Ferien

Unsere kleine Stadt

Der Applaus war riesig, nachdem sich am Dienstag vergangener Woche in der wittenbergischen »Phönix Theaterwelt« der Vorhang vor der Kulisse aus Pappmaché schloss und die letzten Töne der aus dem Jahr 1930 stammenden Kinderoper Wir bauen eine Stadt aus dem Orchestergraben erklungen waren. Stolz standen die jungen Performer auf der Bühne und genossen diesen Moment, der nur ihnen gehörte.

Wäre der Komponist Paul Hindemith (1895–1963) an diesem Abend anwesend gewesen, er wäre vielleicht ebenso begeistert gewesen wie die 180 Zuschauer, die für die Show extra angereist waren. Denn die Oper, die Hindemith im Jahr 1930 komponierte, trifft auch heute den Nerv des Publikums.

Neue Formen des Zusammenhalts und der Kooperation erproben

Statt zur Unterhaltung der Erwachsenen soll das Stück Kinder und Jugendliche dazu einladen, im gemeinsamen Planen, Herstellen und Aufführen neue Formen des Zusammenhalts und der Kooperation zu erproben. »Gibst du mir Steine, geb ich dir Sand. Holst du mir Wasser, rühr ich den Kalk. Wir bauen die Häuser. Wir setzen Dächer drauf. Wir bauen Straßen. Wir bauen die Straßenbahn. Wenn wir uns alle helfen, steht unsere Stadt bald«, heißt es an einer Stelle der Oper.

Fast 100 Jahre nach der Uraufführung sind es die jugendlichen Teilnehmer des Sommercamps »Jewish ArtEck«, die mit ihrer Inszenierung die Aktualität des Stoffs zeigen. In nicht einmal zwei Wochen haben sie gemeinsam die Bühnenfassung, das Bühnenbild, Kostüme, Masken und eine Choreografie erarbeitet. Dass Erwachsene hier allenfalls unterstützend zur Seite stehen, ist dabei nicht nur im Sinne des Komponisten, sondern auch des Berliner Vereins »J-ArtEck Jugendbildungsstätte«, der seit mittlerweile 20 Jahren jüdische Jugendliche im Alter von 17 bis 20 Jahren dazu ermutigt, sich im gemeinsamen kreativen Arbeiten miteinander zu vernetzen, und zu diesem Zweck das Kreativcamp ins Leben gerufen hat.

Schabbat im Grünen, Holzklötze in Berlin – ein echter Sommer.

Ursprünglich sei das Projekt vor allem für russischsprachige Teenager gedacht, heute kämen jedoch auch deutschsprachige, niederländische und israelische Jugendliche, erzählt die Leiterin des Vereins, Ella Nilova, die selbst aus der Ukraine kommt. »Im Zentrum steht für uns, dass die Teilnehmer nicht passiv bleiben und gesagt bekommen, was sie zu tun haben. Sie sollen durch die gemeinsame kreative Arbeit ihre Talente entwickeln, Neues lernen, eine Gemeinschaft bilden und sich ohne Angst frei ausleben«, erklärt sie den von dem polnisch-jüdischen Kinderarzt Janusz Korczak stammenden pädagogischen Ansatz, an den das Projekt anschließt.

Die Aufführung ist der Höhepunkt der gemeinsamen Zeit

Die Aufführung ist dabei zwar der Höhepunkt der gemeinsamen Zeit, doch es geht um mehr. Ein ganzes Festival stellen die Jugendlichen auf die Beine. Zu Beginn des Sommercamps im Nordosten Brandenburgs können die Teilnehmer einen Bereich auswählen, in dem sie ihre Talente einbringen wollen. Zur Auswahl stehen Kunst, Chor, Orchester, Tanz und Theater. Im gemeinsamen Probenprozess tauschen sie sich untereinander aus und bekommen die Möglichkeit, auch die Arbeit der anderen Gewerke kennenzulernen.

Zwischendurch gibt es Fahrten nach Berlin, wo das Bauen mit dem Besuch der Ausstellung We Make Years Out of Hours der litauischen Künstlerin Lina Lapelytė eine ganz praktische Seite bekommt. Denn die 400.000 Holzklötze, die in der großen Halle gestapelt, umgeworfen oder ganz anders liegen, sind eine Einladung für kreative Jugendliche, die auch die Workshops während des gesamten Sommercamps gestalten.

Nicht immer sind es leichte Themen. So berichtet eine Teilnehmerin aus Israel über ihre Erfahrungen am 7. Oktober 2023, dem Tag, an dem ihr Cousin getötet wurde. Eine andere Teilnehmerin aus der Ukraine spricht über ihre jüdische Identität. Auch diese soll in den knapp zwei Wochen, die die Teenager gemeinsam verbringen, gestärkt werden. »Für viele ist es das erste Mal, dass sie Schabbat feiern und gemeinsam jüdische Lieder singen«, sagt Annette Gloub, eine der Gruppenleiterinnen.

In diesem Jahr habe man sich nicht zuletzt wegen der Biografie von Paul Hindemith zudem viel mit dem Thema »Entartete Kunst« beschäftigt, berichtet die 18-jährige Anna, die in diesem Jahr als junge Betreuerin mit dabei ist.

Die 16-jährige Milana ist bereits zum fünften Mal dabei.

Wie wichtig solche Erfahrungen für Teenager sein können, erzählt die 16-jährige Milana, die bereits zum fünften Mal teilnimmt. »Ans erste Mal erinnere ich mich noch sehr gut, denn meine Familie und ich waren gerade vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen. Das Camp hat mir geholfen, meine Traurigkeit zu überwinden.«

Zum ersten Mal Betreuerin

Wie Anna ist auch Milana in diesem Jahr zum ersten Mal Betreuerin. »Ich mag es, ein Ansprechpartner für die Kinder zu sein. Und ich mag es auch, dass Kinder aus den Niederlanden, aus Israel, Deutschland und ukrainische Geflüchtete die Tage miteinander verbringen. Ich habe viele neue Freunde gefunden. J-ArtEck ist für mich Familie.«

Dazu kommt in diesem Jahr ein ganz besonderer Auftritt. Die wittenbergische Stadtkirche lud die jüdischen Teenager für ein Konzert mit dem Titel »Erzählungen des Alten Testaments in der Musik« in die evangelische Gemeinde ein, bei dem Lieder von jüdischen Komponisten gesungen wurden. »Das war eine große Ehre und auch ein wichtiges Zeichen. Für uns geht es nicht nur um die Vernetzung jüdischer Jugendlicher, sondern auch darum, jüdisches Leben sichtbar zu machen«, sagt Nilova über den Auftritt am Vorabend der Opernpremiere.

Die Stadt, die die Jugendlichen während ihrer gemeinsamen Zeit gebaut haben, ist eine Utopie im Kleinen, getragen von Solidarität, Kooperation und vor allem von der Freundschaft.

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