Die Stunde verging viel zu schnell, jeder hätte gern weiterdiskutiert. »Ich habe mich gefreut, dass wir von unseren Sorgen berichten konnten und als jüngere Menschen gehört werden«, sagt Elisabeth, die in Potsdam lebt und in Berlin die Schule besucht. »Er hat uns konzentriert zugehört und sich auch Notizen gemacht – das gefiel mir«, ergänzt Alina.
Dass Thorsten Frei, der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, mit Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden des Projekts »Meet a Jew« sprach, kam bei den jungen Leuten gut an. »Es war ein gutes, offenes Gespräch, das mir gefallen hat«, sagt auch die 15-jährige Hannah aus Leipzig.
Offener Judenhass
Anlass der Gesprächsrunde waren unter anderem die bevorstehenden Gedenktage am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, und am 7. Oktober, an dem sich der Terrorangriff der Hamas auf Israel zum dritten Mal jährt. Frei sagt, er habe auch im Blick, »was hier in Berlin am 7. Oktober zu beobachten war. Das waren Szenen, die aus meiner Sicht unerträglich waren«. Offener Judenhass und eine Form von Menschenverachtung, die er so nicht für möglich gehalten habe.
Am Montag kamen Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Wiebke Rasumny, Referentin für Dialog und Engagement beim Zentralrat, Rahel Jann, Regionalkoordinatorin beim Zentralrat, sowie sechs Ehrenamtliche von »Meet a Jew« im Berliner Leo-Baeck-Haus mit Frei zusammen. Sie berichteten ihm von ihrer Arbeit und sprachen über ihre Erfahrungen und Sorgen.
»›Meet a Jew‹ leistet großartige Arbeit, und ich bin allen dankbar dafür.«
Thorsten Frei
Das Projekt »Meet a Jew« gibt es bereits seit 2020, Träger ist der Zentralrat der Juden in Deutschland. Rund 700 jüdische Ehrenamtliche ab 14 Jahren besuchen Schulen und andere Einrichtungen, um über jüdisches Leben und Judentum ins Gespräch zu kommen. Mehr als 4000 Begegnungen hat es seitdem gegeben, rund 100.000 Menschen seien auf diese Weise mittlerweile erreicht worden, sagt Wiebke Rasumny, die das Projekt seit seiner Gründung begleitet.
Alina will wissen, was die Politik tut, damit Jüdinnen und Juden an Universitäten sicher sind
Wie wichtig solche Begegnungen für die Jugendlichen sind, zeigt sich auch in den Fragen, die sie dem CDU-Politiker stellen. Alina macht den Anfang. Sie möchte bald studieren und will wissen, welche Maßnahmen die Politik ergreift, damit Jüdinnen und Juden an den Universitäten sicher sind. »Ich habe leider keine einfache Antwort darauf«, sagt Frei. »Wir müssen uns dagegenstellen und die richtigen gesetzlichen Grundlagen schaffen und diese durchsetzen.« Er glaube, in solchen Situationen müssten »wir auch als Gesellschaft geschlossen auftreten«. Das sei eine anstrengende Arbeit. Politische Bildungsarbeit und das Projekt »Meet a Jew« seien daher so wichtig. Denn die meisten Menschen hierzulande würden keine Juden kennen.
Auch Leonhard kann von Erfahrungen berichten. Er zog vor einem Jahr nach Hamburg. Zuvor hatte er in Bremen eine Ausbildung absolviert und viel Verständnis von seinem Chef erfahren. Der hatte ihm nach dem 7. Oktober 2023 angeboten, ein paar Tage freizunehmen. Mittlerweile studiert Leonard in Hamburg. Dort wurde er verbal angegriffen, als andere mitbekamen, dass er jüdisch ist.
Sorge über das gute Abschneiden der AfD bei Landtagswahlen
Elisabeth berichtet, dass sie an einer staatlichen Schule niemand fragte, wie es ihr nach dem 7. Oktober geht. Im Gegenteil, als es um eine Recherche für einen Essay ging, habe der Lehrer explizit gesagt, dass die Schüler nicht bei jüdischen Zeitungen nachschauen sollen, da sie nicht vertrauenswürdig seien. Dabei hätte er auf sie geschaut, was ihr sehr unangenehm war.
Auch Tim blickt mit Sorge auf die Entwicklung. Der Student zog vor drei Jahren von Bayern nach Berlin. »Ich habe viele Freundschaften nach dem 7. Oktober verloren«, sagt er. Und die Sicherheitslage habe sich verändert. Weiter findet er es besorgniserregend, dass das Interesse am 7. Oktober nachlasse. Ebenso beunruhige ihn das gute Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. »Ich wünsche mir eine starke Brandmauer gegenüber der rechtsextremen Partei.« Die Lage sei für Jüdinnen und Juden dramatisch, sagt er. Viele stellten sich nicht die Frage, ob sie auswandern sollen, sondern wann.
Alina wiederum spricht über Probleme auf Social Media. »Wenn man sich im Netz mit einem Davidstern zeigt, erfährt man Hass.« Der größte Hass komme aus den sozialen Netzwerken. Was die CDU/CSU gegen all dies in Zukunft unternehmen will, möchte Leonhard wissen. Thorsten Frei beruft sich auf die Bundeszentrale für politische Bildung und das Bundesprogramm »Demokratie leben«. Mit 200 Millionen Euro sei dieser Topf aufgebaut worden, aus dem auch »Meet a Jew« gefördert wird.
Seismograf für die Gesellschaft
»Jüdinnen und Juden machen einen kleinen Anteil der Bevölkerung aus und sind ein Seismograf für die Gesellschaft. Es spricht für den schlechten Zustand unserer Gesellschaft«, sagt Frei. »Wir wünschen uns, dass Sie die Unterstützung spüren. Wir schätzen, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt, und sehen es als Vertrauensbeweis, dass Sie hier sind.«
Wenig später sagt Thorsten Frei: »Das Projekt hat großartige Erfolge gefeiert. Die Idee, jüdisches Leben ganz persönlich kennenzulernen, indem man die Menschen trifft, finde ich großartig.« Es trage dazu bei, jüdisches Leben in Deutschland als etwas Normales zu erleben. »Es ist eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft. ›Meet a Jew‹ leistet hier eine ganz besondere Arbeit, und ich bin allen sehr dankbar, die viel Zeit und Energie darauf verwenden, im Ehrenamt jüdisches Leben anderen Menschen näherzubringen.«
