Die Sprache ist ihr Element. Wort für Wort erkundet sie die Welt. Verknüpft das Beobachten mit dem Empfinden, verbindet Traum und Wirklichkeit und schafft damit etwas ungeahnt Wahrhaftiges: einen Raum, in dem sich Trauer und Schmerz, Sehnsucht und Hoffnung entfalten. Hilde Domin (1909-2006) lässt dem zarten Glück Flügel wachsen. Wie sehr es lohnt, den Texten der Meisterin des Verdichtens nachzugehen, unterstrich jetzt die Auftaktveranstaltung des Festivals SHALOM-MUSIK.KOELN.
Publikum und Ausführende waren »Zu Gast bei Hilde Domin« und widmeten sich einen Abend lang im Palais der Flora dem Leben und Werk der als Hildegard Dina Löwenstein in Köln geborenen Poetin. Der Untertitel des Programms zeigte an, dass es um mehr noch ging: »So klingt das Leben!« war wie ein Versprechen, das Dasein trotz allem zu feiern.
Dazu nahm die Sängerin und Moderatorin Sharon Brauner die Menschen im ausverkauften Saal an die Hand. Sie folgte den Spuren der Lyrikerin, erzählte von Studienzeiten, von der großen Liebe Erwin Walter Palm (den sie nach Italien begleitete, vielleicht schon ahnend, dass aus dem Auslandsaufenthalt ein Exil werden könnte), von der Flucht in die Dominikanische Republik (wo ein rassistischer Machthaber nur scheinbar altruistisch handelte, aber doch mehreren Hundert jüdischen Geflüchteten das Leben rettete), von der Selbstfindung als Autorin, ihrer Rückkehr nach Deutschland (1954) und den ersten Publikationen. Eine Mutmachgeschichte, gespiegelt in der Musik.
Die vier Lieder waren wie eine Umarmung
Auf der Bühne sang der Kammerchor des Kölner Männer-Gesang-Vereins unter Leitung von Bernhard Steiner von »Wochenend‘ und Sonnenschein« und von »Liebe und Wein«, machte riesigen Spaß als »Colonian Harmonists« und lieferte den stimmigen Background für die starken Solo-Stücke von Sharon Brauner. Arrangiert hatte die gemeinsam aufgeführten Werke (u.a. der jiddische Klassiker »Bei mir bistu sheyn«) der israelische Komponist, Pianist und Dirigent Shay Cohen. Schon hier zeigte sich sein feines Gespür dafür, wie Text und Musik berührend zusammenzuführen.
Die Kölner Festivalmacher hatten ihn damit beauftragt, vier Gedichte von Hilde Domin zu vertonen. Die Uraufführung dieser kleinen Suite für Männerchor, Waldhorn und Klavier begeisterte. Denn Shay Cohen, selbst am Klavier, war es gelungen, mit großem Respekt für jedes einzelne poetische Wort diese Texte wunderbar warmherzig einzuhüllen. Die vier Lieder waren wie eine große Umarmung. Im mitreißend melodischen Sog entstand das Bild von der Luft, die trägt, von der versunkenen Stadt, vom heiligen Atem und der Hand, einem Vogel gereicht. Wie eine grundstabile Vergewisserung wirkte die ruhige Unterstreichung des Waldhorns, meisterlich gespielt von Bar Zemach.
Der junge israelische Hornist und Schofar-Spieler ist in diesem Jahr der Artist in Residence des Kölner Festivals. Mit dem Klang seines Schofar hatte er das Konzert mit feierlichem Ernst eröffnet. Er reihte sich später ein in die Toy-Goys-Band mit Harry Ermer an den Tasten, Daniel Zenke am Bass und Beatboxer Paul Brenning. Was sehr stimmig war und sehr cool.
Bei der Zugabe sangen alle kräftig mit
Die Begegnung mit Bar Zemach, der als erster Musiker gilt, der den Schofar melodisch und chromatisch im Konzertsaal spielt, bildet einen roten Faden im Programm von SHALOM-MUSIK.KOELN 2026, auch mit zwei weiteren Uraufführungen: Gerald Cohens religiös-vergewisserndem »Hineni – Here I am« und Gilad Hochmans »In Memoriam«, das ausgehend vom Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 menschliches Leid beklagt.
Auf zehn Tage hatten das Kölner Forum für Kultur im Dialog (just ausgezeichnet mit dem Ehrenamtspreis für jüdisches Leben in Deutschland) und die Synagogen-Gemeinde in Köln das Festival als Veranstalter programmiert. Ihr Motto »ZUHÖREN« unterstreicht eine Haltung des Zugewandtseins, einer Aufmerksamkeit, die von der Wahrnehmung ins Handeln führen kann. Ein Anfang war mit dem Konzert in der Flora gemacht. Bei der Bläck-Fööss-Zugabe sangen alle im Saal kräftig mit, auch die für das Land grüßende NRW-Kulturministerin Ina Brandes in Reihe eins. Das »Mir sin, wie mer sin« blieb im Ohr.