Meine Mutter wollte auf keinen Fall, dass ich einmal Arzt werde. Sie ist Pathologin und wusste, was an Belastung auf mich zugekommen wäre. Auch mein Vater arbeitete bis zu seiner Pensionierung im medizinischen Bereich, so kam ich zu meinem ersten Studentenjob in Berlin. Dass ich Musiker werden würde, war also nicht abzusehen. Erst später erzählte mir meine Mutter, dass ich meine Zeit – statt im Sandkasten – lieber mit Kopfhörern und klassischer Musik verbracht habe. Die Inspiration kam durch meine große Schwester, die drei Jahre älter ist als ich. Sie besuchte damals den Kinderchor, folglich bin auch ich zum Chor gegangen.
Heute bin ich Komponist und musikalischer Leiter an der Neuköllner Oper. Beides mache ich seit acht Jahren. Ich liebe meinen Beruf. Als ich nach Berlin kam, habe ich parallel zu meinem Studium der Medienmusik-Komposition an der Musikhochschule Hanns Eisler in der Medizintechnik gejobbt. Meine fachliche Qualifikation habe ich dem Militärdienst in Israel zu verdanken, dort habe ich als Sanitäter gearbeitet.
Bachelor in zeitgenössischer Komposition am Koninklijk Conservatorium Den Haag
Vor meiner Zeit in Berlin habe ich von 2003 bis 2006 meinen Bachelor in zeitgenössischer Komposition am Koninklijk Conservatorium Den Haag gemacht. Zuvor hatte ich ein Jahr an der Musikakademie in Tel Aviv verbracht. Damals wurde mir klar, dass Deutsch – vielleicht auch wegen der klassischen Musik – eine wichtige Sprache sein könnte.
Insgesamt hat Deutschland ein sehr hohes Niveau, wenn es um Musik geht. Deshalb habe ich angefangen, Deutsch zu lernen. Mir war wichtig, dass ich die Sprache möglichst akzentfrei beherrsche. Das musikalische Gehör hilft beim Erlernen von Sprachen. Meine Eltern kommen ursprünglich aus Argentinien. Deshalb bin ich mehrsprachig aufgewachsen. In meiner Kindheit lebten wir zwei Jahre in London. Also hatte ich drei Muttersprachen: Spanisch, Englisch und Hebräisch.
Meine Eltern stammen aus säkularen Familien, ihre Vorfahren kamen aus Russland, Deutschland und Polen, waren aber bereits in den 1920er- und 30er-Jahren nach Argentinien emigriert. Mein Nachname Halpern ist ein deutsch-jüdischer Nachname, die Familie hieß ursprünglich Heidelberger. Meine Eltern wurden in Buenos Aires geboren und wanderten 1976 nach Israel aus, wo meine Geschwister und ich geboren wurden. Neben meiner älteren Schwester habe ich noch eine fünf Jahre jüngere. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Israel.
Wir haben noch Verwandte in Argentinien. Bis vor 15 Jahren hat auch meine Oma dort gelebt. Jedenfalls fahren wir alle paar Jahre dorthin. Es ist ein unglaublich schönes Land, doch die Korruption hat ihre Spuren hinterlassen. Astor Piazzolla, der als Begründer des Tango Nuevo gilt, ist ein großes Vorbild für mich. Diese Mischung aus Klassik und Volksmusik ist eine kommunikative Musik, die man gut hören kann.
Ich bin kein Fan des traditionellen Tangos
Allerdings bin ich kein Fan des traditionellen Tangos, meine Eltern waren auch mehr von den Beatles beeinflusst. Diese Art von Musik lief bei uns immer im Hintergrund. Wenn ich heute an Israel denke, halte ich es für ein großes Problem, dass man sich dort an den Kriegszustand gewöhnt hat. Das ist irgendwie absurd. Über unseren Familienchat tauschen wir uns regelmäßig aus. Und ich versuche so häufig wie möglich, mit meinem Vater zu telefonieren. Wenn ich morgens aufwache, schaue ich als Erstes nach, ob noch alle da sind.
In Raʼanana, einer Stadt in Zentralisrael, in der ich aufgewachsen bin, besuchte ich die Mor Metro-West High School, ein Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt. Dort habe ich Feuer gefangen. Meine Eltern liebten die Kultur. Wir sind häufig ins Theater gegangen, haben Museen und Musicals besucht.
Heute lebe ich im Multikulti-Bezirk Kreuzberg, dort fühle ich mich wohl. Zuvor habe ich in Neukölln gelebt. Im Vergleich zu anderen Israelis bin ich relativ entspannt, was meine Herkunft betrifft, ich verstecke sie nicht. Ich setze mich in der U-Bahn auch neben Menschen, die eine Kufiya tragen. Im Taxi erzähle ich immer, dass ich aus Israel komme. Manche Leute in meinem Umfeld halten mich deshalb für naiv, aber ich gehe immer davon aus, dass wir uns alle ein friedliches Zusammenleben wünschen. Ich möchte vielmehr etwas dazu beitragen, dass aus diesem Wunsch Wirklichkeit wird.
Statt im Sandkasten zu spielen, hörte ich als Kind lieber klassische Musik.
Seit 2012 spiele ich in einer Band mit Iranern und Israelis, die alle in Berlin leben. Bei »Sistanagila« sind wir fünf Musiker. Der Manager, der das initiiert hat, ist Iraner. Babak Shafian hatte die Idee gehabt, diese Band zu gründen, er hat mich über »Couchsurfing« kontaktiert. Zuvor hatte ich keine Berührungspunkte mit dem Thema Iran. Ehrlich gesagt war damals mein erster Gedanke: Würde das mein erstes oder mein letztes Treffen mit ihm sein?
Babak fand die »Position« seiner Regierung nicht korrekt. Er sagte, Israel von der Landkarte zu löschen, das entspräche nicht seiner Meinung. Er hat jüdische Freunde und fand auch unsere Kultur toll. Etwas so Positives wie diese Band mit Iranern und Juden gemeinsam auf die Beine zu stellen, das kann nur in Berlin passieren.
Wir sind auch deshalb wichtig, weil sich die AfD in den neuen Bundesländern auf dem Vormarsch befindet
Eines der wichtigsten Konzerte gaben wir bei den Jüdisch-Israelischen Kulturtagen in Thüringen. Wir wurden spontan eingeladen, weil unsere Botschaft interessiert. Mir ist klar, dass wir auch deshalb wichtig sind, weil sich die AfD in den neuen Bundesländern auf dem Vormarsch befindet.
Bis jetzt hatten wir mit unserer Band noch nie ein Problem. Mit dieser Art von Friedensprojekt kann uns niemand so richtig in eine Schublade stecken. Durch unsere gemeinsame in Deutschland entstandene Kultur zeigen wir, dass ein Miteinander möglich ist. Unsere Musik verbindet. Kultur als Element des Brückenbauens anstelle der Zerstörung durch Bomben – auch das ist aktive Friedensarbeit. Viele Politiker reden nur, wir unternehmen konkret etwas. Selbst wenn man uns Naivität vorwerfen kann, pflanzen wir doch immer auch ein bisschen Hoffnung.
Meine iranischen Bandkollegen sind inzwischen wie Verwandte für mich. Wenn jemand ein Problem hat, helfen wir einander. Wir kochen zusammen, teilen Taxis, beraten uns gegenseitig, wenn es beispielsweise bürokratische Hürden gibt. Wir alle teilen den gemeinsamen Wunsch, dass die Menschen im Iran endlich wieder in einer Demokratie und in Freiheit leben können. Ich stelle mir vor, dass wir eines Tages sowohl im Iran als auch in Tel Aviv auf Tournee gehen können. Das wäre die Erfüllung eines Traums. Unsere Idee ist es, so viele Menschen wie möglich zu erreichen.
Ich habe zwei Kinder im schulpflichtigen Alter
Ich habe zwei Kinder im schulpflichtigen Alter, sie besuchen ganz normale Schulen. Meine zehnjährige Tochter singt in einem professionellen Kinderchor, mein zwölfjähriger Sohn spielt Schlagzeug und leidenschaftlich gern Fußball, er ist ein sehr guter Stürmer. Aber als Vater bin ich da natürlich nicht objektiv. Wie bekomme ich in meinem Leben alles unter einen Hut? Indem ich jongliere. Es gibt Phasen, die sehr intensiv sind, zum Beispiel während der Endproben im Theater, wo man jeden Tag und jeden Abend unterwegs ist. Da verlässt man sich dann auf Babysitter, Freunde und Familie. In unserer Band bin ich Sänger und spiele Keyboard, und gleichzeitig bin ich der musikalische Leiter der Oper.
In meiner Freizeit spiele ich gern Volleyball und koche leidenschaftlich gern. Am liebsten esse ich das, was meine Kinder gern mögen. Ansonsten viel italienische und asiatische Küche, ich würde sagen: eine Komposition von verschiedenen Speisen, neudeutsch »Fusion«.
Berlin ist meine Wahlheimat. Eines der schönsten Gefühle ist, nach einer Tournee zurückzukommen, und zwar in eine schmutzige, heterogene, lebendige Stadt. Berlin ist nicht so sauber wie München, Münster oder Hamburg. Hier ist die Ausnahme das Normale, damit meine ich Menschen, die nicht aus Deutschland kommen, Künstler, Verrückte.
Manchmal denke ich: Meine armen Kinder! Dass sie so krasse Sachen in der U-Bahn erleben, ist nicht immer leicht. Andererseits ist es eine gute Vorbereitung auf die Realität, wenn sie das »echte Leben« spüren. Die Alternative wäre, sie in der scheinbaren Idylle eines spießigen Vororts aufwachsen zu lassen. Wo man überhaupt nicht mit anderen Kulturen und echten Problemen konfrontiert ist.
Das wäre keine gute Vorbereitung. Ich möchte meine Kinder zu starken und selbstbewussten Persönlichkeiten erziehen, die ohne Angst der Zukunft in einer globalen Welt entgegensehen.
Aufgezeichnet von Alicia Rust