Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, zeigt sich angesichts von zunehmendem Antisemitismus betroffen und besorgt. »Es ist ein ausgesprochener Judenhass, der sich entwickelt hat«, sagte die 93-Jährige anlässlich der Veröffentlichung ihres neues Buch »Trotzdem weiter«, das heute im Verlag C.H. Beck erscheint.
»Das vorliegende Buch resultiert aus der Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht. Wir haben uns getäuscht!«, schreibt Knobloch im Prolog ihres Werkes. Damit spielt sie auch auf ihre Autobiografie »In Deutschland angekommen« von 2012 an, in der sie sich noch voller Zuversicht zeigte.
Heute empfindet sie das anders: »Im Jahr 2026 hat der Antisemitismus, besser: der Judenhass, wieder ein quantitatives und qualitatives Niveau erreicht, das längst nicht mehr nur «alarmierend» oder ein «Weckruf», sondern akut und konkret gefährlich - ja: existenziell bedrohlich ist«, schreibt Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Reaktionen auf Hamas-Massaker »zu leicht«
Im Interview nimmt sie die »große Politik« in die Verantwortung, »die klar formulieren muss, wie sie sich die Zukunft mit ihren und für ihre jüdischen Bürger vorstellt hier im Lande. Es reicht nicht, dass Politiker entweder schweigend oder aber nur mit ein paar Sätzen darüber hinweggehen«.
Als unzureichend empfindet Knobloch den Umgang mit dem Massaker der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023. Die politischen Reaktionen gerade in Deutschland seien »ein bisschen zu leicht« gewesen, sagte sie im Interview. »Es gab für eine kurze Zeit sehr intensive Solidarität, und danach einen ziemlich steilen Abfall.«
Was ihr gefehlt habe, sei echtes Verständnis für das Entsetzen der jüdischen Menschen. »Wir wurden für Dinge verantwortlich gemacht, auf die wir wirklich keinerlei Einfluss hatten«, so Knobloch mit Blick auf den Krieg im Gazastreifen. »Das hat alles einen Judenhass hervorgerufen, der mich wirklich, ich muss es so hart sagen, einigermaßen zerstört hat.« dpa/ja