Porträt der Woche

»Ich bin einfach ich«

»Ich mag Mode sehr, habe immer ein Auge darauf, was im Trend liegt«: Persia Kantorovych (29) aus Düsseldorf Foto: Celine Al-Mosawi

Porträt der Woche

»Ich bin einfach ich«

Persia Kantorovych hat eine jüdische Mutter und einen muslimischen Vater

von Annette Kanis  06.10.2026 14:07 Uhr

Bei uns zu Hause ist immer etwas los. Das finde ich sehr schön. Wir haben oft Besuch, auch neulich zu Rosch Haschana. Die Atmosphäre ist dann sehr familiär, mir geht es auch darum, sehr sozial zu sein. Wir mögen die Leute, wir lieben die Gemeinde. Und ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit. Dadurch, dass wir orthodox leben, habe ich das Gefühl, uns verbindet sehr viel mit den Menschen, aber manchmal nur bis zu einem gewissen Punkt. Gelegentlich macht es auch ein bisschen einsam.

Als Rebbetzin würde ich mich nicht bezeichnen. Viele denken, dass man einfach eine Rebbetzin ist, sobald man mit einem Rabbiner verheiratet ist. Ich verstehe es eher so, dass es wirklich mit Verantwortung und Aufgaben einhergeht. Eine Rebbetzin hat oft sehr viel Weisheit und immer einen Rat. Zu ihr kann man gehen, wenn man Schwierigkeiten oder auch gute Nachrichten hat. Das ist eine große Aufgabe, die man nicht so locker nehmen kann. Ich denke, ich werde dem Bild einer Rebbetzin, das ich habe, nicht gerecht. Dafür bin ich noch zu jung und habe zu wenig Erfahrung. Ich bin eben einfach Persia.

Seit Sommer 2025 lebe ich in Düsseldorf, verheiratet bin ich mit dem Jugendrabbiner der Gemeinde. Als wir uns kennenlernten, studierte ich Soziale Arbeit und er Politik. Aber er wollte eigentlich immer Rabbiner werden. Da er noch nicht alle Grundlagen hatte für das Rabbinatsstudium, waren wir ab Oktober 2021 gemeinsam zur Vorbereitung für ein Jahr in Israel. Dort war ich in der Midrascha, habe Tora gelernt. 2022 gingen wir zurück nach Berlin, und ich fing an, in einer Kita zu arbeiten, später dann im Altenheim. Nach meiner zweiten Elternzeit habe ich hier in Düsseldorf beim Jüdischen Nationalfonds KKL angefangen.

Meine Eltern stammen aus dem Iran

Meine starke Verbindung zur Religion hat sich bereits in meiner Jugend abgezeichnet. Meine Eltern stammen aus dem Iran, meine Mutter ist jüdisch, mein Vater muslimisch. Sie kamen 1989 nach Deutschland und wollten sich gern in ihrer neuen Heimat integrieren. Wir haben Weihnachten gefeiert, ich war auf einer christlichen Schule. Ich wusste zwar, dass ich nicht muslimisch bin, aber ich war mir auch unsicher wegen meiner jüdischen Herkunft. In unserer Familientradition heirateten Frauen schon seit Generationen Muslime.

Viele denken, dass man eine Rebbetzin ist, sobald man mit einem Rabbiner verheiratet ist.

Als Jugendliche fand ich aber durch jüdische Mitschüler Anschluss in der Gemeinde in Bremen. Ich begann, in der Hausaufgabenbetreuung zu arbeiten. Und lernte auch den Rabbiner kennen. Mit 17 Jahren machte ich Giur L’Chumra, weil ich ja jüdische Wurzeln, aber keine Papiere hatte. Was mich ansprach: Alles im Judentum hat seine Bedeutung. Die Feiertage stehen im Einklang mit den Jahreszeiten, man nimmt alles ganz anders wahr.

Ich fand das alles sehr, sehr schön und war damals wirklich fast jeden Tag in der Gemeinde. Sie war mein zweites Zuhause geworden. Religion spielte zwar auch in meiner Herkunftsfamilie eine Rolle, aber nicht unbedingt eine bestimmte Religion. Meine Mutter hat uns mitgegeben, dass es wichtig ist, an Gott zu glauben, dass man betet, vor allem allein, aber eine spezifische Religion stand nicht so im Vordergrund. Im jüdischen Glauben dagegen ist vieles gemeinschaftlich, auch das Gebet.

Ich glaube, wenn man sehr religiös wird oder sich daran gewöhnt, kann man auch manchmal in diesen Modus verfallen, dass man sich den Riten widmet, aber nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich stehen. Meiner Meinung nach ist es immer wichtig, eine Beziehung zu Gott zu haben. Damit man keine leere Hülle wird, die einfach nur agiert, sondern auch versteht, warum man etwas tut.

Mein Vater war kein praktizierender Muslim

Mein Vater war kein praktizierender Muslim, daher kenne ich nur ein paar Dinge aus dem Islam. Viele Iraner sind nicht praktizierende Muslime, zumindest in Europa oder in Deutschland. Ich habe eine sehr enge Freundin, die nach dem islamischen Gesetz lebt. Wenn wir uns austauschen, sehen wir, dass es wirklich viele Gemeinsamkeiten gibt.

Nach dem Jahr in Israel sind wir zurückgekehrt nach Berlin, dort war ja unsere Basis. Schließlich kamen wir im Sommer 2025 nach Düsseldorf. Mit Bremen verbinde ich aber meine Jugend. Wenn ich an die Gemeinde dort denke, habe ich ein sehr warmes Gefühl. Wir waren eine Gruppe, die immer zusammen war, wie eine kleine Familie.

Mit Israel verbinde ich viele sehr schöne Erinnerungen. Wir wohnten in Jerusalem, dort gibt es unzählige interessante Menschen, die teilweise sehr spirituell sind. Alles ist vertreten, und trotzdem funktioniert es irgendwie. In Berlin habe ich dann studiert, geheiratet und meine Kinder bekommen, und ich habe auch dort sehr schöne Dinge erlebt. In Düsseldorf bin ich noch nicht so lange, aber ich empfinde das Leben hier als sehr positiv. Wir haben gut Anschluss gefunden, es ist eine sehr nette Gemeinde mit vielen Kindern. So hat jetzt noch einmal ein neuer Lebensabschnitt begonnen.

Ich glaube an die Tora

Worauf ich Wert lege in der Tradition und in der modernen Gesellschaft? Ich glaube an die Tora. Ich denke, dass sie die Wahrheit ist. Dementsprechend finde ich, es ist richtig für mich, danach zu leben, und ich möchte das auch unseren Kindern vermitteln. Ich kenne viele Leute, die sagen: »Wow, ich möchte auch gern ein bisschen religiöser sein, aber es ist so schwer.« Ich verstehe das, aber wir machen das als Familie zusammen, und das erleichtert alles. Gerade in der modernen Gesellschaft, glaube ich, sollten sich die Menschen mit gegenseitigem Respekt und Verständnis begegnen. Das ist das A und O. Wenn wir alle ein bisschen mehr Respekt und Liebe füreinander hätten, würde vielleicht alles ein wenig einfacher sein, besser laufen.

Bei meiner Jobsuche hätte ich mir ein bisschen Verständnis und Offenheit gewünscht. Sobald ich erwähnte, dass ich jüdisch bin und Schabbat halte, wurde es schwierig. Wenn der Schabbat im Winter mit Einbruch der Dunkelheit beginnt, kann ich nicht bis 17 Uhr am Arbeitsplatz sein. Ich hatte vorgeschlagen, die Stunden nachzuarbeiten. Vielleicht war ich zu unflexibel, aber die potenziellen Arbeitgeber wollten das nicht. Es ist zwar nicht so schön, solche Erfahrungen zu machen, aber am Ende denke ich, es war alles zum Guten. Jetzt bin ich hier bei KKL, und ich bin glücklich.

Eine weitere Tradition, der ich folge, ist, dass ich seit meiner Hochzeit täglich meine Perücke trage.

Eine weitere Tradition, der ich folge, ist, dass ich seit meiner Hochzeit täglich meine Perücke trage. Man kann das als Außenstehender merkwürdig finden, aber es ist schon sehr cool, wie fortgeschritten die Technologie mittlerweile ist, sodass man gar nicht erkennt, dass es sich um eine Perücke handelt.

Zurzeit bleibt neben Familie und Beruf nicht so viel Zeit für Privates. Früher habe ich gern Sport gemacht, vor allem Schwimmen, heute ist es eher das Lesen. Ich liebe Bücher. Ich mag Mode sehr, habe immer ein Auge darauf, was im Trend liegt. Und ich koche sehr gern. Das ist natürlich auch eine Win-win-Situation, weil ich regelmäßig für Schabbat und für die Feiertage koche. Das mag ich wirklich sehr, ich suche mir stets neue Rezepte heraus, und ich backe auch gern. Am Anfang war meine Challa gar nicht so toll, mein Mann hat sie trotzdem gelobt. Mittlerweile geht es ganz schnell und locker.

Ich möchte nicht zu pessimistisch klingen, aber ich glaube, es ist wichtig, realistisch zu sein. Wenn ich an meine Zukunft und die der Kinder denke – sie sind jetzt ein und drei Jahre alt –, bin ich besorgt, und ich möchte natürlich, dass sie alle Möglichkeiten haben. Und ich will nicht, dass sie Steine in den Weg gelegt bekommen, weil sie jüdisch sind oder orthodox aufwachsen.

Ich weiß von meinen Eltern, was es bedeutet zu emigrieren

Früher oder später müssen wir schauen, wo und wie wir gut und sicher leben können. Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt verstärkt diese Fragen, die wir versuchen zu vermeiden, weil wir in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Ich weiß von meinen Eltern, was es bedeutet zu emigrieren. Für viele ist es nicht leicht.

Ich persönlich lebe nicht in Angst, aber ich weiß, dass es Menschen gibt, die das tun. Und ich würde mir wünschen, dass man als Jude oder Jüdin nicht solche Gefühle haben muss und dass meine Kinder hier in Deutschland ohne Schwierigkeiten und Probleme aufwachsen können. Vielleicht ist diese Sorge ein bisschen negativ, aber das ist eine Befürchtung, die wir haben. Ich hoffe, dass es besser wird oder zumindest nicht schlechter.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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