner Kindheit »kaum sichtbar« gewesen sei und sich »hinter den geschlossenen Türen der Reichenbachstraße« abgespielt habe. Früh habe ihn die Frage bewegt, wie man Judentum musikalisch verarbeiten, sichtbar und erlebbar machen könne.

Ihm gehe es nicht nur um »jüdische Musik«, sondern um jüdische Erfahrungen und Perspektiven in ihrer ganzen Bandbreite. »Kulturelle Vermittlung ist ein zentraler Teil meiner Arbeit«, sagte er. Selbstbewusst formulierte er: »Wir sind da, wir spielen, wir bleiben sichtbar.«

Für die musikalische Umrahmung des Abends sorgten die Sopranistin Talia Or und die Pianistin Susanna Klovsky-Nagy mit Werken von Gustav Mahler, Paul Ben-Haim und Mieczysław Weinberg – ein Programm, das die Spannweite jüdischer Musikgeschichte eindrucksvoll widerspiegelte.

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