Lesen

Die geblieben sind

»Ich habe in diesem Buch viel über diese Enttäuschung geschrieben, weil sie real war und bleibt«: Hanna Veiler (28) Foto: Gregor Zielke

An einem Samstagabend im Juni sitze ich mit einigen Freunden in meinem Wohnzimmer in Brüssel. Im Hintergrund läuft ein Fußballspiel. Die WM hat gerade begonnen, und meine Freunde fiebern mit. Ich verstehe nicht viel von Fußball und nicht von Sport im Allgemeinen. Ich kann die Gefühle meiner nervös auf der Couch sitzenden Freundinnen nicht nachvollziehen, während ihre Augen dem Ball auf dem Spielfeld konzentriert nachwandern. Alle von uns sind jüdisch.

Wir kommen aus unterschiedlichen Ländern und sind unterschiedlich aufgewachsen. Manche von uns sind religiös, gehen regelmäßig in die Synagoge, während andere genüsslich auf der Salami-Pizza herumkauen, die jemand mitgebracht hat. Uns verbindet nicht nur, dass wir jüdisch sind, sondern auch, dass wir alle für jüdische Organisationen und in jüdischen Kontexten arbeiten.

Wir alle haben in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, jüdisch in unserem Arbeitsalltag und jüdisch zu Hause zu sein. Das bedeutet vor allem, dass die zum Teil schmerzvollen und komplizierten Dinge, mit denen wir uns täglich beschäftigen müssen, nicht abgeschlossen sind, wenn wir unsere Büros verlassen. Wir nehmen sie mit nach Hause, mit in unseren Alltag. Unsere Gedanken kreisen viel zu oft um Antisemitismus, um den Schutz und die Förderung jüdischen Lebens und um den Hass, den wir erfahren, auch wenn wir gerade miteinander Fußball schauen, im Café sitzen oder müde ins Bett fallen.

Mentaler Druck und verlorene Freundschaften

Es gibt keinen jüdischen Raum mehr, der frei wäre von, oft unausgesprochenen, existenziellen Sorgen und Ängsten. Alle von uns haben in den vergangenen Jahren vermehrt auf ihre Sicherheit achten müssen, haben unter enormem mentalen Druck gelitten, Freundschaften verloren und verändert, wie wir auf unser Leben in Europa blicken. Viele von uns haben das Gefühl entwickelt, sich nur unter anderen Jüdinnen und Juden sicher und verstanden fühlen zu können.

Solidarität kam nicht immer von dort, von wo wir sie erwartet hätten.

Schaue ich zurück zu meinen Anfängen im jüdischen Studierenden-Aktivismus, tut mir gerade diese Erkenntnis besonders weh. Wir haben Mauern um uns herum gebaut, weil wir so müde vom Erklären sind. Diese Mauern werden getragen von Angst und Erschöpfung. Wir haben zu oft riskiert, aus unseren Freundeskreisen verstoßen zu werden, dafür, dass wir unsere Verbindung zu Israel offen aussprechen oder für unsere politischen Positionen einstehen.

Ich kenne zu viele junge jüdische Menschen, die sich nicht mehr trauen, Freundschaften dort aufzubauen, wo man vulnerabel werden kann. Dort, wo man, um verstanden zu werden, erst seine Geschichte und Perspektive erklären muss, und dort, wo Vulnerabilität am Ende gegen dich verwendet werden könnte. Viele junge Jüdinnen und Juden meiner Generation wollten nie so ein Leben. Wie bereits ausführlich beschrieben, ging es uns immer darum, Teil der Gesellschaft zu sein. Aber sind wir Teil, wenn wir uns nach dem Erlebten der letzten Jahre zurückziehen müssen?

Fragen von Zugehörigkeit und Identität

Die alles betäubende Einsamkeit, die ich am Morgen des 7. Oktober verspürte, ist immer noch da. Sie prägt weiterhin viel zu oft unsere Leben. Das Fußballspiel, das wir an diesem Abend schauen, wird für mich zur Metapher. Auch hier geht es um Fragen von Zugehörigkeit und Identität.

Seit zu langer Zeit fühle ich mich, als würden wir als Team einem Ball hinterherjagen, ohne überhaupt noch zu wissen, worum es geht und für wen wir spielen. Als würden wir rennen und versuchen, ins Tor zu zielen, auf einem Spielfeld, auf dem die Regeln nicht von uns definiert wurden. Es kommt mir manchmal so vor, als würden wir in den Debatten um Antisemitismus und jüdisches Leben vergessen, wofür wir noch kämpfen. Und das bringt mich zu der Frage, welche Verantwortung wir selbst tragen.

Am selben Abend liege ich auf dem Boden meines Wohnzimmers und diskutiere mit meinen Freundinnen und Freunden darüber, ob wir aus der Defensive herausmüssten. Ob es an der Zeit wäre, unsere eigenen Narrative zurückzufordern und mit Stolz und Selbstbewusstsein nach außen zu treten, trotz der Gefahren, die das mit sich brächte. Ob wir uns wieder trauen müssen, verletzlich zu sein, um wahre Verbindungen, sowohl im Politischen als auch im Privaten, aufbauen zu können. All das ist viel leichter gesagt als getan. Aber vielleicht beginnt genau dieses Nach-außen-Treten damit, die Perspektive zu ändern.

Nach dem 7. Oktober wurde viel über diejenigen gesprochen, die geschwiegen haben. Über Freundinnen und Freunde, die plötzlich nicht mehr wussten, was sie sagen sollten. Über politische Bündnisse, die jahrelang von Solidarität, Antidiskriminierung und Betroffenenperspektive gesprochen hatten und dann verstummten, als Jüdinnen und Juden betroffen waren. Über Organisationen, die es nicht schafften, die Ermordung, Verschleppung und Vergewaltigung jüdischer Menschen klar zu benennen, ohne sie im nächsten Satz zu relativieren oder in einen größeren politischen Kontext zu stellen, als müsste man jüdisches Leid erst erklären, damit es überhaupt anerkannt werden darf.

Manche Menschen rückten in die Ferne, obwohl sie vorher nah waren.

Ich habe in diesem Buch viel über diese Enttäuschung geschrieben, weil sie real war und bleibt. Weil sie nicht nur politisch ist, sondern für viele von uns zutiefst persönlich. Weil sie Freundschaften zerstörte, Räume verschloss und vielen jungen Jüdinnen und Juden das Gefühl gab, dass sie nur so lange Teil bestimmter Bewegungen sein durften, wie sie leise blieben darüber, was ihnen widerfuhr.
Wir durften nicht zu laut sein. Unserer Trauer wurde zu oft kein Raum eingeräumt. Wir sollten nicht zu sehr mit Israel verbunden sein, nicht darüber sprechen, wie sich Antisemitismus auf unser Leben auswirkte oder welche politischen Forderungen daraus erwuchsen.

Doch je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass die Frage nach denen, die gegangen sind, nicht die einzige Frage bleiben darf. Sie erklärt den Bruch, aber sie erklärt nicht, was danach kommt. Sie beschreibt den Verlust, aber nicht die Möglichkeit, trotzdem weiterzuleben. Doch genau das ist die schwierigere und wichtigere Frage: Wer ist geblieben?

Beziehungen neu sortieren

Krisen zeigen nicht nur, auf wen man sich nicht verlassen kann. Sie zeigen auch, wer bleibt, wenn es unangenehm wird. Wer nicht verschwindet, wenn die eigene Solidarität plötzlich etwas kostet. Wer nicht nur dann an der Seite von Minderheiten steht, wenn es Applaus bringt. Wer bereit ist zuzuhören, auch wenn das Gehörte das eigene Weltbild stört. Ich glaube, viele junge Jüdinnen und Juden haben in den vergangenen Jahren gelernt, ihre Beziehungen neu zu sortieren. Nicht unbedingt bewusst und nicht immer als große Entscheidung. Eher still, schmerzhaft und schrittweise.

Manche Menschen rückten in die Ferne, obwohl sie vorher nah waren. Andere, mit denen man nie gerechnet hätte, kamen näher. Manche Freundschaften hielten den 7. Oktober nicht aus. Andere wurden genau in dieser Zeit tiefer. Das war eine der überraschendsten Erfahrungen der vergangenen Jahre: Solidarität kam nicht immer von dort, von wo wir sie erwartet hätten. Nicht immer von den lautesten Stimmen. Nicht immer von denen, die jedes Antidiskriminierungsseminar besucht hatten. Nicht immer von Menschen, die die richtigen Begriffe kannten oder sich politisch besonders reflektiert gaben.

Manchmal kam sie von Menschen, die gar nicht wussten, was sie sagen sollten, aber trotzdem anriefen. Von Menschen, die keine perfekte Analyse hatten, aber verstanden, dass gerade etwas Schreckliches passiert war. Von Menschen, die nicht versuchten, uns zu belehren, sondern fragten: Wie geht es dir eigentlich?

Diese Frage klingt banal. Fast zu einfach für ein Buch über Antisemitismus, jüdische Zukunft und gesellschaftliche Verantwortung. Aber für viele von uns war sie nach dem 7. Oktober alles andere als banal. Sie war selten und deshalb kostbar. Sie war manchmal der Unterschied zwischen völliger Einsamkeit und dem Gefühl, noch irgendwo Halt zu finden.

Ich wünsche mir oft, mich mit anderen Dingen als mit existenziellen Fragen beschäftigen zu können.

Viele Menschen wollten nach dem 7. Oktober mit uns über den Nahostkonflikt sprechen. Über die israelische Regierung, über Gaza, über Besatzung und über internationale Politik. Über die Geschichte der Region und über alles, nur nicht über uns. Nicht über unsere Trauer, unsere Sorgen und unsere Erschöpfung. Und erst recht nicht über unsere Wut.

Über das, was es bedeutete, als junge jüdische Person in Deutschland morgens aufzuwachen, das Handy zu öffnen und Bilder von ermordeten Menschen zu sehen, die genauso hätten Freunde, Cousinen, Brüder oder man selbst sein können. Über das Gefühl, währenddessen im Hörsaal, im Büro, in der U-Bahn oder am Küchentisch zu sitzen und zu merken, dass sich für die meisten anderen die Welt einfach weiterdreht. Selbst wenn wir darüber sprechen, werden die meisten Menschen diesen Abschnitt unseres Lebens nie ganz nachvollziehen können, und ich nehme es ihnen oft nicht mal übel.

Ein Privileg, das viele von uns nicht haben

Ich wünsche mir selbst oft, mich mit anderen Dingen als mit existenziellen Fragen beschäftigen zu können. Häufig beneide ich die Freiheit, die das mit sich bringen muss. Nicht ständig reagieren zu müssen oder sich zu sorgen, dass die nächsten Nachrichten einschlagen, ist ein Privileg, das viele von uns nicht haben.

Der Großteil der Jüdinnen und Juden in Deutschland sind keine Aktivistinnen und Aktivisten oder Politikerinnen und Politiker. Viele jener, die es sind, sind es häufig nicht freiwillig geworden, sondern weil das Leben als jüdische Person in Deutschland sie dazu brachte, Verantwortung zu übernehmen, die andere nicht tragen wollten, und für sich selbst und die eigene Community einzustehen.

Aber die meisten von uns wollen ein ganz normales Leben führen. Die meisten von uns wollen ihre Jugend genießen, abends betrunken von Partys heimkommen, Abenteuer erleben, verreisen, ihr Studium zu Ende führen, Karrieren aufbauen, Liebe finden und einfach nur ein erfülltes Leben führen. Ohne Angst als ständigen Begleiter.

Hanna Veiler: »Jung, jüdisch, wütend. Unser Ringen um eine Zukunft in Deutschland«. Piper, München 2026, 208 S., 18 €
Das Buch erscheint am 2. Oktober. Abdruck mit freundlicher Genehmigung

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Wuppertal

Am helllichten Tag

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge geht das Gemeindeleben in der nordrhein-westfälischen Stadt weiter. Aber was bedeutet diese Normalität?

von Helmut Kuhn  01.10.2026

Rostock

Zunehmend sprachlos

Die Gemeinde hatte Schlimmeres befürchtet, doch Sorgen bleiben auch nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

 01.10.2026

Wiedervereinigung

Zeit der Blüte

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Für jüdische Gemeinden in Ost und West war dies ein neuer Anfang, für manche auch die Rettung. Drei Gemeindemitglieder erzählen, wie sie diese Zeit erlebten

von Christine Schmitt  01.10.2026

Deutschland

Holocaust-Überlebende: Regierung der Linkspartei in Berlin wäre eine Katastrophe

»Hier muss die Politik gründlich aufpassen, dass das nicht passiert«, sagt Charlotte Knobloch bei »Maischberger«

 01.10.2026

Wahl

»Der Schock sitzt tief«

Jüdinnen und Juden blicken mit großer Skepsis auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linken. Sie fordern klare Zusagen zum Kampf gegen Antisemitismus

von Christine Schmitt  30.09.2026

Rathaus Neukölln

Berlin

Hillel zieht seine Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln ab

Der jüdische Bildungsverein will seine Chanukka-Feier künftig an einem »neutralen Ort« abhalten. Für den scheidenden Bürgermeister Martin Hikel ist die Entscheidung ein Schock

 01.10.2026 Aktualisiert

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026