Es war gegen 3.30 Uhr am vergangenen Montagmorgen, als eine Polizeistreife in Cottbus ein 1,50 mal einen Meter großes Hakenkreuz an der Synagoge entdeckte. Das rechtsextreme Symbol wurde überklebt und konnte im Verlaufe des Tages entfernt werden. Bereits drei Tage zuvor waren antisemitische Schriftzüge an der Synagoge vorgefunden worden.
Im Berliner Bezirk Pankow wurde am vergangenen Sonntag mit einem Graffiti zum Mord an Juden aufgerufen, im Dezember 2025 drohte ein Mann vor der Hanauer Synagoge mit Anschlägen, eine Woche später wurde der Rabbiner der Gemeinde von einer Gruppe beschimpft. Ende September 2025 wurde ein 24-jähriger in einer Erfurter Straßenbahn wegen seiner sichtbaren Davidstern-Kette angegriffen und beleidigt.
Es sind Meldungen wie diese, die sich mit trauriger Regelmäßigkeit und mit rasant zunehmender Geschwindigkeit häufen und die Jüdinnen und Juden in Deutschland Angst machen.
Ein Gemeindeleben im Krisenmodus. Zu diesem Ergebnis kommt der mittlerweile dritte Lagebericht des Zentralrats der Juden, der nun veröffentlicht wurde.
Die Umfrage, an der 102 jüdische Gemeinden und Landesverbände teilnahmen und die zum ersten Mal nach den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel und dem darauffolgenden Krieg durchgeführt wurde, zeigt laut dem Bericht: »Die jüdischen Gemeinden funktionieren unter erhöhten Sicherheitsanforderungen in einer Lage, die keine Entspannung erwarten lässt. Die Sicherheitslage habe dabei tiefgreifende Auswirkungen auf den Alltag, das Verhalten und die psychische Stabilität von Jüdinnen und Juden in Deutschland.«
Die Sicherheitslage hat tiefe Auswirkungen auf die psychische Stabilität.
Festgestellt wird eine Zunahme des Unsicherheitsgefühls, schwindende Solidarität in der Zivilgesellschaft, ein Rückgang der Sichtbarkeit jüdischen Lebens und eine Verschlechterung des Verhältnisses zu muslimischen Verbänden.
Der Irankrieg führte bei rund 62 Prozent der Befragten »zu einer Verschlechterung der Sicherheitslage«.
Der vorgestellte Lagebericht gibt auch Einblicke, wie sich die Situation im Nahen Osten auf die Sicherheitswahrnehmung auswirkt: So habe der Waffenstillstand zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas im Oktober 2025 laut 66 Prozent der Befragten »nicht zu einer Verbesserung der Sicherheitswahrnehmung« geführt. »13 Prozent berichten sogar von einer Verschlechterung.« Der Irankrieg führte bei rund 62 Prozent der Befragten »zu einer Verschlechterung der Sicherheitslage«.
Dieser Befund, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster, zeige glasklar: »Der Krieg im Nahen Osten war immer nur ein Vorwand, niemals ein Grund für antisemitische Übergriffe und Hetze in Deutschland. Der Krieg Israels gegen das Mullah-Regime ist ein neuer solcher Vorwand für ausufernden Antisemitismus.«
Seit dem Massaker der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 haben antisemitische Vorfälle gegen Gemeinden kontinuierlich zugenommen. Waren es im Jahr 2023 noch 32 betroffene Gemeinden, so stiegt die Zahl 2024 auf 43 und 2026 auf 46 Gemeinden.
Dabei machen antisemitische Beleidigungen oder hetzerisches Verhalten mit 64 Prozent das Gros aus, gefolgt von Anfeindungen oder Hasskommentaren in sozialen Medien (62 Prozent), Drohanrufen oder antisemitischen Zuschriften (49 Prozent), Sachbeschädigungen oder Schmierereien an Gebäuden (49 Prozent). Gegen die Gemeinden gerichtete oder bewusst im Umfeld der Gemeinden stattfindende Proteste oder Demonstrationen machen 28 Prozent der Vorfälle aus.
»Die wahrgenommene Unterstützung durch die Zivilgesellschaft ist seit dem 7. Oktober von 62 Prozent auf alarmierende 35 Prozent abgestürzt.«
Vieles an den Befunden des Lageberichts ist alarmierend: Dass junge Menschen und Kinder ihre Identität verstecken müssen, dass jüdisches Leben aus dem öffentlichen Raum verdrängt wird, dass die Solidarität aus der Zivilbevölkerung sinkt. Zentralratspräsident Josef Schuster benennt diesen Rückgang: »Die wahrgenommene Unterstützung durch die Zivilgesellschaft ist seit dem 7. Oktober von 62 Prozent auf alarmierende 35 Prozent abgestürzt. Wo mehr Zivilcourage nötig wäre, sehen wir einen Rückgang.«
Die Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung ist in 63 Prozent der Gemeinden gestiegen.
Eine große Zufriedenheit (91 Prozent) gibt es seitens der Gemeinden bei der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden. Das religiöse und soziale Gemeindeleben kann 2026 in 95 Prozent der Gemeinden »trotz punktueller Einschränkungen wie Veranstaltungsabsagen« weiterhin stattfinden. Im Jahr 2023, so die erste Erhebung, war das in 73 Prozent der Gemeinden der Fall.
Es gebe ein gestärktes Gemeinschaftsgefühl, allerdings schlage sich die belastende Situation der ständigen antisemitischen Vorfälle auf die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden in den jüdischen Gemeinden nieder. Über 90 Prozent seien durch die Situation merklich belastet, viele Führungskräfte würden ihren Alltag der zunehmenden Bedrohung anpassen, trügen keine erkennbar jüdischen Symbole oder seien wachsamer in ihrem Umfeld. Die Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung sei in 63 Prozent der Gemeinden gestiegen.
Es ist eine »neue Normalität«, sagt Josef Schuster, eine, die sich in »einer gravierenden Sicherheitslage entwickelt. Eine Lage, in der jüdische Gemeinden permanent geschützt werden müssen und der Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums eine Normalisierung erfahren hat, eine Lage, in der auch Graffiti, die mitten in Berlin offen zum Mord an Juden aufrufen, keinen Sturm der Entrüstung auslösen. Diese Zustände sind unhaltbar.«
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