Meinung

Die Angst, als Jude erkannt zu werden

Jeanne Bakal Foto: privat

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Die Angst, als Jude erkannt zu werden

Der Lagebericht des Zentralrats offenbart, wie unsicher sich Juden in Deutschland fühlen. Eine Gemeindevorsitzende beschreibt, was das für den Alltag der jüdischen Gemeinschaft bedeutet

von Jeanne Bakal  07.05.2026 09:37 Uhr

Ich blicke mit großer Sorge auf die Ergebnisse des jüngsten Lageberichts des Zentralrats der Juden. 68 Prozent der befragten Gemeinderepräsentanten geben darin an, dass jüdisches Leben heute unsicherer ist als vor dem 7. Oktober 2023. Nur 13 Prozent schätzen die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland positiv ein.

Als Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde in Trier weiß ich aus persönlichen Gesprächen, wie sehr sich das Empfinden vieler unserer Mitglieder verändert hat. Verunsicherung, Zurückhaltung und wachsende Ängste prägen zunehmend den Alltag.

Besonders belastend ist die Situation für unsere Kinder und Jugendlichen: Einige kommen nicht mehr zum Religionsunterricht, weil sie fürchten, vor der Synagoge gesehen und erkannt zu werden. Auch bei jüngeren Erwachsenen, die im Berufsleben stehen, wächst die Sorge, mit dem Judentum in Verbindung gebracht zu werden.

Die Gemeinden erleben einen dramatischen Rückgang der Solidarität mit Juden.

Die Angst vor möglicher Ausgrenzung oder Mobbing am Arbeitsplatz führt dazu, dass viele ihre Identität bewusst im Hintergrund halten. Gemeindemitglieder bitten darum, keine Infopost mehr mit dem Logo der Jüdischen Gemeinde Trier zu erhalten.

Im Lagebericht wird auch ein dramatischer Rückgang der Solidarität mit Juden beschrieben. Auch diese Entwicklung kenne ich aus eigener Erfahrung: Als wir in der Stadt eine Gedenkstunde für die von der Hamas ermordete israelische Familie Bibas organisierten, blieb die Resonanz gering. Empathie für die Geiseln und die ermordeten Israelis war kaum spürbar. Veranstaltungen, Kundgebungen und Gedenkveranstaltungen werden inzwischen deutlich weniger besucht als früher.

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Wir machen dennoch weiter. Mit unseren kulturellen Angeboten und Begegnungen tragen wir zum gesellschaftlichen Frieden hier in Trier bei, und mit einer geplanten Ausstellung zum 7. Oktober halten wir die Erinnerung an die Opfer wach. Für mich liegt eine unserer Stärken darin, dass wir eine kleine Gemeinde sind. So können wir uns in diesen Zeiten gegenseitig noch besser Halt geben.

Die Autorin ist Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Trier.

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