Durch die Berliner Lokalpresse geistert seit einigen Tagen eine Geschichte: Ein ehemaliger Soldat der israelischen Armee (IDF), der in einer Filiale der Café-Kette und Rösterei »The Barn« in Berlin-Mitte als Barista arbeitete, habe einen Gast wegen dessen Pro-Palästina-Halskette »belästigt«.
Das angebliche Opfer, ein Poetry-Slammer, postete daraufhin Überlegungen, das Café »The Barn« zu boykottieren. Die konkurrierende spanische Café-Kette »Acid«, die in Berlin mehrere Filialen unterhält und für ihre Sauerteig-Brote bekannt ist, witterte offenbar eine Gelegenheit, Kunden zu gewinnen – der Poetry-Slammer sei bei ihnen jederzeit willkommen, man »habe Null Toleranz für jede Form der Diskrimierung« und stehe »fest zusammen gegen den Zionismus«.
Instagram-Post des Poetry-Slammers Kevin-Ahn Kwang Soo-Groen
In demselben Instagram-Kommentar von »Acid. Café« unter einem Post des Poetry-Slammers wurde allerdings geraunt: Eine »kollektive Boykottliste zu Berlins Gastronomie-Szene auf dieser Basis« könne »ein notweniger Schritt sein«.
Leider beruhten die Texte zu dem Vorfall in der »Berliner Zeitung«, der »Berliner Morgenpost« und t-online Berlin ausschließlich auf Informationen aus Social-Media-Beiträgen.
Was war wirklich passiert? Leider beruhten die Texte zu dem Vorfall in der »Berliner Zeitung«, der »Berliner Morgenpost« und t-online Berlin ausschließlich auf Informationen aus Social-Media-Beiträgen.
Deshalb noch einmal von vorn: Losgetreten wurde die Kampagne von dem Poetry-Slammer Kevin-Ahn Kwang Soo-Groen, der in der vergangenen Woche in »The Barn« in Berlin-Mitte Kaffee trinken wollte, dort mit dem Barista wegen seiner Halskette aneinandergeriet und den 26-jährigen Israeli anschließend auf Instagram als »Ex(-)IDF-Soldat, Zionist und Genozid-Unterstützer« bezeichnete. Die Frage stelle sich nun, ob man das Café boykottieren solle, suggerierte das »Opfer« auf Social Media.

Und schon war Druck aufgebaut – und »The Barn« reagierte mit folgenden Worten: »Wir nehmen diesen Bericht sehr ernst. Wir haben null Toleranz für Rassismus. Wir untersuchen die Situation derzeit gründlich und sprechen mit allen Beteiligten. Auf Basis der Fakten werden wir klare Maßnahmen ergreifen.«
Das hieß für den 26-jährigen Israeli, der dort sieben Monate gearbeitet hatte: Er wurde Anfang dieser Woche entlassen. »Mir wurde gesagt, dass ich mich als Barista nicht so hätte verhalten dürfen, und dass das Café nun einen Boykott befürchtet«, sagte der Israeli der Jüdischen Allgemeinen (sein Name ist der Redaktion bekannt).
»Mir wurde gesagt, dass ich mich als Barista nicht so hätte verhalten dürfen, und dass das Café nun einen Boykott befürchtet«, sagte der Israeli der Jüdischen Allgemeinen.
Und so habe sich der Vorfall abgespielt: Der Poetry-Slammer, der vorher bereits mehrmals bei »The Barn« Kaffee getrunken habe, sei erneut in dem Café erschienen – diesmal aber mit einem Anhänger an einer Halskette, der die Umrisse des Staatsgebiets von Israel mitsamt des Westjordanlands und des Gazastreifens in den Farben der palästinensischen Fahne gezeigt habe. »Ich habe ihm gesagt, dass ich das vom Standpunkt eines Israelis aus enttäuschend finde. Und dass wir Israelis das Gefühl haben, dass man Israel auslöschen will, wenn wir dieses Symbol in dieser Form sehen.«
Für seine Kündigung wenige Tage nach dem Streit hat der junge Israeli sogar Verständnis: »Als Barista während meiner Schicht hätte ich diese Diskussion nicht beginnen sollen. Aber der Anhänger war ein Trigger für mich.« Als Privatperson sei er in eine Situation geraten, die größer sei als er selbst. Er habe bei der Diskussion im Café in der Tat erzählt, dass er in der IDF gedient habe, wie von dem Poetry-Slammer behauptet, nicht jedoch, wann und wo.
Ihn erinnern die Reaktionen auf den Vorfall an die 1930er-Jahre in Berlin: »Damals wurden Juden boykottiert, heute ruft man zum Boykott von Zionisten oder Israelis auf. Die Pointe ist aber dieselbe.« Nun will der junge Mann - auch aufgrund dieses Vorfalls - nach Israel zurückkehren. »Überall in Berlin begegnet man Parolen über Gaza, Israelis werden als ›Mörder‹ bezeichnet. Es macht keinen Spaß mehr, als Israeli in Berlin zu leben.«
Was aber tue ich als Jüdin in Berlin, die ihr Land und ihre Stadt nicht verlassen will? Gestern habe ich mir das »Acid« in Berlin-Mitte angesehen. Offenbar haben die Betreiber der spanischen Kette, deren Mitarbeitende in der Rosenthaler Straße am Tresen Englisch sprechen (wie mittlerweile in vielen Cafés in Berlin-Mitte üblich) eine internationale woke Zielgruppe im Auge, wenn sie »fest gegen den Zionismus zusammenstehen« und eine »Gastro-Boykott-Liste« in Erwägung ziehen.
Und das in der ehemaligen Reichshauptstadt, wo zuerst der Boykott von Juden und dann der Völkermord in ganz Europa organisiert wurde! Der Kaffee war übrigens nicht besonders. Zum Glück gibt es in Berlin noch Cafés mit Charakter.