»Mein Opa war 20 Jahre alt, er wog nur noch 29 Kilo.« Im Rahmen des Gedenkens an der jüdischen Gedenkstätte, zu dem der Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern anlässlich des 81. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau eingeladen hatte, schilderte Samuel, ein Schüler der 10. Klasse des Münchner Helene-Habermann-Gymnasiums, den Leidensweg seines Großvaters.
Dieser gehörte zu den rund 32.000 Überlebenden, welche die US-Soldaten am 29. April 1945 befreiten. Für die meisten Gefangenen in dem schon im März 1933 errichteten Konzentrationslager kam diese Hilfe zu spät: Von mehr als 200.000 Inhaftierten aus über 40 Nationen wurden mindestens 41.500 Menschen ermordet.
Josef Schuster, Präsident des Landesverbands und des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte eingangs auf die »beklemmende Aktualität« des Gedenkens hingewiesen und die Verantwortung der Zivilgesellschaft angemahnt. Angesichts einer Entwicklung, in der die Feinde der Demokratie in den Parlamenten säßen, der Respekt vor den historischen Fakten schwinde und der Antisemitismus als Bindeglied fungiere, müsse das Gedenken die Gesamtgesellschaft in die Verantwortung nehmen.
Eine »Bequemlichkeit des Wegsehens« dürfe es jetzt nicht mehr geben, forderte Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie griff damit ein Wort des Komikers und Autors Hape Kerkeling auf, das dieser Anfang April bei der Gedenkfeier zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald formuliert hatte.
Von mehr als 200.000 Inhaftierten wurden mindestens 41.500 Menschen ermordet
In Anwesenheit von Überlebenden wie Abba Naor, zahlreichen Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Bayern und Vertretern aus Politik und Kirchen sagte sie: »Die Erinnerung werden wir niemals aufgeben, nur weil manche Fehlgeleitete und Bequeme dieses Land in die Finsternis seiner Geschichte zurückstoßen wollen.« Die jüdische Gemeinschaft brauche ein Land, das sich vor einer Zukunft als Täter schützen wolle.
Diese Gefahr sei so real wie nie seit 1945. Dennoch vertraue sie darauf, dass die Menschen ihre Verantwortung annähmen: »Die Verantwortung für ein Land, das Zukunft bauen kann, weil es seine Vergangenheit kennt. Deshalb erinnern wir. Deshalb bleiben wir.«
Den Bogen zur Gegenwart jüdischen Lebens schlug im Beitrag der jüdischen Jugend in Bayern Sofia aus der 12. Klasse des Helene-Habermann-Gymnasiums: »Die Na-tionalsozialisten haben nicht gewonnen.« Davon zeuge etwa auch ihre Schule. Aber jüdisches Leben brauche Verbündete. Bevor Rabbiner Reuven Gubermann aus Erlangen das El Male Rachamim vortrug, sprach sie aus, was viele am Ende dieser Gedenkstunde mit Hoffnung und Entschlossenheit dachten: »Mir zaynen do – wir leben!«