Wuppertal

Am helllichten Tag

Am Donnerstag vor Jom Kippur schleicht ein Mann an der Gemarker Straße 15 in Wuppertal um die Synagoge der Jüdischen Kultusgemeinde. Gegen 14 Uhr verschüttet er eine brennbare Flüssigkeit aus mehreren Behältern auf den Treppenstufen und an einem Nebeneingang des Bethauses – und zündet sie an. In aller Seelenruhe, mitten in der Stadt im belebten Ortsteil Barmen. Zuvor hat er noch zwei junge Frauen, die sich in der Nähe zufällig aufhielten, brüsk angewiesen, den Ort zu verlassen. Danach flüchtet er.

»Am Mittwoch, den 16. September, haben wir unseren Jahresempfang gehabt«, sagt Leonid Goldberg, der Vorsitzende der rund 2000 Mitglieder zählenden Gemeinde. Viele Menschen waren gekommen, darunter auch Politiker. »Und am 17. passiert so etwas. Am helllichten Tag. Unser Gefühl ist schwer zu beschreiben, das sage ich ganz ehrlich.«

Wie durch ein Wunder ist niemand verletzt worden. »Unser Café war zu, weil die Mitarbeiter am Vortag bis spät in die Nacht gearbeitet hatten und frei bekamen. Deswegen ist es mehr oder weniger glimpflich ausgegangen. Unser Sicherheitsmitarbeiter hat den Brand gesehen und sofort reagiert.« Mit Feuerlöschern gelang es Gemeindemitgliedern, die Flammen innerhalb weniger Minuten zu ersticken.

»Unser Gefühl ist schwer zu beschreiben, das sage ich ganz ehrlich.«

Leonid Goldberg

Die Polizei konnte den mutmaßlichen Täter schnell ermitteln und festnehmen. Noch am Freitagabend wurde der 37-jährige Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit dem Haftrichter vorgeführt.

Bisheriger Stand der Ermittlungen

Er befindet sich seither in Untersuchungshaft. Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen habe der Mann allein und aus antisemitischen Motiven heraus gehandelt, erklärte Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert. Zudem habe er eine Vorstrafe wegen Bedrohung einer Nachbarin.

Laut Pressestelle des Polizeipräsidiums habe »Schlimmeres verhindert« werden können, weil sich der Objektschutz dauerhaft dort befinde. Daher habe man den Täter auch so schnell festnehmen können. Noch am Donnerstagabend hatten sich spontan rund 30 Anwohner, Bürger, Lokal- und Landespolitiker zu einer Mahnwache vor der Synagoge zusammengefunden. »Wir sehen, dass viele Menschen in unserer Stadt mit uns solidarisch sind und auf unserer Seite stehen. Das tut wirklich sehr, sehr gut«, sagt Goldberg.

Dann hält der Gemeindechef einen Moment inne. »Andererseits wissen wir, dass es mittlerweile eine ganze Menge linker Extremisten und Islamisten gibt. Kein Mensch trägt mehr öffentlich Kippa in Wuppertal und Umgebung. Seit vielen Jahren. Wenn jemand meint, dass er Kippa tragen muss, trägt er etwas darüber. Einen Hut, eine Baseballmütze, irgendwas. Das ist nicht der erste Anschlag«, bringt Goldberg das allgemeine Empfinden der Gemeinde auf den Punkt: »Angst haben die Menschen schon seit Langem. Das sehen wir an den Besuchern der Gottesdienste, und jetzt nach dieser Berliner Wahl haben sie wahrscheinlich noch mehr Angst.«

Zwölf Jahre ist es her, dass in der Nacht zum 29. Juli 2014 drei junge vorgeblich palästinensische Männer mehrere Molotowcocktails an eine Außenwand und auf einen Nebeneingang der Synagoge schleuderten. Sie gaben als Motiv Wut über den Gaza-Konflikt an. 2015 wurden sie wegen schwerer Brandstiftung zu Bewährungsstrafen verurteilt, weil das Amtsgericht Wuppertal die Tat nicht als antisemitisch, sondern als nahostpolitischen Frustakt einstufte. Erst in einem Berufungsverfahren am Landgericht und nach zahlreichen Protesten wurde das Strafmaß teilweise verschärft.

Die Gemeindemitglieder lassen sich nicht einschüchtern

Die Gemeindemitglieder ließen sich auch von dem jüngsten Angriff nicht einschüchtern. »Wir haben unsere Feiertage und Gottesdienste gehalten, unsere Lieder gesungen, saßen in der Sukka, viele sind gekommen, und das war sehr nett.«

Trotzdem ging der vereitelte Anschlag nicht an allen spurlos vorbei. In einem Interview mit dem WDR sagte die 95-jährige Ehrenvorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, Ruth Yael Tutzinger: »Bei mir melden sich natürlich die Bilder von damals. Ich war ja immerhin, als der Zweite Weltkrieg aus war, 13 Jahre alt. Also ich wusste schon, was Sache war.«

Tutzinger kämpfte während des Gesprächs mit den Tränen. Sie berichtet von einem immer größer werdenden Hass auf Juden. Es gebe viele Anfeindungen von Menschen, die überhaupt keine Juden kennen würden. »Es gibt Holocaust-Überlebende, die Morddrohungen bekommen. Ich frage mich: Welche Irren sind da unterwegs? Das ist schon erschreckend. Mich nimmt das alles sehr mit.«

Der Anschlag wird auch Konsequenzen haben. Die Polizei sei jetzt 24 Stunden vor Ort und nicht nur zu den Öffnungszeiten des Wohlfahrtsverbands oder bei Chor- und Tanzproben, bestätigt Goldberg. »Das hatten wir schon einmal«, sagt er. Dann wurde die Präsenz wieder heruntergefahren. Ob es diesmal dauerhaft so bleibe, werde er nächste Woche in einem Gespräch mit dem Polizeipräsidenten erfahren.
Alltag in Deutschland.

»Dieses Vorgehen bezeugt die fortschreitende Normalisierung des Judenhasses«

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, verurteilte den Angriff. »Erneut ist es in der Zeit der jüdischen Hohen Feiertage zu einem Anschlag auf eine Synagoge gekommen. Was mich zutiefst verstört, ist die Seelenruhe, mit welcher der Täter in Wuppertal diesen Anschlag am helllichten Tag durchgeführt hat. Von Unrechtsbewusstsein oder Scham fehlt jede Spur. Dieses Vorgehen bezeugt die fortschreitende Normalisierung des Judenhasses, auf die unsere Gesellschaft bisher keine Antwort gefunden hat«, so Schuster.

Zwölf Jahre ist es her, dass Molotowcocktails auf die Synagoge geworfen wurden.

Diese »Normalisierung des Antisemitismus« beobachtet und beschreibt Leonid Goldberg wie folgt: »Allein in Düsseldorf hatten wir am letzten Samstag riesengroße Demonstrationen von sogenannten Palästinensern oder propalästinensischen Kräften. Ja, wir haben sehr große Probleme, besonders nachdem die ehemalige Bundeskanzlerin so viele Muslime ins Land gelassen hat, ohne zu prüfen, ob sie irgendwelche Papiere hatten oder nicht.« Goldberg kritisiert auch, dass in Zusammenhang mit dem Angriff vor zwölf Jahren einer der Attentäter falsche Angaben gemacht habe: »Er hatte über sein Alter gelogen und besaß keine Geburtsurkunde.«

Was also tun, fragen sich offenbar viele in der jüdischen Community. »Mehr als erklären und aufklären können wir nicht«, sagt der Gemeindevorsitzende. »Wir sind Juden, wir haben unsere Religion und unsere Traditionen. Und wir machen weiter, das ist alles.« Auch am vergangenen Wochenende wurde wieder gebetet, alles fühle sich »ganz normal« an.

Wäre da nicht dieser kämpferische Unterton, der in seiner Stimme liegt, dieser Stolz und der Trotz, der die traurige Normalität infrage stellt: »Wir werden nicht zulassen, dass sie jüdisches Leben in Deutschland und in Europa total kaputt machen. Was sie vorhaben, das wissen wir. Aber mal gucken.«

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